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Ost und West · 1916-12-01 · Heft 12 (Dezember 1916) · p. Seite 423 - 424

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 12 (Dezember 1916)
Article
Kriegsarbeit der jüdischen Frauen
Date
1916-12-01
Page
Seite 423 - 424 (sequence 2)
Language
German
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423 Kriegsirbeit der jüdischen Frauen. 424 Jüdinnen, die sie für die Allgemeinheit einsetzten, gerecht abgeschätzt, vollwertig anerkannt werden muß. Trotz alledem muß doch noch stille, eigene jüdische Arbeit hinter dieser allgemeinen stehen. Das tapfer getragene Leid unserer jüdischen. Frauen verschloß sich still und keusch in sich selbst. Der Abschied von dem Gatten, das Sichlossagen von dem geliebten Sohn, dem teuren Bruder, wollte sie schier erdrücken; denn tief wurzelt in uns der Sinn für die Familie. Dem Zuspruch der glaubensverwandten Schwester öffneten sich die geheimsten Quellen der Schmerzen. Der tiefste seelische, der tiefste sittliche Einfluß entspringt doch dem gemeinsamien Bekenntnis. Und als der Tod erst gar in so vielen jüdischen Häusern reiche Ernte hielt und die zartesten Bande auf immerdar löste, als die bitterschwere Sorge einsetzte, um den als vermißt Gemeldeten, den in Gefangenschaft Geratenen, den Verwundeten, den dauernd Invaliden, da begannen wir unmerklich leise aufzurichten, zu raten, zu mildern. Die Verbindung zwischen uns und den so schwer Betrübten war schnell hergestellt. Wir gehörten zu ihnen, wir kannten sie! Mit vielen waren wir zusammen in die Schule gegangen, andern waren wir Lehrerinnen gewesen, hatten wieder andern geholfen, ihr Haus aufzubauen, haben ihnen pflegerisch nahe gestanden, als ihre Kinder das Licht der Welt erblickten, durch unsere jüdischen Wöchnerinnenvereine, die lange bestanden, ehe die moderne Mutterschaf tsbewegung einsetzte. Unsere Vereine haben ihre jahrzehnte, ja oft jahrhunderte alten Satzungen, wenn sie zu enge Grenzen zogen, für die Dauer des Krieges aufgehoben. Die uneheliche Mutter wird der ehelichen gleich betreut, nur e i n e n Grundsatz gibt es, u mfassend zu helfen. Das Vertrauen brauchte nicht mühsam gesucht zu werden, es war da. Unsere armen jüdischen Kriegerfrauen wußten, wo sie schon immer Rat und Verständnis für ihre Eigenart gefunden hatten. Sie kamen ungerufen zuerst zu uns; von uns aus wurden ihre berechtigten Forderungen in den Strom geleitet, wo allgemeine Fürsorge gesetzlich einzutreten hat. Die jüdischen Gemeinden, die B'ne-Briss-Logen entwickelten eine fieberhafte Tätigkeit und bedienten sich der Mitarbeit der jüdischen Frauen. Erholungsheime wurden von uns bereitwilligst mit allem Inventar, kostenlos für die Dauer des Krieges, der Militärbehörde zur Verfügung gestellt. Eine jüdische Kriegsarbeit war geboten, das unterliegt wohl keinem Zweifel. Wo sollten alle die Frauen bleiben, die das große Heer der Arbeitslosen vergrößerten, die ungelernten jüdischen Mädchen und Frauen, die galizischen Flüchtlinge, die durch ihre Sprache, ihre Weltfremdheit, in großen allgemeinen Betrieben nicht unterzubringen waren? Denn der große Gedanke der Verbrüderung hat noch nicht den Läuterungsprozeß überstanden, ist noch immer nicht destilliert im Feuer der Gerechtigkeit. So irrten sie einher, die Wandergewohnten, mit den dunklen, sorgenvollen Augen, den vergrämten Gesichtern, mit der Seele eine Heimat suchend, eine Ruhestätte, unter dem gerechten Anspruch auf Arbeit. Da traten wir, die jüdischen Frauen, wieder auf den Plan, schufen gemeinsam mit jüdischen Männern Arbeitsstätten, vor allem Nähstuben. In die Nähstuben, die die Kriegshilfe, der Nationale Frauendienst, eingerichtet hatte, konnten wir sie, die Stiefkinder der Gesellschaft, nicht schicken. Bei bestem Willen, bei weitgehendster Nachsicht hätten viele unserer jüdischen Frauen den Wettbewerb mit den anderen Frauen nicht aufnehmen können, zumal die Arbeit überall nur knapp zugemessen war, gezirkelt und vollwertig sein mußte, da sie zumeist für Heereszwecke bestimmt war. Ein Aufatmen ging durch unsere Schutzbefohlenen, die lieber darbten, als die Hand aufgetan hätten, um Almosen zu empfangen, als wir ihnen Arbeit, befreiende Arbeit zuwiesen. Diese Arbeitsstätten sind vielen ungelernten Arbeiterinnen zum Segen geworden. Mit beispielloser Geduld und Hingebung wurden unsere jüdischen Mitarbeiterinnen, die ehrenamtlichen Leiterinnen und Helferinnen dieser Kriegseinrichtungen, zu Lehrmeisterinnen, entwickelten eine Geschicklichkeit im Anleiten und Arbeitausgeben, als ob sie im bürgerlichen Leben nie etwas anderes als Vorarbeiterinnen oder Direktricen im großen Betrieb gewesen wären. Der Ausdruck der höchsten Anerkennung gehört den Frauen unter uns, die in solcher täglichen Kleinarbeit — Großarbeit leisteten. So wurden wir jüdischen Frauen uns noch eindringlicher als sonst bewußt, daß nur Hilfe, die auf bewußtem Nachdenken beruht, einen versittliehenden Wert hat. Wir freuten uns

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