Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1916)
- Article
- Kriegsarbeit der jüdischen Frauen
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 425 - 426 (sequence 3)
- Language
- German
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Kriegsarbeit der jüdischen Frauen. 426 unserer Organisation und Disziplin, die uns die jüdischen Frauenvereine mit ihrem Zusammenschluß, dem Jüdischen Frauenbund, in ernster, jahrelanger Arbeit gegeben hatte. Gedankenlose Gutherzigkeit ist stets vom Uebel, wird aber (zurn Unheil in einer Zeit, die so furchtbar ernst im Innern und nach außen ist. Die Zeit verlangt wohl gütige, aber gerechte, im sozialen Dienst geschulte, klare Persöngichkeiten. Sie verlangt nicht Härte, auch nicht Weichlichkeit, sondern eine milde und starke Art im Durchdringen und Durchführen dessen, was der einzelne Fall, was die Disziplin der Gesamtarbeit erfordert. Dieser Krieg hat in den jüdischen Frauen ein Solidaritätsgefühl ausgelöst, ein Sicheinfügen in bestehende jüdische Organisationen, das für unsere zukünftige jüdisch-soziale Frauenarbeit einen Gewinn bedeutet, wenn unsere Führerinnen es verstehen werden, der Beweglichkeit unserer Glaubensschwestern feste Richtung zu geben. Unsere äußere und innere Lebensgestaltung nach dem siegreich durchgeführten Kriege wird in unser aller persönliches Leben schwere Konflikte tragen. Der jetzige Ausnahmezustand wird abebben in das Afltagsfahrwasser; aber den wundervollen Gewinn, daß so viele jüdische Frauen sich aui sich selbst besonnen haben in dieser Zeit höchster Not, müssen wir festhalten, auch zu ihrem eigenen Gewinn festhalten und ausgestalten zur Arbeitstüchtigkeit, zum Arbeitsernst. Das schnelle Erfassen der Frauen von allem, was das praktische Leben verlangt, das dem Notwendigen Sichanpassen, kam ihr auch bei der schwierigen E r n ä h r u n g s frag e zu statten. Und so möchte ich behaupten, daß wir auch im Gegensatz zu anderen Konfessionen von einer j ü d i s c h <e n Er n ä h rungsfrage sprechen können. Sind doch unsere Gesetze, in ihrer allumfassenden Weisheit, eine Basis der Hygiene, unsere Speisegesetze vorwiegend Schutzmittel gegen Krankheiten, die in dem Lande heimisch waren, für das die Gesetze gegeben wurden. Wissenschaftliche Forschungen der Neuzeit haben den Beweis erbracht, daß die jüdischen Speisegesetze unter veränderten Kulturformen auch höchste Beachtung finden sollten. Dieses Ergebnis ist ebenfalls die Grundlage vieler moderner Einrichtungen geworden. Aber es hat uns auch nicht an Gegnern gefehlt. Diese waren geschäftig bemüht, uns gerade die Durchführung der Beachtung dieser Gesetze zu erschweren. Es genügt, auf die Treibereien gegen unser Schächtverfahren hinzuweisen, das ja auch wieder einsetzte, als eine Rationierung des Fleischverbrauchs eingeführt wurde. Uns jüdischen Frauen lag es ob, bei der Schwierigkeit der augenblicklichen Ernährung denen, die festhalten am geheiligten Väterglauben, K r i e g s k ü c h e n zu schaffen, die, rituell geführt, der Unterernährung vorbeugen. Schwer entschlossen sich unsere jüdischen Frauen zum Besuch dieser Kriegsküchen. Sind sie doch gewohnt, für ihre Familie zu sorgen, zu schaffen, sie, die in ihrem H,ause ein 'abgeschlossenes Reich sehen, die ihren Tisch lieber kümmerlich versorgt sehen wollen, als ihrer Nachbarin einen Einblick zu gestatten in das, was ihnen leicht zu tragen scheint, solange ihre Entbehrungen nur ihnen allein bekannt sind. Aber der allgemeinen Not ringsum mußten sie schweren Herzens nachgeben. So lange die Lebensmittel ausreichten, wurden sie von den jüdischen Kriegswohlfahrtseinrichtungen, zart und schonend, mit Lebensmitteln versorgt; denn auch wir wollten dies persönliche Empfinden, das kein anderer Ausdruck so treffend deckt, als: „b'kow-ed" in ihnen nähren. Es kam auch hinzu, daß viele jüdische Frauen, deren Männer im Dienste des Vaterlandes stehen, dem Erwerb nachgehen mußten. Ihnen und den Alleinstehenden wurden unsere jüdischen Kriegsküchen zur Wohltat. Geöffnet sind sie allen Hungrigen, und der Nichtjude lernt hier am jüdischen Tische vielleicht ebenso wie im Schützengraben manches Vorurteil ablegen. Jüdische Kinderstuben unter Berücksichtigung unserer Speisegesetze, wurden für die Frauen der Kinder eröffnet, die außerhalb des eigenen Hauses an Stelle des Mannes, für den Unterhalt der Familie sorgen müssen. Jüdische Kriegsarbeit hatten wir auch an der weiblichen jüdischen Jugend zu leisten, die auch in ider Friedenszeit von 'allen jüdischen Kreisen bisher zu wenig Beachtung gefunden hat. Unsere j ü d i s c h e n Mä d c h en h e i m e taten ihre gastlichen Tore weit auf, wurden den wirtschaftlich Schwachen jetzt vollends eine Stütze. Unsere Mädchenklubs wurden Treff- und Sammelpunkte. Die beruflich schlecht Ausgebildeten finden hier die Möglichkeit der Fortbildung. Die Räume des Mädchenklubs bieten