Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
- Article
- Die jüdischen Farmer Argentiniens während des Krieges
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 415 - 416 (sequence 4)
- Language
- German
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415 Die jüdischen Farmer Argentiniens während des Krieges. 416 und fast alljährlich bereits im Frühjahr in Montefiiore und Moisesville ihre Aufwartung machen. Da ausserdem meist Ende November, wenn die Ernte beginnt, eine Regenpeiiode eintritt, so war die Lage sehr schlecht, so lange man sich versteifte, ausschließlich oder vorzugsweise Ackerbau (hier ebenfalls Weizen und Leinsamen) zu treiben. Erst als man diesen stark einschränkte und große Flächen mit Luzerne anzubauen begann, entwickelten sich die Farmen. Wird nämlich der „ewige Klee" auch durch die Heuschrecken abgefressen oder durch den Regen verfault, so sprießt er aus der Wurzel immer wieder hervor. Ein Teil der Luzerne wird geschnitten, in Ballen gepreßt und nach den Städten als Pferdefutter verkauft, der größere Teil dient als Viehweide zum Mästen der Ochsen und für die Milchkühe. Denn auch hier hatte sich dank den Rahmfabriken eine Milchindustrie entwickelt. Diese litt zwar ebenfalls in der Trockenperiode, die in der gleichen Zeit, wie in Mesopotamien einsetzte, aber im allgemeinen war die Dürre hier im südlichen Chaoo-Gebiet viel leichter zu überwinden. Die Luzerne, die ihre Wurzeln bis ins Grundwasser erstreckt, wuchs auch ohne Regen und die Brunnen konnten leicht vertieft werden, da man ja niemals auf laufende Gewässer gerechnet hatte. Der Verlust des Weizens und des Leinsamens fiel wenig ins Gewicht, während andererseits die gepreßte Luzerne ganz besonders gute Preise erzielte, so daß man sagen kann, daß die gioße Dürre für Moisesville wirtschaftlich fast ein Vorteil war. Dafür sollte es aber seit Ende 1913 umso schlechter gehen. Auch hier begannen die sintflutartigen Wolkenbrüche, und da die Gräben der Chaoozone, wie erwähnt, keinen Abfluß haben, so traten sie über, große Landstrecken standen mehrmalswochenlang unter Wasser. Die Ueberschwemmungen erreichten teilweise eine Höhe von mehr als einem Meter, so daß die Wohnhäuser geräumt werden mußten; das Vieh, das nicht gleich beim Beginn des Regens verkauft worden war, stand hungernd im Wasser und ging zum großen Teil ein. Die Luzerne versoff fast vollständig, denn sie verträgt alles — Heuschrecken, Trockenheit, starken Regen, — nur keine Ueberflutung. Von 36 000 Hektaren, die es in der Kolonie Moisesville gab, sind an dreißigtausend vernichtet, was einen Verlust von ungefähr einer Million Mark bedeutet, während das umgekommene Vieh das Vielfache dieser Summe wert war. Aber Moisesville mit seinen 500 Farmern ist eine alte Siedlung, welche mit Hilfe ihrer landwirtschaftlichen Genossenschaft diesen Schlag überwinden wird; schlimm dagegen sieht es in „Montefiore" aus, deren 300 Kolonisten erst vor zwei bis einem Jahre angesetzt worden sind. Diese haben förmlich alles verloren, was ihnen an Saatgut und Vieh von der Kolonisationsgesellschaft geliefert wurde und was sie sich außerdem von ihren eigenen Ersparnissen angeschafft haben. Es fehlt dort am allernotwendigsten, so daß die J. C. A. der in Montefiore existierenden Genossenschaft ein Darlehen von siebzigtausend Mark gegeben hat. Aber schon sind, nachdem die Wasser sich kaum verlaufen haben, Heuschreckenschwärme erschienen, die alles, was man neu anzupflanzen begonnen hat, zu vernichten drohen. Nicht weit von diesen zwei Kolonien wird der Leser auf der Karte die von hundert jüdischen Farmern bewohnte Siedlung Dora finden, die aber klimatisch und wirtschaftlich völlig verschieden von Moisesville und Montefiore ist. Sie liegt bereits in der „Dornwaldzone", einem sehr regenarmen Gebiet, das meist mit stachlichen Bäumen und Sträuchern bewachsen ist. Der Boden in dieser Zone ist im allgemeinen wenig fruchtbar, nur längs der von den Kordüleren herabströmenden Gewässer und am Fuße der Gebirge gibt es festere Erde. Dora, das im Norden dieser Region liegt, hat ein fast tropisches aber gesundes Klima und sehr humusreichen Boden. Der in der Nähe vorbeifließende Rio Salado gestattet eine zweimalige Ueberflutung des Bodens in jedem Jahre. Derartig begünstigte Ländereien sind natürlich sehr teuer, so daß Ackerbau und Viehzucht nicht mehr genügende Erträge abwerfen können, Um sie lohnend zlu gestalten. Andererseits kann man hier, da sich ja das Wasser regulieren lässt, Hochkulturen treiben, so daß ein Farmer sich mit einer viel geringeren Fläche begnügen kann als der Bauer, der von der Regenmenge abhängig ist. Neben der Luzerne, die in Dora im Jahr acht Schnitte gibt, treiben die Kolonisten Gemüsebau, der durch das heiße Klima und die regelmäßige Wasserzufu.hr gute Ergebnisse liefert. Ganz besonders vortrefflich entwickeln sich dort die Melonen, Wassermelonen, Kürbisse, die man waggonweise nach Rosario und Buenos Aires zu einer Zeit schickt, da diese dort noch lange nicht ausgereift sind. Auch Mandarinen, Feigen, Apfelsinen gedeihen in Dora gut, zumal diese Kolonie bis jetzt von den Heuschrecken ziemlich verschont geblieben ist. Hoffentlich werden diese sympathischen Tiere weiter durch ihre Abwesenheit glänzen. Dora ist die nördlichste aller jüdischen Ansiedelungen Argentiniens, während die südlichste — an zweitausend Kilometer in der Luftlinie entfernt — Rio Negro heißt, aber in derselben Vegetationszone liegt. Diese Kolonie — (wörtlich (^Schwarzer Fluß") liegt an dem Strom und in dem Territorium gleichen Namens. Es würde zu weit führen, die Geschichte der vierzig hier hausenden jüdischen Bauern, die vor einem Jahrzehnt ihr Land für einen Spottpreis, ober ohne die künstliche Bewässerung, erhielten, zu erzählen. Nachdem die Farmer aber diese Bewässerung in die Wege geleitet haben, geht es ihnen wirtschaftlich gut. Das Klima ist bedeutend kühler als in Dora, auch ist der Boden weniger fett. Trotzdem gibt die Luzerne jährlich ihre fünf bis sechs Schnitte, man pflanzt mit Erfolg Hülsenfrüchte, wie Erbsen, Bohnen, Kichererbsen und vor allem gedeiht der Wein gut, ebenso Aepfel, Birnen, Kirschen. Wir kommen jetzt zu der Kolonie Mauricio (240 Farmer), die in der Pampas-Ebene liegt, aber in dem östlichen von der Natur privilegierten Teile, der Pampas de pasto tierno (Steppe des weichen Grases) gegenannt wird; politisch gehört sie zur Provinz Buenos Aires — (gute Lüfte). Diese Landstriche haben im Verhältnis zu den übrigen Zonen Argentiniens ein vergleichsweise regelmäßiges Klima, so daß man hier mit größerer Sicherheit auf die Erfolge des Ackerbaus rechnen kann, die vorzugsweise in Weizen, Hafer, Mais bestehen. Für Leinsamen ist der Boden Mäuricios bereits zu schwach, denn er ist nicht mehr so ungeheuer fruchtbar, wie in den näher am Parana und La Plata gelegenen Gegenden. Aber wenn die Erde in Mätiricio nach einer Reihe von Jahren für den Ackerbau erschöpft ist, so gedeiht auf ihr die Luzerne, die den Stickstoff aus der Luft, den Kalk aus der