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Ost und West · 1916-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1916) · p. Seite 393 - 394

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
Article
Ein Gang durch den alten Berliner jüdischen Friedhof
Date
1916-10-01
Page
Seite 393 - 394 (sequence 4)
Language
German
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393 Ein Gang durch den alten Berliner jüdischen Friedhof. 394 zu erhalten gewußt habe. Diese Worte, die die Wache deutlich vernommen haben will, sollten sein Unglück werden. Man fand in dem Hause des Juden ein mit geheimnisvollen Buchstaben beschriebenes Buch — das angebliche Zauberbuch — und man erpreßte ihm nun durch die schrecklichsten Martern das Bekenntnis, die ihm zugeschriebenen Verbrechen wirklich begangen zu haben. Der Unglückliche wurde am 28. Januar 1571 von dem Scharfrichter Dictus Barsch an mehreren Orten der Stadt mit glühenden Zangen gezwickt, dann auf dem Neuen Markt von unten auf gerädert und' endlich von vier Pferden zerrissen. Vor jedem Tore wurde dann ein Stück des Leichnams aufgehängt, während das abgeschlagene Haupt noch besonders auf das Georgen-Tor gesteckt, die Eingeweide samt dem vermeintlichen Zauberbuche aber auf der Richtstätte verbrannt wurden. Und als zufällig unter dem Blutgerüst eine Maus infolge der großen Hitze hervorlief, hielt die andächtige Volksmasse das Tier für den Zauberteufel, der den armen Lippold in der Todesstunde verlassen habe. Zur selben Zeit wurden sämtliche Juden, die der Kurfürst in einem Rechtfertigungsschreiben an den Kaiser Maximilian als ,,schädliches Gesindel" bezeichnete, das ,,notwendig ausgerottet" werden müsse, gezwungen, Berlin und die märkischen Lande zu räumen. Ein volles Jahrhundert hindurch blieben sie daraus verbannt. Seitdem verödete auch der Friedhof in der Judengasse, an dessen einstige Existenz eine Zeitlang nur noch ein Häuschen in der Landwehrstraße Nr. 3, das ehemalige Judenlazarett, erinnerte. Erst während der Regierung des Großen Kurfürsten, im Jahre 1671, wurde den Juden die Erlaubnis erteilt, sich wieder in Berlin und in der Mark anzusiedeln, und zwar gegen ein jährliches Schutzgeld von acht Talern für die Familie. Aus jener Zeit datiert auch die Anlage des Friedhofes in der Großen Hamburger Straße. Noch bezeichnen Denksteine auf dieser Stätte die Ruheplätze derjenigen, die sich durch hohe Geisteskraft, als Lehrer ihres Volkes einen unvergänglichen Namen erworben haben und deren Nachkommen hohe Staatsämter bekleideten. Jenes prunklose Denkmal erinnert an den Urahn der späteren Familie Hitzig — an Itzig Daniel, den Pferdelieferanten des gestrengen und den Juden nicht besonders günstig gesinnten Königs Friedrich Wilhelm I. Man erzählt sich, daß der König einst bei seinem gewohnten Spazierritt durch die Stadt einen Juden erblickte, der, sobald er des Monarchen ansichtig wurde, die Flucht ergriff. „Warum bist Du davongelaufen?" herrschte der König ihn an. ,,Weil ich mich fürchte, Euer Majestät," entgegnete zitternd der Befragte. „Ihr sollt euch aber nicht fürchten, ihr sollt mich lieben!" rief der Monarch aufgebracht aus, indem er sein großes spanisches Rohr erhob, um dem Juden stärkere Sympathien einzubläuen. Der bekannte Münzpächter unter Friedrich dem Großen, Itzig, dessen Grabmal wir hier ebenfalls vorfinden, war ein Sohn Itzig Daniels. Er besaß das ausgedehnteste Grundstück in Berlin, am Ende der Köpenicker Straße, das noch lange nach seinem Tode den Namen „der große Judengarten" im Volksmunde geführt hat. Itzig, dem das Glück länger günstig war als dem patriotischen, mit schwerem Undank belohnten Kaufmann Gotzkowsky, dem Retter Berlins bei der Invasion der Russen im Siebenjährigen Kriege (1760), hatte von diesem das Grundstück erworben und nach dem Vorbilde des Gartens von Sanssouci verschönert. Es war ein eigentümlicher, melancholischer Zauber, den der alte einsame Garten, der Zeuge ehemaligen Glanzes, noch in der letzten Zeit mit seinen verfallenen, epheubedeckten Grotten auf den Besucher ausübte. Eine prachtvolle Lindenallee durchlief ihn in der Mitte; sie war unterbrochen durch zwei Bassins, in deren einem ein angeblich von Schlüter herrührender Neptun stand. Künstliche Anhöhen waren mit Pavillons aus reich vergoldetem Gitterwerk und mit Bildhauerarbeit nach dem Muster derjenigen, die wir noch heute auf den Flügeln des Schlosses Sanssouci erblicken, verziert. Eine Orangerie in halbkreisförmiger Anlage bildete einen Saal, dessen breite steinerne Stufen die Sitze eines Garten - theaters darstellten; die Kulissen wurden durch Gebüsche gebildet. Von dem Reichtum Itzigs erzählt man, daß er, als einst Friedrich der Große sein Besitztum in Augenschein nahm, den Fußboden des großen Saales mit blanken Talern habe auslegen lassen. Noch vor gar nicht langer Zeit ist man dort nächtlichen Ausgrabungen nach angeblich verborgenen Schätzen auf die Spur gekommen. Unfern dieser Grabstätte befindet sich die des Veitel Ephraim, jenes nicht minder bekannten Finanzmannes und Vertrauten Friedrichs des Großen, der ihn zu allen Geschäften als geheimen oder öffentlichen Agenten benutzte. Als der König sich des Kurfürstentums Sachsen im Siebenjährigen Kriege bemächtigt hatte, wurde auf Veranlassung des Generals von Retzow dem Schutzjuden Ephraim das neu einzurichtende Münzwesen in Sachsen übertragen. Um nun das zum Münzen erforderliche Metall in größerer Menge zu erlangen, durchstrichen in seinem Auftrage junge jüdische Leute das platte Land und suchten das alte Geld auf, wo es immer zu holen war. Der Landmann und der Kleinstädter besaßen damals wenig Kenntnis von

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