Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1916)
- Article
- Kriegsarbeit der jüdischen Frauen
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 427 - 428 (sequence 4)
- Language
- German
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42? Kriegsarbeit der jüdischen Frauen. '423 ihren Besuchern nach der Unrast des Tages ein Ausruhen, ein äußeres Behagen. Viele gute Kräfte rühren sich zur gegenseitigen Hilfe im fleißigen Bund, die Leistungen der Einzelnen erhöhen sich. In den Werdenden, in unseren jugendlichen, wird Arbeitstüchtigkeit, Arbeitsfreude durch ein besseres Können gesteigert. Tagesfragen werden mit ihnen besprochen, jüdische Zusammenhänge gefestigt. Erregte Gemüter werden beruhigt, jüdische Feiertage gemeinsam begangen. Auch in unseren J ugendgruppen findet während der Kriegszeit die jüdische Jugendpflege eine gesteigerte Tätigkeit; unsere jungen Jüdinnen nehmen regen Anteil an allen sozialen Arbeiten und erwecken und stärken die Zuversicht in uns, daß uns in ihnen ein wertvoller Nachwuchs ersteht. i Der Tagung des Jüdischen Frauenbundes, Ende Dezember in Hamburg, soll vorbehalten sein, dieser Arbeit an den jüdischen weiblichen Jugendlichen eine feste Organisationsform zu geben. Der Jüdische Frauenbund umfaßt mehr als 200 jüdische Frauenvereine mit 44 000 Mitgliedern, er ist demnach die Vertretung der organisierten jüdischen Frauen in Deutschland. Er wird auf seiner K r i e g~s t a g u n g, die jüdische Frauenkriegsarbeit zusammenfassend, in der Hauptsache in die Beratung der Bevölkerungsfrage eintreten. Sie soll vom jüdischen Standpunkt, nach allen Richtungen, von jüdischen Männern und Frauen beleuchtet werden. Unsere Zeit wird von diesem Problem beherrscht, denn der Krieg hat den Lebenswerten eine andere Rangordnung gegeben. Wir Frauen werden nie verstehen, daß Menschen geboren werden sollen, um gewaltsam in Massen sterben zu müssen; uns wird das Leben immer Selbstzweck sein mit seiner Entwicklung, seiner Blüte, seiner Kraft, ja auch mit seinem Abstieg. Wir Juden erfüllen ein göttliches Gebot, wenn wir an dem Fortbestehen unserer Art das lebhafteste Interesse nehmen. Wir sind bei unserer sonstigen schweren Lebensauffassung Optimisten und glauben an die Verheißung: ,,Du wirst zahlreich werden, wie der Sand am Meer." Aber gerade deshalb gebührt diesem Problem auch von unserer Seite die schärfste Aufmerksamkeit, denn auch bei uns Juden muß die Erziehung zur Mutter andere Wege einschlagen, auch bei uns muß der Degeneration vorgebeugt, müssen verwüstende Krankheiten bekämpft werden. So sehen wir, daß jüdische Frauen sich auf der ganzen Kampfeslinie für Kriegsarbeit eingesetzt haben. Sie haben sich der Arbeit, die der Allgemeinheit gilt, nicht versagt, sie haben der feierlichen Größe der Zeit, in der sie leben, schwere Opfer hochgemuten Sinnes gebracht. Sie haben standgehalten, wo sie das Teuerste, den Gatten, den hoffnungsvollen Sohn, den teuren Bruder, den vielgeliebten Freund für das Vaterland haben hergeben müssen. Und sie werden durchhalten, bis die Friedensglocken schwingen. Die Verantwortung, die alle starken Menschen jetzt zu tragen haben, gibt ihnen die Kraft zu weitausholendem Tun. Die seelische Rüstung gibt ihnen die jüdische Erziehung, die sie lehrt, in jedem persönlichen Schicksal den Ausdruck eines höheren Willens zu sehen. Die moderne jüdische Frau hat es vielleicht zum erstenmal in dieser außergewöhnlichen Zeit tröstlich empfunden, daß es keine Zurücksetzung bedeutet, wenn sie morgens beten soll: ,,Gelobt seist Du, der Du uns nach Deinem Willen geschaffen." Seinen Willen verstehen, ihn zur Tat werden lassen, kann auch Vollendung bedeuten und eine Bestimmung erfüllen, ist groß und erhaben.