Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
- Article
- Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der Förderung und den Mäzenen
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 401 - 402 (sequence 1)
- Language
- German
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401 Von der Wohltätigkeit und den Wohltätern, von der:Förderung und den Mäzenen. 402 VON DER WOHLTAETIGKEIT UND DEN WOHLTAETERN, VON DER FOERDERUNG UND DEN MAEZENEN. Von Dr. A. Kahn. Nicht immer, aber sehr häufig kann die Etymologie eines Wortes, mit dem1, die Sprache einen gewissen Begriff bezeichnet, uns Aufschluß geben über dessen Wesen und Entstehung. Es ist entscheidend für den jüdischen Begriff der Wohltätigkeit, daß er im Hebräischen „ z e d a k a h " heißt, welches Wort von der biblischen Zeit bis auf den heutigen Tag im Volksmunde der Juden aller Länder fortlebt. Zedakah ist eigentlich Gerechtigkeit. Zedek bedeutet die Gerechtigkeit, kat' exochen. als die höchste Tugend, besser: als der Inbegriff aller Tugenden, der Gott beigelegt wird und dem der Mensch in ewigem Ringen .nachzustreben hat, um seinem Schöpfer ähnlich zu werden, „sich ihm anzuschließen." Wer das Zedek besitzt, ist ein Zaddik, Gott wird darum als der Zaddik der Welt bezeichnet; dies Wort wird mit „Gerechter" nur sehr unvollkommen übersetzt; im Bewußtsein eines Juden weckt es eine ganze Symphonie von wundervollen Obertönen, die ihm eine Klangfarbe verleihen, von der die Uebersetzung nicht einmal eine blasse Vorstellung gibt. Ein Zaddik ist unendlich viel mehr als einer, der nur „gerecht" ist, nur das Verdienst hat, keinem Unrecht zu tun, ebenso wie Zedek unendlich viel mehr ist als Gerechtigkeit im juristischen Sinne. Zedakah aber ist zur besonderen Bezeichnung für die Wohltätigkeit geworden und bekundet, daß die jüdische Lehre in der Uebung der Wohltätigkeit das Element der Gerechtigkeit betont wissen will. Habe ich einem Dürftigen geholfen, so bin ich ihm gegenüber nicht in eine höhere Menschenklasse emporgestiegen, ich darf mich ihm gegenüber nicht überlegen fühlen und auf ihn herabsehen, denn ich habe ja nur Gerechtigkeit geübt. Das erhebt den ganzen Akt in eine vornehmere Sphäre und benimmt ihm das Peinliche, das er für den Spender, und das Demütigende, das er für den Empfänger sonst naturnotwendig mit sich führt. Mit einem, dem gegenüber ich einen Akt der Gerechtigkeit geübt habe, kann ich mich sogleich zu Tische setzen, und ohne mir das geringste zu vergeben, ihn mit derselben Höflichkeit behandeln, die ich meinesgleichen schulde. Ebenso wenig braucht der Empfänger sich innerlich geknickt und getreten zu fühlen, und Sich zu sagen, daß er auf eine tiefere soziale Stufe hinabgesunken ist. Aber dieses Moment der Gerechtigkeit macht die Wohltätigkeit nicht etwa zu einer frostigen und freudlosen Pflichterfüllung; das Wort „Zedakah tun" oder „Zedakah geben" enthält so viel Zartheit und Herzenswärme, daß es sich «eigentlich gar nicht übersetzen läßt. Und die Lehre lautet: „Die Zedakah ist nur so viel wert, als in ihr Liebe (chesed) enthalten ist." Dieses chesed äst ebenfalls ein unübersetzbares Wort, Die göttliche Liebe wird damit bezeichnet, und im solchen Fällen übersetzt man es mit Gnade, aber es dient auch zur Bezeichnung der Liebe des jungen Weibes zum Erwählten ihres Herzens. „Ich gedenke dir deiner jugendlichen Hingabe (chesed), deiner bräutlichen Liebe, da du mir folgtest durch die Wüste, durch saatenloses Land." Also, diese Kombination von göttlicher und menschlicher Liebe muß die Zedakah erfüllen, wenn sie vollgültig sein soll. Dieser Auffassung entsprechen auch die jüdischen Vorschriften über die Wohltätigkeit. Ueber keinen Gegenstand enthält das religiöse und ethische Schrifttum der Juden eine solche Fülle von Lehren und Ermahnungen, wie über die Zedakah in allen ihren Formen und Abarten. Der Talmud bietet hierüber eine unerschöpfliche Menge von Bemerkungen, die erstaunlich treffliche psychologische Einblicke in die soziale und /individuelle Natur des Menschen gewähren. Die Zusammenfassung der meisten dieser Lehren durch Maimonides und Caro bilden in knapper Form ausgezeichnete Lehrbüchlein der Armenpflege im edelsten Sinne des Wortes, die uns modernen Menschen sehr gute Dienste leisten könnten. Da das Wohltun ein Akt der Gerechtigkeit ist, so kann man von Gerichteswegen dazu gezwungen werden, durch Pfändung, auch an liegenden Gütern, sogar durch körperliche Strafen. Das Wohltun ist aber nicht ein Vorrecht der Reichen oder der Wohlhabenden, denn auch wer auf die Wohltätigkeit angewiesen ist, ist verpflichtet, Zedakah zu geben. Für die Unbemittelten ist ein Mindestbetrag festgelegt; als Maximum gilt der fünfte Teil des Vermögens oder der Einkünfte, über den hinaus zu gehen Verschwendung ist. weiche die Familie des Gebers schädigt; letztwillig aber ist es gestattet, die Hälfte des Vermögens der Wohltätigkeit zu widmen. Das mittlere Maß ist der zehnte Teil, daß Maaser, das schon die Bibel für Palästina vorschreibt. Noch heutzutage gibt es, auch in den „fortgeschrittensten" Ländern, zahlreiche Juden, die mit peinlichster Genauigkeit darauf achten, von allen ihren Einnahmen den Zehnten abzuführen; das rechnen sie sich nicht als Zedakah an, sondern als eine Art Pflichtsteuer, erst was sie darüber hinaus geben, erachten sie als eigentliche Wohltätigkeit. Wer hinter diesem Maß zurückbleibt, gilt als geizig. Schon diese Vorschriften allein lassen darauf schließen, daß die Wohltätigkeit bei den Juden frühzeitig gesetzlich geregelt war; in der Tat gab es eine richtige Armengesetzgebung und eine wohlorganisierte Armenpflege. Gleichwohl wurde das größte Gewicht stets auf das persönliche Moment in der Zedakah gelegt. Wer einem Armen seine Gabe mit griesgrämiger Miene schenkt — lehrt Maimuni — und den Blick mürrisch zu Boden gesenkt hält, mag er ihm tausend Goldgulden schenken, so hat er sein Verdienst verdorben und verloren. Nein, er muß ihm die Gabe mit Herzlichkeit und Freude reichen, er muß an seinem Kummer teilnehmen, sich für seine Bedürfnisse interessieren, ihm sanft und milde Trost zusprechen, er muß zu ihm! sein, wie ein Vater und wie ein Bruder, in Worten und Gebahren. Zweimai Wehe ruft Mainumi über den. welcher einen Armen gar beschämt und gedemütigt hat. Das hauptsächliche subjektive Moment in der Wohltätigkeit ist die Herzenswrärme, die Barmherzigkeit (racharnim). Wer sich .über seinen Nächsten erbarmt, über den erbarmt sich der Himmel, wer kein Erbarmen hat, sondern grausam ist, steht in Verdacht, nicht von makelloser Abkunft zu