Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
- Article
- Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 405 - 406 (sequence 3)
- Language
- German
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405 Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen. 406 In einem gewissen Sinne fühlt sich der Spender dem Empfänger verpflichtet, weil dieser ihm Gelegenheit zu einer guten Tat gegeben und ihm die Freude daran (simchah schel mizwah) verursacht und seine ewige Seligkeit gemehrt hat. Die ganze Atmosphäre ist grundverschieden von der in ihrer Art großen und weitumspannenden Armenpflege der mittelalterlichen Kirche, ist aber auch der modernen europäischen Auffassung durchaus unähnlich. Es konnte nicht fehlen, daß eine so wichtige Institution sich in Sitte und Brauch ausprägte. Es war üblich, daß jeder Leichenzug von den Sammlern der Wohltätigkeitsvereine begleitet wurde, die ihre Büchsen schwingend, in hebräischer Sprache den Vers ausriefen: „Zedakah rettet vom Tode." Im Angesichte des Todes wurde der Tod verneint, er wurde durch die lebenspendende Tat des Menschen, die fortwährend Gutes gebärt, überwunden. Beim Totengeleite besonders ausgezeichneter Männer und Frauen rief man : „Zedek schreitet ihm voran!"; bahnt ihnen gleichsam den Weg in die Welt der Ewigkeit. Die Volkspoesie hat die Zedakah mit einem Kranz wunderschöner Sagen und Märchen umgeben. Der Volksglaube meint, daß die Seelen derer, die den Armen hienieden viel Gutes getan haben, in der anderen Welt Gewänder bekommen, die aus Sonnenstrahlen gewoben sind. Im Traume erscheinen sie ihren Hinterbliebenen, angetan in diese leuchtende Zedakah-Kleider (lebusche Zedakah di nehirin). Viele Sagen wissen von großen Sündern zu erzählen, denen es gegönnt war, durch eine einzige gute Tat zur rechten Zeit alles wieder gut zu machen und die Glückseligkeit der künftigen Welt zu verdienen. Andere berichten von Solchen, die ihr ganzes Leben lang die Maske der Hartherzigkeit und des Geizes trugen, im Verborgenen aber unendlich viel Gutes taten, was jedoch erst nach ihrem Tode herauskam; sie verschmähten es also, bei Lebzeiten durch Ehren und Dankbarkeit entschädigt zu werden, und übten ihre Wohltätigkeit einzig und allein um Gotteswillen. „Wir sind verpflichtet, das Gebot der Zedakah viel strenger zu beobachten, als alle anderen Gebote der Thora," Diese Worte stellt Maimuni an die Spitze des letzten, zusammenfassenden Kapitels seines Buches über die Wohltätigkeit. Das wurde den Juden seit der Zeit Mosis und der Propheten eingeprägt, und es hat sich bewährt. Noch heute kann man sehen, daß Juden, die alle Gebote abgestreift haben, an dem der Zedakah mit eiserner Zähigkeit festhalten. Häufig konzentriert sich die ganze religiöse Energie auf dieses Gebot und gibt ihm einen Zug ins Großartige. Sogar bei getauften Juden, noch in der dritten Generation, tritt dieser Zug als eine - Art erfreulichen Atavismus an den Tag. Auch in die moderne, uniformierte, organisierte, reglementierte und kasernierte Wohltätigkeit bringen die Juden eine persönliche Note 'hinein. * * * Es gibt aber eine höhere Art der Wohltätigkeit, nämlich Gemiluth chasadim, Uebung von Liebeswerken. „Gemiluth chasadim ist ungleich größer als Zedakah." Es gehört zu den Dingen, denen kein Maß gesetzt ist — was, wie wir gesehen, bei Zedakah der Fall ist, und ,,der Mensch hat den Fruchtgenuß davon im Diesseits, während der Grundstock ihm aufbewahrt bleibt im Jenseits." Zedakah gilt nur Armen, oder augenblicklich Armen gegenüber. Gemiluth chasadim übt man sowohl an Reichen wie an Armen, an Verstorbenen wie an Lebenden, Zedakah übt man nur mit seinem Besitz, Gemiluth chasadim auch mit seiner Person- Natürlich laßt sich zwischen beiden keine scharfe Grenze ziehen. Die von Maimuni so bezeichnete höchste Stufe der Zedakah gehört eigentlich schon zu Gemiluth chasadim. In dieser überwiegt das freiwillige, das dem reinen Wohlwollen entspringende sehr bedeutend über das pflichtmäßige. Sie entquillt der Herzensgüte, die der Talmud als die edelste menschliche Eigenschaft preist. Aber sie folgt nicht allein dem Impuls des Herzens, sondern es wirken in ihr zugleich höhere Momente der Einsicht in die weiteren sozialen Zusammenhänge mit. In dieses Gebiet gehört auch die Förderung von Kunst und Wissenschaft, oder was wir heutzutage mit Mäzenatentum zu bezeichnen pflegen. Es ist bemerkenswert, daß die so reiche ethische Terminologie des Judentums für diesen Begriff keine besondere Bezeichnung geprägt hat. Im alten Judentum war (die Thora der Inbegriff aller Wissenschaft, die Weisheit (chochmah) war die Kunst, die Lehren der Thora auf Leben und Welt anzuwenden, sie zur Geltung zu bringen und wirksam zu machen. Nun war das Studium der Thora (thalmud thora) das Höchste und Heiligste in Israel, überwog alle anderen Verdienste (keneged kullam). Jung und alt, klein und groß, alle Klassen und Stände waren dazu verpflichtet, wer durch Geistesanlagen oder Lebensstellung daran gehindert war, dem lag es ob, es mit allen Mitteln zu fördern. Jedermann war also ein Mäzen, je nach Maßgabe seines Vermögens. Im Talmud ist die hübsche Sage aufbewahrt, daß die Stämme Sebulun und Isachar übereingekommen waren. Gemeinschaft zu halten, derart, daß der erstere sich dem materiellen Erwerb als Unternehmer und Seefahrer widmete und vom Ertrag seiner Arbeit den anderen unterhielt, um ihm zu ermöglichen, sich sorgenfrei der Thora und der Chochmah zu weihen. Ersterer war also Mäzen des letzteren. Vom Altertum bis in die neueste Zeit hinein dankt das jüdische Schrifttum und Geistesleben vieles von seinem Bedeutendsten der Förderung durch Mäzene. * * * In der neuesten Zeit ist .dies anders geworden. Auf allen anderen Gebieten der Wohltätigkeit haben wir die alten Traditionen mit den modernen Organisationsformen glücklich vermählt, so daß die jüdische Waisen- und Krankenpflege, sowie die anderen Zweige der sozialen Fürsorge in Deutschland z. B. geradezu mustergültig sind, in ärmeren Ländern (bis zum Kriegsausbruch wenigstens) der Vervollkommnung entgegenstrebten. Nur in der Pflege des Geistes haben wir es nicht verstanden, die ererbten schönen Ueberlieferungen in die Gegenwart herüberzuretten und sie mit neuem Inhalt zu füllen. Das hängt mit dem Gang unserer Kulturentwicklung in der neuesten Zeit zusammen. Als die Juden um die Mitte des 18. Jahrhunderts anfingen, intensiver am europäischen Geistesleben teilzunehmen, galt es, zwischen Judentum und moderner Kultur eine Synthese zu schaffen, und das Gefühl der Heiligkeit und der Weihe, das Bewußtsein des Absoluten, mit dem unsere Vorfahren die „Wissenschaft der Thora"