Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
- Article
- Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 407 - 408 (sequence 4)
- Language
- German
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407 Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen. 408 umfaßten, auf die „profane" Wissenschaft und die Kunst auszudehnen. Das konnte nur geschehen, indem letztere dem Bereich der ersteren einverleibt wurde. Verschiedene Ursachen sozialer und politischer Natur, die hier nicht ausführlich dargelegt werden können, haben den Vollzug dieses Prozesses verhindert. So ist es gekommen, daß die moderne Kultur als feindliche Macht der Thora gegenüber, jedenfalls als deren Rivalin empfunden wurde. Die ,,profane" Wissenschaft und die Kunst blieben profan, wer sich ihnen ergab, mochte freilich an sich nichts Sündhaftes tun, und wenn er in ihnen eine Großtat vollbrachte, konnte man es ihm sogar als Verdienst anrechnen, da er einen Kiddusch Haschern bewirkte, Israels Namen „draußen" mit Ruhm bedeckte. Aber die Tatsache blieb bestehen, daß er hinausgegangen war in einen fremden Bereich und das Heilige vernachlässigt hatte. Es konnte nicht alsMizwah, geschweige als das höchste und heiligste Gebot gelten, diese profane Wissenschaft oder gar die Kunst zu fördern, deren Jünger zu hegen und zu beschützen, wie es ehedem der Thora gegenüber galt. Inzwischen bewirkte die eherne Macht der rauhen Wirklichkeit, daß die Wissenschaft der Thora" — schon allein dadurch, daß die Kenntnis des Hebräischen erschreckend abnahm — aus dem Kulturbewußtsein der Gebildeten zurückgedrängt wurde. Auch als sie ganz nach moderner Forschungsmethode betrieben und ihre Ergebnisse' dem großen Besitz der menschlichen Erkenntnis angegliedert wurden, gewann sie immer mehr den einseitigen Charakter einer Theologie, einer Art Synagogen- und Religionsschuldisziplin, die eigentlich nur den „jüdischen Geistlichen" was anging, und deren Pflege Sache des „Kultusbeamten" war. Darin liegt nichts Höheres, es hat keinen Schwung, niemand fühlt sich begeistert und angeregt, die Ausbildung einer bestimmten Kategorie von Beamten, mögen sie noch so wichtig sein, aus eigenen Mitteln zu fördern, das ist Aufgabe der betreffenden Behörde, die hierfür Steuern usw. erhebt oder Sammlungen veranstaltet. Das Erkalten des religiösen Interesses steigerte noch diese Gleichgültigkeit. In alten Zeiten war die Jeschibah eine Art Volkshochschule, ähnlich den schwedischen Bauernuniversitäten oder der schottisch - englischen University Extension. Jeder, ohne Ausnahme, dem Begabung und Lage es ermöglichte, verweilte in ihr längere oder kürzere Zeit, um sich dort die Grundlage für das weitere geistige Leben zu holen. Die modernen theologischen Seminare und Lehranstalten erscheinen dem Publikum als Fachschulen für Rabbiner, oder, wie zwei auf entgegengesetztem religiösen Standpunkte stehende große jüdische Gelehrte übereinstimmend sich grimmig ausdrückten, ,,Rabbinerfabriken". Die Männer, welche diese Anstalten gründeten und förderten, taten dies in demselben Sinne und häufig unter denselben Bedingungen, wie man eine Stiftung für Kaddischsagen oder Mischnajothlernen errichtet, nicht aber in erster Reihe, um die reine, objektive Wissenschaft als Selbstzweck zu fördern. Der Wissenschaftsbetrieb an diesen Anstalten steht bisweilen so hoch, daß er dem an den ersten Universitäten Deutschlands an Qualität völlig gleichkommt. Aber Gegenstand und Ergebnisse finden bei der Masse der Gebildeten nur minimales Interesse, schon allein, weil ihnen die nötigen Vorkenntnisse für das Verständnis fehlen. Andererseits hat das Eintreten der Juden in die „Gesellschaft" dem jüdischen Gemeinsinn eine früher ungekannte Richtung nach äußerlicher Geltung und Anerkennung von selten der Mächtigen gegeben und ein Protzentum geweckt und großgezogen, welches bei den Söhnen eines so alten Kulturvolkes eigentlich unmöglich sein sollte. Es ist aber ausgeschlossen, durch Förderung jüdischer Wissenschaft oder jüdischer Gelehrten, auch wenn sie sich mit allgemeiner, „profaner" Wissenschaft befassen, Titel, Orden, hohe Händedrücke, Einladungen oder ähnliches zu erlangen. Alle diese Ursachen bewirken, daß jüdische Geistestätigkeit ohne Schutz von selten der jüdischen Gesellschaft dasteht. Kein goldeneis Zeitalter blühte der Wissenschaft des Judentums, die für alle Zeiten einen Ruhmestitel unseres Stammes bilden wird. Und keines Medizäers Güte hat je einen der großen jüdischen Künstler, die uns seit fünfzig Jahren erstanden sind, den Lebenskapf erleichtert. Aber zahllos sind die von Juden errichteten Stiftungen für wissenschaftliche und künstlerische Zwecke, deren Früchte jüdisch-wissenschaftlichen Arbeiten niemals, jüdischen Bewerbern nur in äußerst seltenen Ausnahmefällen, gewissermaßen aus Versehen oder dank sehr hoher und einflußreicher Protektion zugute gekommen sind. Bekannt sind ein paar große Forschungsgesellschaften, deren Mittel fast ausschließlich von jüdischen Stiftern und Förderern herrühren, in deren Verwaltungsräten Juden die ersten Stellen bekleiden, die aber ängstlich bedacht sind, einen jüdischen Forscher ja nicht zuzulassen oder zu subventionieren, wo er sich durch eine wissenschaftliche Tat Ruhm erwerben könnte, da ja dadurch das „Prestige des auserwählten Volkes" eine Erhöhung erfahren möchte. Das gilt vornehmlich für die Geisteswissenschaften. — wo es sich um praktische Dinge handelt, wie Medizin, Chemie, Technik, kann ein Jude, wenn er eine bedeutende Leistung aufzuweisen hat, leichter durchdringen, denn hier würde sich die Engherzigkeit durch greifbaren Schaden bitter rächen. Indessen auch auf diesem Gebiete ist es bekannt, daß Paul Ehrlich ohne das Speyer-Haus in Frankfurt a. M., das ihn der Notwendigkeit enthob beim Staat Hilfe zu suchen, nicht dazu gekommen wäre, seine großen Taten zu vollbringen. Die Antwort, die der junge Salomon Münk auf ein Gesuch um eine wissenschaftliche Staatssubvention erhielt — man kann sie in seinen von Brann herausgegebenen Briefen finden — bekommt jeder Jude zu hören, wenn auch nicht mehr in so schroffer und krasser Form. Der Staat hält sich (dabei streng an das Prinzip der Gleichheit und sagt sich jedesimal: da es doch absolut gleich ist, ob ich die Subvention einem Juden oder einem Christen verleihe, wozu brauche ich sie dem Juden zu verleihen? * * * Indessen war die Förderung der Wissenschaft durch Gründung von Bibliotheken und Lehrstätten stets das Werk Privater, auch die Universitäten wurden ja von den Fürsten als Privatmännern ins Leben gerufen und ausgestattet, und sind erst im Verlaufe der Zeit zu Staatsinstituten geworden. Buckle hat das vor mehr als 60 Jahren dahin charakterisiert, daß jede Gesellschaft, ■ in der die Keime zu einer höheren Geistestätigkeit schlummern, diese Keime erwachen fühlt, sobald die dringenden materiellen Bedürfnisse befriedigt sind. Hat der