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Ost und West · 1916-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1916) · p. Seite 395 - 396

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
Article
Ein Gang durch den alten Berliner jüdischen Friedhof
Date
1916-10-01
Page
Seite 395 - 396 (sequence 5)
Language
German
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395 Ein Gang durch den alten Berliner jüdischen Friedhof. 396 dem Wert der Münzsorten; sie holten mit Freuden die alten Taler hervor, weil sie für jeden mehrere blanke Stücke erhielten. Auf diese Weise bekam Ephraim viel Silber, und auch seine Agenten wurden reiche Leute. Die neuen Prägungen entgingen aber dem Volkswitz nicht; die sächsischen Achtgroschenstücke nannte man „Ephraimiten" oder Blechkappen", und da sie ,,mit Fleiß gut weiß gesotten" waren, so entstand auf sie der Vers: „Von außen schön, von innen schlimm; Von außen Friedrich, von innen Ephraim." Ebenso vervielfältigte Ephraim die Goldbarren, die der König als englische Subsidien geliefert erhielt, durch Legierung mit geringerem Metall in dem Maße, daß statt einer Million deren zwei bis drei daraus geprägt wurden. Dadurch stieg das gute Gold so im Werte, daß beispielsweise ein Dukaten an manchen Orten mit neun Talern schlechten Goldes bezahlt wurde. Im März 1763 gestattete der König dem Münz-Entrepreneur durch Kabinettsorder den Ankauf eines Hauses für seine Kinder sowie die Gerechtsame eines christlichen Bankiers bei rechtlichen Angelegenheiten vor und außer Gericht. Jenes Haus war in der heutigen Poststraße Nr. 16, an der Ecke des Mühlendammes gelegen. Die geschichtlichen Erinnerungen, die sich an dieses Gebäude knüpfen, reichen bis zum Jahre 1488; in ihm erteilte der Magistrat einem gewissen Hans Zehender das Privilegium, hier die erste Apotheke in Berlin als erbliches Besitztum zu .errichten. Nach seinem Tode heiratete die Witwe den Apotheker Hohenzweig, den seine Gattin ebenfalls überlebte, und sie heiratete nun einen gewissen Johann Aerarius. Diesen drei Männern und ihrer 1561 verstorbenen Frau wurde ein Denkmal unter dem großen Altar in der Nikolai-Kirche errichtet mit einem Bildnis, das die Männer als die drei opfernden Weisen aus dem Morgenlande und die Gattin als Jungfrau Maria darstellt. Die acht Monolithen, die den Balkon des Ephraimschen Hauses trugen, sollen von dem Brühischen Schlosse in Pforten herrühren, das Friedrich der Große während des Siebenjährigen Krieges hatte zerstören lassen. Die acht kolossalen Säulen seien nach Berlin geschafft und ' dem Ephraim, der eben mit dem Prachtbau seines Hauses begonnen hatte, vom Könige zum Geschenk gemacht worden. Als dieser dann das vollendete Gebäude in Augenschein nahm, soll er auf die Aeußerung Ephraims, daß die prachtvolle Ausstattung des Hauses wohl kaum etwas zu wünschen übrig lasse, erwidert haben: „Nichts als einen Galgen, denn Er hat mich ganz abscheulich betrogen!" Daß diese Aeußerung nur scherzhaft gemeint sein konnte, läßt sich wohl annehmen, denn der König setzte trotz unzähliger Anfeindungen sein volles Vertrauen auf Ephraim — ohne indessen dessen ehrgeizigen Plänen zu willfahren. So ließ er unter anderem das Gesuch seines Münzmeisters, einen Degen tragen zu dürfen, mit dem eigenhändigen Randvermerk zurückgehen: ,,Er kann den Degen tragen, aber auf der rechten Seite." Eine gleiche sarkastische Abfertigung wurde der Petition Ephraims zuteil, in vierspänniger Karosse fahren zu dürfen. Sie lautete kurz: ,,Ja, aber ein Pferd hinter dem anderen." Die zweite umfangreiche Besitzung dieses Krösus war die sogenannte ,,Judenmühle"; sie erstreckte sich durch die heutige Louisen- bis zur Karlstraße und längs der Spree von der Albrechtstraße bis zum Unterbaum. Diesen Park benutzten hochgestellte Persönlichkeiten zum Sommeraufenthalt; hier verstarb auch 1792 der türkische Gesandte, der einzige, dessen Bestattung auf dem türkischen Kirchhofe bei der Hasenheide bis dahin stattgefunden hat. Nach Ephraims Tode kaufte der Bauunternehmer Schumann das Etablissement von dessen Erben für 42 000 Taler, und erzielte in kurzer Zeit durch den Wiederverkauf von Parzellen 150 000 Taler. Neben diesen Finanzmännern finden wir mehrere Denkmäler von Zeitgenossen, die als Aerzte zu den Berühmtheiten Berlins gehörten. Da ist der feine und geistvolle de Lemos, von portugiesischer Abkunft, der Vater der ebenso geistreichen wie schönen Henriette Herz. Von hoher, edler Gestalt, erregte er stets die Aufmerksamkeit der Berliner, wenn er in seinem malerischen Kostüm würdevoll durch die Straßen schritt, des Abends den Diener mit der hellen Stocklaterne voran. Er trug einen mit goldenen Tressen und echten Spitzen besetzten Samtrock, seidene Strümpfe und Schnallenschuhe; das schöne, regelmäßige Gesicht mit dem milden Ausdruck umschloß eine Allongeperücke, bedeckt von einem dreieckigen Hut. In seiner Behausung trug er stets einen rotseidenen Schlafrock und eine gleichfarbige Mütze in Form eines Turbans. Der Charakter dieses Mannes war fleckenlos wie sein ganzes Leben. Von vollendet feinem Anstände und wahrer Bildung, erzog er seine Tochter und bildete sie, namentlich in fremden Sprachen, fast zu einer Gelehrten. Sein Schwiegersohn, der hier ebenfalls bestattete Hofrat Markus Herz, führte ein großes Haus, wozu seine reiche ärztliche Praxis ihm die Mittel gewährte. Körperlich klein, verwachsen und häßlich, heiratete er die fünfzehnjährige Henriette, die durch ihre auffällige Schönheit die Bewunderung der Berliner erregte. Bald war sein Haus in der Neuen Friedrichstraße der Sammelplatz Berliner Schöngeister: Leuchsenring — einer der Hauptträger jener Literaturepoche der „weichgeschaffenen Seelen", den Goethe in „Dichtung

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