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Ost und West · 1916-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1916) · p. Seite 397 - 398

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
Article
Ein Gang durch den alten Berliner jüdischen Friedhof
Date
1916-10-01
Page
Seite 397 - 398 (sequence 6)
Language
German
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397 Ein Gang durch den alten Berliner jüdischen Friedhof. 398 und Wahrheit" so trefflich geschildert —, die beiden Schlegel, der Baumeister und Komponist Zelter, Dohm, Schadow, Reich hart, Moritz, Engel und die beiden Humboldt, der Minister Graf Dohna-Schlobitten und Schleiermacher, sie fanden sich hier zusammen und brachten der schönen Jüdin ihre Huldigungen dar. Die Freigebigkeit ihres Gatten kannte keine Grenzen, so daß, als er im besten Mannesalter starb, Henriette Herz oft von lastender Sorge bedrückt wurde, die sie indessen vor den Augen der Welt zu verbergen wußte. Durch Vermittlung A. v. Humboldts erhielt dann die Greisin von Friedrich Wilhelm IV. ein erhebliches Geldgeschenk und eine jährliche Pension. Henriette Herz starb am 22. Oktober 1847 im vierundachtzigsten Lebensjahre; ihre irdische Hülle ruht nicht neben der ihres Gatten, sondern — auf dem Dreifaltigkeitskirchhof. Ein schlichter Stein bezeichnet die ewige Ruhestätte eines Mannes, der die Achtung der Mitwelt in höchstem Grade genoß und den die Nachwelt zu den wackersten Kämpfern der Aufklärung und Humanität zählen wird — des Philosophen Moses Mendelssohn. Als sechzehnjähriger Junge kam Mendelssohn, der Sohn eines armen jüdischen Schulmeisters in Dessau, nach Berlin, wo er sich in großer Dürftigkeit unter den herbsten Entbehrungen und Hindernissen aller Art dem Studium der Philosophie und der deutschen Literatur widmete. In einer elenden Dachkammer wohnte der kleine, verwachsene und stotternde Mensch, dessen Erwerb so spärlich war, daß er auf seiner täglichen Mahlzeit, trockenem Brote, strichweise die Tage der Woche bezeichnete, um seinem Hunger im voraus Grenzen zu stecken. Später als Faktor mit einem jährlichen Gehalt von dreihundert Talern bei einem Glaubensgenossen, dem reichen Seiden Warenfabrikanten Bernhard — dessen Grabstätte sich unweit der seinigen befindet — angestellt, wohnte Mendelssohn in dessen Hause Spandauer Straße Nr. 68. Der bekannte Kanonikus Breitiger in Zürich schrieb damals von ihm: ,,Den Juden Moses, den Verfasser der philosophischen Briefe über die Empfindungen, fanden wir in seinem Kontor mit Seide beschäftigt. Eine leutselige, leuchtende Seele im durchdringenden Auge und einer äsopischen Hülle; schnell in der Aussprache, doch plötzlich durch ein Band der Natur im Laufe gehemmt. Ein Mann von scharfen Einsichten, feinem Geschmack und ausgebreiteter Wissenschaft. Ein großer Verehrer denkender Genies und selbst ein metaphysischer Kopf; ein unparteiischer Beurteiler der Werke des Geistes und Geschmacks; vertraulich und offenherzig im Umgang, bescheidener in seinen Reden als in seinen Schriften und beim Lobe unverändert; ungezwungen in seinen Gebärden, entfernt von den ruhmbegierigen Kunstgriffen niederträchtiger Seelen, freigebig, dienstfertig; ein Bruder seiner Brüder, der Juden, gefällig und ehrerbietig gegen sie, auch von ihnen geehrt und geliebt/' Das war der Mann, der aus verachteten Juden geachtete Menschen, aus schachernden Hausierern nützliche Staatsbürger zu machen sich bestrebte; der Mann, der einen Lessing durch einen somatischen Geist entzückte und von ihm als Typus der religiösen Toleranz im „Nathan" verherrlicht wurde. Zu seinen Bewunderern gehörten auch Ramler, Nikolai, Sulzer und Lavater, der den jüdischen Philosophen vergeblich für das Christentum zu gewinnen suchte. Dicht an der Mauer lehnt das Grab eines Freigeistes, des gelehrten Rabbi Isaak Satanow aus dem Städtchen Satanow in Polen, der den Messias seines Volkes als die ,,mit Wissen verbundene Liebe" bezeichnete. Ein ausgezeichneter Schachspieler, war er der Freund Mendelssohns und Lessings, der ihn als schachspielenden Derwisch ebenfalls in seinem ,,Nathan" verewigt hat. Ein anderer Denkstein weist den Namen Dr. Gumpertz auf. Er war ein Mann von vielseitiger Bildung und Sekretär bei dem Marquis d'Argent, dem Verehrer Friedrichs des Großen. Als Lessings Freund benutzte er dessen Neigung zum Schachspiel, um ihn mit dem1 schüchternen Mendelssohn, der ebenfalls ein vorzüglicher Schachspieler war, bekannt zu machen. Gumpertz' Porträt finden wir in dem Lessingschen Lustspiel ,,Die Juden", dessen Tendenz die Bekämpfung des herrschenden Vorurteils gegen das unterdrückte Volk in dem Reiche des großen Königs war. Der Friedhof wurde im Jahre 1827 geschlossen.

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