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Ost und West · 1916-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1916) · p. Seite 409 - 410

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
Article
Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen
Date
1916-10-01
Page
Seite 409 - 410 (sequence 5)
Language
German
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409 Die jüdischen Farmer Argentiniens während des Krieges. 410 Reichtum eine gewisse Höhe erlangt, so geht man an die Gründung von Bibliotheken und Galerien. Die großartigste — wenn auch nicht größte <— hebräische Büchersammlung ist in Deutschland entstanden, aber zu einer Zeit, als es den Juden daselbst materiell sehr schlimm erging; ein Rabbiner,;David Oppenheim, Und nicht ein Fürst, brachte 'sie zusammen. Dagegen in einer Zeit, als es unter den deutschen Juden schon eine erkleckliche Anza'hl von Millionären gab und der allgemeine Wohlstand blühte, fänden sich keine neuntausend Taler, um den Verkauf dieser Bibliothek nach Oxford zu verhindern. Die erste Lehrstätte für die Wissenschaft des Judentums, das Breslauer Jüdisch-Theologische Seminar, verdankt seine Entstehung praktisch-theologischen, und nicht rein •wissenschaftlichen Antrieben. Die großen Lehrer allein, die daran wirkten, verliehen ihm, fast gegen die Absicht der Stifter, seinen hohen wissenschaftlichen Rang, ihre (Leistungen erwarbenden deutschen Juden in der ganzen Welt Ansehen und Ruhm und errangen ihrcen gewissermaßen einen geistigen Primat, eine führende Stellung innerhalb der Gesamtjudenheit — was auch dem deutschen Vaterlande in einem viel höheren Maße, als man ahnt, zugute kam. Unter diesen Lehrern war der berühmteste der Historiker Graetz, dessen Geschichtswerk unter den gebildeten Juden der ganzen Welt geradezu Epoche machte und große Begeisterung weckte. Als er, fünfundsiebzigjährig, nach fünfzigjähriger rastloser, erfolgreicher, ruhmgekrönter Arbeit und einem sehr bescheidenen Leben starb,, mußte seine Witwe die Bibliothek des Verstorbenen stückweise verkaufen, um leben zu können, die Seminarverwaltung war gezwungen, den Hörern die Stipendien zu kürzen, um ihr eine kleine Witwenpension auszahlen zu können. Moses Steinschneider war kein schöpferischer Geist, er hat die Wissenschaft nicht um! große Ideen bereichert, gleichwohl hatte der jüdische Stamm alle Ursache, stolz auf ihn zu sein, denn er verkörperte in sich den höchsten Idealismus, die selbstloseste, uneigennützigste Hingabe an die Wissenschaft, eine fabelhafte Arbeitskraft und ein erstaunliches, unerschöpfliches Wissen auf allen Gebieten. Man nannte ihn den größten Wisser unserer Zeit. Auf allen Feldern, jftie er bestellte, lieferte er dem Forscher ganz unentbehrliche Vorarbeiten von der größten Genauigkeit und Zuverlässigkeit. Unermüdlich war er, allen Mitstrebenden durch Hinweise und Fingerzeige, durch Lieferung von Material behilflich zu sein. Um seine Lebensarbeit voll zu würdigen, gehören zehn oder zwölf Spezialisten der entlegensten Wissenschaftsgebiete. Und dieser Mann ernährte sich in jungen Jahren davon, daß er die die beschämende und demütigende Zeremonie der Eidesabnahme more judaico im Auftrage der Gemeinde bei Gericht ausübte und für jede solche Amtshandlung entlohnt wurde. Er pflegte damals zu sagen: Es ist gut, daß uns der liebe Gott eine erkleckliche Aniziahl von Fasttagen im Jahre gegeben hat, da kann man die Ausgaben sparen. Nachher fungierte er als Lehrer an einer Kinderschule und mußte kostbare Stunden damit verbringen, die Schreibhefte zehnjähriger Mädchen zu korrigieren. Er war auch Hilfsarbeiter an der Königlichen Bibliothek mit einem lächerlich geringen Gehalt, und noch als Zweiundneunzigjährigen konnte man ihn an seiner^ Pult sehen; körperlich glich er schon mehr einer Leiche, um so mehr erfüllte es mit Ehrfurcht, zu beobachten, wie er mit ungeschwächtem Gedächtnis und jugendlicher Frische und Bereitwilligkeit über bibliographische Fragen Auskunft erteilte. Andere große Gelehrte haben viel schwerere materielle Entbehrungen zu tragen gehabt. Noch trauriger wäre es, wenn man die Entstehungsgeschichte der großen Werke erzählen wollte, die in der Wissenschaft des Judentums bahnbrechend gewesen sind, und die noch ferneren Generationen Liebe und Bewunderung einflössen werden. Wie viele bedeutende Bücher sind in den letzten fünfzig Jahren angefangen worden und unvollendet geblieben, aus Mangel an einigen tausend, äogar an einigen hundert Mark. Wie viele Arbeiten, die ein dringendes, ja unabweisbares Erfordernis der Wissenschaft sind, können nicht in Angriff genommen werden, weil die dazu nötige Summe von zwei- oder dreitausend Mark nicht aufzutreiben ist. Und es findet sich kein Mäzen, der sich angetrieben fühlte, durch einen kleinen Griff in die Brieftasche dem Uebel abzuhelfen. Die Aermlichkeit der Mittel, über die die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums verfügt, ist eine der beschämendsten Tatsachen des gegenwärtigen jüdischen Lebens. (Schluß folgt.) DIE JUEDISCHEN FARMER ARGENTINIENS WAEHREND DES KRIEGES. Von Arturo Bab, Rivera (Argentinien). In dieser Zeitschrift ist die Lage der jüdischen Bauern im heiligen Lande seit Ausbruch des Krieges eingehend geschildert worden*); es mag daher für den Leser nicht ohne Interesse sein, zu hören, wie es deren Glaubens- und Beruf sgenossen in Argentinien in der gleichen Zeit erging. Denn wenn auch die La Plata-Republik — wenigstens •offiziell — sich neutral erklärt hat, machen sich die wirtschaftlichen Rückschläge des Völkerringens in der alten Welt auch hier stark fühlbar, ja vielleicht merkbarer, wie in einigen der kriegführenden Länder. Um dies nicht übertrieben zu finden, möge * Heft 1/5, Jg. XV. der Leser bedenken, daß Argentinien, in dem man bis jetzt noch keine abbaufähigen Kohlen und Eisenerze gefunden hat, so gut wie keine eigene Industrie besitzt Und daher jede Maschine, jede Schraube, allen Draht, ferner Geschirre, Blechdosen, ja sogar Sackleinwand, Bauholz, Kaffee. Tee, Reis einführt. Um jedoch alle diese notwendigen und eine große Anzahl minder unentbehrlicher, aber dafür umso angenehmerer Dinge zu erhalten, senden die La Plata-Länder ihre Produkte, wie Weizen, Hafer, Leinsamen, Mlais, Quebrachosaft, Fleisch, Butter, F^elle nach der alten Welt oder zu den Yankees. Dazu kommt, daß neunzig Prozent aller argentinischen Eisenbahnen in englischen und

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