Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
- Article
- Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 403 - 404 (sequence 2)
- Language
- German
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403 Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen. 404 sein; denn die Hartherzigkeit ist bei den Heiden zu finden. Barmherzigkeit dagegen ist ein Anzeichen der Abstammung von unserem Erzvater Abraham. Nur auf der Zedakah wird der Thron Israels autgerichtet und fußt die Religion der Wahrheit. Israel wird nur der Zedakah wegen erlöst. Kein Mensch wird armdurch sie, aus ihr erwächst kein Schaden oder sonst ein Nachteil. Maimuni zählt acht Stufen der Zedakah auf. Die höchste ist, einem Armen beizustehen, indem man ihm durch eine Subvention oder ein Darlehen ermöglicht, sich auf die eigenen Füße zu stellen; hian gehe mit ihm ein Kompagniegeschäft ein, oder verhelfe ihm zu einem Handwerksbetrieb, um „seine Hand zu stärken", damit er keiner Menschenhilfe bedürfe. „Fasse ihn kräftig an und richte ihn auf, damit er nicht falle und hilfsbedürftig werde." Einem verborgenen Armen, der sich weigert, die Wohltätigkeit in Anspruch zu nehmen, muß man „schlau kommen", und ihm unter einem annehmbaren Vorwand ein Ehrengeschenk verabreichen oder ein Darlehen gewähren. Charakteristisch ist folgendes Gesetz: ein wohlhabender Mann, dem unterwegs "das Geld ausgeht — in talmudischen Zeiten kannte man ja keine Eisenbahnen und keine Kreditbriefe — darf die Wohltätigkeit aller Art in Anspruch nehmen; nach Maimuni ist er auch nicht verpflichtet, das Genommene zurückzuerstatten, „denn in diesem Moment war er ein armer Mann". Dieses unscheinbare Gesetz bietet eine wichtige sittliche Lehre. Es spricht zum Reichen: auf der Wanderung durch das Leben kannst (auch du einmal in Not geraten und gezwungen sein, zu kosten, wie es schmeckt, die Wohltätigkeit in Anspruch zu nehmen. Die nächst höhere Stufe ist, so zu spenden, daß der Geber nicht weiß, wer der Empfänger, und der Empfänger nicht wejß, wer der Geber war. Der Talmud lehrt: „Wer Zedakah im Verborgenen tut, ist größer als Mose, unser Lehrer." In vielen alten jüdischen Gemeinden existierte eine Art wandernder Krankenkasse, die darauf beruhte, daß an jedes Mitglied der Gemeinde, einerlei, ob arm oder reich, wenn in der Familie ein Krankheitsfall sich ereignete, zwei Büchsen ins Haus geschickt wurden, deren eine einen Betrag enthielt, der nur ,dem Kassenwart bekannt war; jeder Hausvater, auch der reichste, war verpflichtet, die volle Büchse zu öffnen und ihr zu entnehmen, wie viel er wollte; die Reichen legten dann in die andere hinein, so viel ihnen beliebte. Lehrreich ist es, daß die jüdische Bezeichnung für die einzelne milde Gabe ^edabah" (vulgo Nedowe) lautet, während sie in allen europäischen Sprachefr"Almosen (oder ähnlich) heißt, vom griechischen sXc^ulosuvt). Das hebräische Wort stammt von einer Wurzel, welche befehlen, gebieten bedeutet, das Wort >,NJadib">_mit dem bis aut den heutigen Tag der rreigebige, der Wohltäter, bezeichnet wird, bedeutet ursprünglich den Heerführer, genauer: den Freien, der zum Heeresdienst aus freien Stücken sich verpflichtet, also den Vornehmen, den Edelmann, den Starken, der den Uebersehuß seiner persönlichen Kraft hergibt, um das Land und das Volk zu schützen; davon abgeleitet bedeutet „nedabah" die freiwillige Gabe, die aus eigenem Antrieb gespendet wird; in diesem Sinne kommt das Wort als Benennung der Spenden für den Bau und die Einrichtung der Stiftshütte vor. Das griechische IHt^otj^ dagegen bedeutet Mitleid, £Aesü>, heißt bemitleiden, die ganze davon abgeleitete Wortsippe ^Xe^awv, mitleidig, üsofyevov mitleiderregend, erbärmlich, behält die ausgesprochene Nebenbedeutung des Verächtlichen, Minderwertigen, welches jegliches Elend und jegliche Dürftigkeit im Bewußtsein des Griechen erregte. Diese verschiedenen, feinen, für den flüchtigen Blick kaum wahrnehmbaren Nuancen haben nedabah und Almosen bis auf den heutigen Tag beibehalten. Ein italienischer Prediger aus dem 15. Jahrhundert, Simchah Kohen Porto-Rapa, der selber ein reicher Mann war, sagte: das Geld gleiche dem Blut im Körper, zu wenig davon verursache Atrophie, zu viel aber könne Lebensgefahr mit sich bringen, letzterem Uebel müsse durch Aderlaß abgeholfen werden; der Aderlaß, dem' der Reiche sich unterziehen solle, sei die Wohltätigkeit, sie stelle in seinem Organismus das Gleichgewicht wieder her. Gleich wie für den Geber enthält die jüdische Lehre auch für den Empfänger eine Anzahl1 Vorschriften. Immerdar, sagt Maimuni, muß der Mensch sich anstrengen und sogar Not und Entbehrungen auf sich nehmen, um nur nicht Menschenhilfe zu benötigen, oder gar der Gesellschaft zur Last zu fallen. Auch ein Gelehrter und Angesehener, wenn er verarmt ist, greife zu einem geringeren, sogar zu einem herabgesetzten Handwerk, um nur nicht die Wohltätigkeit in Anspruch nehmen zu müssen. Von gefallenen Tieren soll er die Haut abziehen auf offenem Markt, um nur von seiner Hände Arbeit zu leben, und darf nicht sagen: ich bin ein großer Weiser, ich bin ein Kohen, ihr müßt mich ernähren. Von den größten unserer Weisen waren manche Holzhacker, Balkenträger, Wasserschöpfer für den Gartenbau, Eisenschmiede und Kohlenbrenner, forderten aber von der Gemeinde nichts, und nahmen nichts an, wenn man ihnen anbot. Ist aber einer krank oder alt, oder tnit einem Leiden behaftet, und hält sich stolz (und nimmt keine Hilfe in Anspruch, so gleicht er einem, der unschuldiges Blut vergießt und wird für sein Leben zur Verantwortung gezogen werden. Für seine unnützen Qualen erntet er nichts als Sünde und Schuld. Wer aber Not leidet (doch ohne Leben und Gesundheit zu gefährden), gegen sie ankämpft und Entbehrungen trägt und Entsagung übt, nur um der Gesellschaft nicht zur Last zu fallen, der geht nicht aus dieser Welt, ehe er's erlebt, andere von seinem Ueberfluß zu ernähren, ihm gilt das Wort der Schrift: gesegnet, wer seine Hoffnung auf Gott setzt. So gewinnen wir das Bild des Spenders, der fröhlich und zugleich demütig von seinem Ueberfluß dem Dürftigen gibt. (Spinoza ist wohl selten so jüdisch wie da, wo er das bene agere et laetari, das Wohltun in Freude, preist.) Er wünscht auch keine Danksagung, zumal er weiß, daß, wie La Rochefoucauld sagt, eine solche meist nur die Bereitwilligkeit andeutet, weitere Wohltaten in Empfang zu nehmen; während der Empfänger ohne Unterwürfigkeit und Erniedrigung, erhobenen Hauptes die Gabe in Empfang nimmt, in dem Bewußtsein, daß zwischen ihm und dem anderen sich ein Akt der Gerechtigkeit und des Wohlwollens abgespielt hat, der in eine überpersönliche Ordnung der Dinge gehört, — im wesentlichen ein Akt sozialer Vorbeugung, der nach Kräften dahin strebt, den Schwächern nicht in die Tiefen hinabgleiten zu lassen.