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Ost und West · 1916-12-01 · Heft 12 (Dezember 1916) · p. Seite 439 - 440

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 12 (Dezember 1916)
Article
Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen
Date
1916-12-01
Page
Seite 439 - 440 (sequence 4)
Language
German
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439 Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen. 440 dischen Hochschulen sind die Dozenten nicht nur mit Vorträgen überbürdet, sondern sie sind gezwungen, die disparatesten Fächer vorzutragen (Bibelkunde und Religionsphilosophie; Schulchan Aruch und Geschichte der mittelalterlichen Poesie), wodurch eine verfeinerte Spezialisierung und Vertiefung unmöglich wird. Schlimmer noch. Mancher Dozent ist gezwungen, ein zeit- und kraftraubendes Nebenamt zu versehen, um nur halbwegs anständig seine Familie ernähren und ein Kind erziehen zu können, und muß darum manchen heißgeliebten wissenschaftlichen Plan begraben. Der verstorbene Jacob Barth war einer der genialsten und scharfsinnigsten Semitologen der Gegenwart. Als er noch ein ganz junger Mensch war, erwartete die gelehrte Welt von ihm eine vergleichende Grammatik der semitischen Sprachen. Fin anderer hat sie geschrieben, der als Christ rechtzeitig in den Besitz der nötigen Stellung gekommen war, um sorgenfrei arbeiten zu können, während Barth den schönsten Teil seiner Zeit und den 'besten seiner Kraft wegzugeben gezwungen war, um in drei verschiedenen Lehranstalten Unterricht in Anfangsgründen zu erteilen, was der erste beste kleine Doktor ebenso gut, vielleicht noch besser hätte besorgen können. Jede Lehranstalt sollte ihren Stolz daran setzen, den Stoff möglichst zu differenzieren, in eine möglichst große Zahl von Spezialfächern zu zerlegen, für jedes Fach mindestens zwei Spezialisten zu besitzen und jungen Nachwuchs heranzubilden. An Kräften würde" es uns wahrlich nicht fehlen, aber die Mittel besitzt die — Akademie der Wissenschaften. * * * Neulich hat ein evangelischer Theologe in einer Anwandlung von Toleranz vorgeschlagen, daß ander Universität zu Frankfurt a. M. eine Professur für ,.jüdische Wissenschaft" errichtet werde. Das hätte ebenso viel Sinn, wie ein Lehrstuhl für Naturwissenschaften, dessen Inhaber Astronomie aber auch Bakteriologie, Gesteinkunde aber auch Physiologie vorzutragen hätte. Auch diese Disziplinen gehören ja irgendwie zueinander und haben einet, gemeinsamen Namen. Line solche Professur wäre überdies nur zu leicht der Gefahr ausgesetzt, zum Zankapfel der Parteien und als Agitationsmittel für manche religiösen Strömungen mißbraucht zu werden. Dazu wäre sie ganz überflüssig, denn viele Fächer, die zur Wissenschaft des Judentums gehören, werden schon jetzt an den christlichen theologischen Fakultäten vorgetragen. Sollte aber dieser Widersinn trotzdem verwirklicht werden, so werden sich zweifelsohne reiche Juden finden, um die Mittel dafür zur Verfügung zu stellen und so ihre ,,Unparteilichkeit" zu bekunden und — die Gunst von oben zu erwerben. * * * Fs gibt noch ein anderes viel subtileres und verfeinertes Gebiet der Geistespflege, auf welchem wir Juden ganz versagt haben: die persönliche Förderung des Talentes und des Werkes. Hier zeigt sich der Wert und die geistige Höhe einer Gesellschaft am klarsten. Hier erfordert das Mäzenatentum ein bedeutendes mitschaffendes Verstehen, ein inneres Bedürfnis nach Produkten der Wissenschaft und der Kunst, das wegweisend, anregend und kritisierend an ihnen gewissermaßen .•mitarbeitet. Man denke, ian die Medicäer, an Julius IL, an Kardinal Bembo, Karl August oder Alexander von Humboldt. Dabei ist es bisweilen schwer zu sagen, wer hier der Nehmende oder wer der Gebende ist: der Förderer oder der Geförderte. Keiner von den bekannten Mäzenen der italienischen Renaissance hätte irgendeine Bedeutung für die Nachwelt, ohne die Arbeiten derer, denen gegenüber er sich als mächtiger Wohltäter und Gnadenspender fühlen durfte. Jener Mann — es war der Bruder des bekannten hebräischen Dichters Wesely — der durch ein Darlehen es Lessing möglich gemacht hat, seinen Nathan auszuarbeiten und im Druck herauszugeben, hat ein so großes, kulturhistorisch, literarisch und politisch so folgenschweres Werk gefördert, daß diesem gegenüber die Wohltat; mochte sie ziffernmäßig noch so groß sein, in Nichts verschwindet, und der Wohltäter selber sie nicht der Rede wert finden mochte. Es gehört .also zum Metier des Mäzen auch ein großes Stück Entsagung und neidlose Hingabe, sowie die Fähigkeit, an der Sache, ohne Rücksicht auf die Person, reine Freude zu empfinden. Die Nachwelt schätzt darum die ethischen Eigenschaften des Gönners nicht ohne Grund so hoch ein. Ohne diesen vornehmen und seltenen Menschentypus ist eine hohe Kulturblüte schwer denkbar. Mehrfach haben Untersuchungen ergeben, daß die jüdischen Gymnasiasten viel besser begabt sind als die christlichen, aber nach Beendigung des Hochschulstudiums und dem Fintritt ins Leben ragen ihre Leistungen keineswegs über ein gewisses Mittelmaß hinaus oder bleiben gar hinter ihm zurück. Man hat daraus verschiedenartige Schlüsse auf die geistigen Rasseneigenschaften der Juden ziehen wollen und übersah, daß hier nicht anthropologische, sondern ökonomische Ursachen im Spiele sind. Daß die jüdischen Knaben intellektuell etwas früher reiten, kommt daher, daß die Juden seit vielen Generationen Stadtbewohner sind und seit 20 Jahrhunderten einen geregelten, durchgängigen Jugendunterricht haben. Allein diese knabenhafte Frühreife hat mit echtem Talent, mit schöpferischer Begabung nichts zu tun, ist nicht einmal deren Vorbote; zumal aus den Wunderkindern wird äußerst selten was Rechtes, nur im Bereiche des musikalischen Virtuosentums halten sie öfter ihr Versprechen. Das echte Können dagegen, besonders das höhere, schöpferische Talent, erwacht gewöhnlich erst viel später, meist in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, bei Dichtern und Künstlern etwas früher. Die zwanziger Jahre sind also das kritische Alter für die wirkliche, wahre Kulturwerte erzeugende Begabung. Aber sie reift langsam, wagt sich nur unsicher, tastend hervor, es dauert lange, bis sie ihrer selbst bewußt wird, sie bedarf also des Schutzes und der Pflege, vor allem einer gewissen Sicherheit und Ruhe des äußeren Daseins. Gerade in diesem Stadium der Entwicklung aber ist die Lage des jüdischen Akademikers, wenn er nicht von Haus aus sehr gut gestellt ist, zu allermeist eine sehr schwierige. Weder der Staat, noch die sozialen und natürlichen Verbände und Organisationen bieten ihm jene geschützte und geborgene Stellung, die seine Kräfte in adäquater, maßvoller und wohltuender Weise in Anspruch nimmt, ohne sie innerlich zu untergraben, die drückendsten Sorgen des Alltags von ihm fernhält und ihm dadurch

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