Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1916)
- Article
- Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 437 - 438 (sequence 3)
- Language
- German
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437 Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen. 438 an zehn bedürftige Kriegerwitwen ohne Unterschied der Konfession zu vergeben habe; oder wenn sie einen Wettbewerb um die beste Arbeit auf dem Gebiete der Bakteriologie oder der indischen Philologie ausschriebe (in die Jury müßten natürlich die ersten Fachmänner ohne Rücksicht auf ihre Konfession berufen werden); oder wenn sie zehn christliche Waisenkinder in einem christlichen Erziehungsheim unterbrächte. Der jüdischen Behörde würden dadurch höhere Aufgaben und ein gesteigertes Verantwortlichkeitsgefühl erwachsen, und man darf getrost behaupten, daß sie mindestens ebenso unparteiisch und gerecht dabei verfahren wird, wie die nichtjüdische. Eine solche Betätigung der Philanthropie aus dem jüdischen Prinzip heraus durch die Organe der jüdischen Gemeinschaft würde für^die „Liberalisierung" und „Modernisierung" des Judentums viel wirksamer sein, als alle sogenannten religiösen Reformen. Man könnte dann ruhig die hebräische Sprache im Gotteshaus und die alten Fassungen der Gebete fortbestehen lassen, man könnte es sich ersparen, den Sabbat mutwillig zu untergraben und das Zeremonialgesetz abzuschaffen oder einzuschränken - und sollte dafür lieber die jüdische Kraft sozial und kulturell im Dienste der menschlichen Solidarität sich auswirken lassen. Es würde sich lohnen, eine Propaganda in diesem Sinne zu entfalten, nur ein Mann mit gutem Beispiel voranzugehen und eine Schenkung für allgemeine, interkonfessionelle Zwecke einer der jüdischen Großgemeinden oder den großen jüdischen Organisationen unterzustellen, um in das ärgerliche Vorurteil eine Bresche zu reißen. Möglicherweise würden die jüdischen Philanthropen und Mäzene dann aber anfangen, auch für jüdische Kulturaufgaben besser zu sorgen, als dies bisher geschah. Vor einigen Jahren vermachte ein in Brüssel verstorbener Berliner der Preußischen Akademie der Wissenschaften das nette Sümmchen von 30 Millionen Franken. Auch wenn man nicht erfahren hätte, daß der Stifter Bloch hieß, konnte man ahnen, daß er ein Sohn des Gastvolkes war, denn die Söhne der Wirtsvölker pflegen aus solchen Summen gewöhnlich lieber Familienfidei- Hermann Struck, Judisches Mädchen Im Grunde brauchte kommisse zu errichten. Der Mann muß offenbar ideale Interessen gehabt haben, auch trieb ihn nicht Eitelkeit oder^Titelsucht zu seiner Schenkung. Und doch fiel ihm nicht ein, auch nur den dreißigsten Teil davon einem jüdisch-wissenschaftlichen Zwecke zu widmen. Vielleicht hatte er nicht einmal eine Ähnung, daß es so etwas gibt. Aehnliche Fälle lassen sich die Menge aufzählen. Ansehnliche Vermächtnisse zugunsten einer der drei Lehrstätten für die Wissenschaft des Judentums in Deutschland gehören zu den Unerhörtheiten. In letzter Zeit konnte eine der beiden Berliner Institutionen bedeutendere Schenkungen verzeichnen, die aber verschwindend sind im Vergleich zu der oben gedachten und zu den Aufgaben dieser Anstalten. Hochschulen sollen Lehranstalten und zugleich Forschungsinstitute sein. Dazu ist es nötig, daß der Lehrer höchstens 6—8 Stunden wöchentlich vorzutragen habe, da ihm sonst keine Zeit für freie wissenschaftliche Arbeit bleibt. In den jü-