Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1916)
- Article
- Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 435 - 436 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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435 Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen. 436 erstere Summe wird der jüdischen Gemeinde oder einer anderen jüdischen Körperschaft zur Verfügung gestellt: die andere einer nichtjüdischen Behörde "übertragen. Hierin liegt ein großes Unrecht und eine schwere, nur leider selten empfundene Kränkung der jüdischen Gemeinschaft, denn sie wird für unwürdig erachtet, Gelder zum Besten der Allgemeinheit ohne Unterschied der Konfession zu, verwalten, und Wohltaten auch an Nichtglau-» bensgenossen zu üben. Alle jüdischen Körperschaften sind natürlich konfessionell, aber ihre Wirksamkeit, besonders im Wohltun, braucht darum noch nicht konfessionell beschränkt zu sein, ja sie soll es nicht sein. Selbst in jenen trüben Zeiten, als die ganze Außenwelt uns feindlich, unbarmherzig drohend gegenüberstand, als z. B. Maimuni schmerzlich fragen mußte: „Zu wem sollen denn die Armen unter den Juden ihre Augen erheben, etwa zu den Gojim, die uns hassen und verfolgen?" und darum gebot, zuerst an die jüdischen Armen zu denken, selbst zu jener Zeit ließen sich unsere Vorfahren das alte Recht und Hermann Struck, Alter Maurer die alte Pflicht nicht nehmen (und derselbe Maimuni betont sie mit feierlichem Nachdruck), ,,die Armen der Gojim zu ernähren, gleichwie die jüdischen, ihre Kranken zu pflegen, gleichwie die jüdischen, ihre Toten zu bestatten, gleichwie die jüdischen und ihre Trauernden zu trösten, gleichwie die jüdischen; das gebietet das Prinzip der menschlichen Solidarität (Schalom)". Auch dieses Schalom ist schwer übersetzbar. Wenn man es mit dem lateinischen pax wiedergibt, welches ja nur Nichtkrieg, Waffenruhe, oder gar die pax romana bedeutet, ist das einfach ein Mißbrauch; ebenso fälscht man den Begriff, wenn man ihn mit unserem lieben Frieden identifiziert, aus dem nur zu häufig ein fauler Friede wird. Schalom bedeutet die innere Harmonie und die Solidarität der höchsten Interessen des Menschengeschlechtes. Schalom ist nicht ein Passives, sondern erfordert angespannte Aktivität, ist eine Schöpfung. Gott wirkt ihn immerfort in seinen Höhen und aut Freien. Fr ist nichts Negatives und entsteht nicht durch ein bloßes Unterlassen, sondern muß durch positive Arbeit aufgerichtet werden. Die ganze Thora hat den Zweck, die Wege zu weisen, die zu ihm hinführen (kol ha Thora kullah mipne darke schalom). Unserganzes Verhalten der nichtjüdischen Welt gegenüber hat durch dieses Prinzip der unverbrüchlichen Solidarität der Menschen den Naturgewalten; dem Elend und dem Bösen gegenüber bestimmt zu sein. Das ist Schalom. Wenn also ein Jude nur die Summe, die er für spezifisch-jüdische Wohltätigkeit bestimmt, der jüdischen Behörde unterstellt, die andere dagegen, die Nichtjuden zugute kommen soll, ihrer Verwaltung entzieht, so benimmt er ihr die Möglichkeit, eine ihrer höchsten und edelsten Pflichten zu erfüllen. Es liegt darin überdies ein unbegründetes, kränkendes Mißtrauen gegen die administrativen Fähigkeiten und den Gerechtigkeitssinn der jüdischen Behörde, und wird nur deshalb nicht empfunden, weil man sich daran gewöhnt hat. Ein trauriger Ueberrest jener mit Selbstverachtung gemischten Ghetto - Demut, die es höchste Zeit wäre, abzulegen. Es würde doch wahrlich niemanden beleidigen, wenn etwa die jüdische Gemeinde bekanntmacht, daß sie aus dem Vermächtnis des verewigten Moses Ephraim, Isaak Levy oder Abraham Cohn zehn Stipendien für Handwerker oder Studenten zu verleihen, je 200 Mark L.ft-«**4.