Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
- Article
- Ein Gang durch den alten Berliner jüdischen Friedhof
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 391 - 392 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2584060-2584067-2597496--16347-2597532- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
391 Ein Gang durch den alten Berliner jüdischen Friedhof. 392 dem Scharfrichter mit seinen Helfern ein wunderlicher Bau aufgerichtet — ein Tabernakel von drei Manneshöhen als starke Rosten übereinander gebaut und mit Holz, Stroh und Pech belegt, und auf jede Roste waren in die Länge und Breite starke Bäume gezogen. Daran sind die Verurteilten, ein Teil auf der untersten, die anderen auf der mittleren und die übrigen auf der dritten Roste, teils liegend, teils stehend, an den Hälsen mit eisernen Banden angeschmieden worden." Wieder stimmten die Unglücklichen den Gesang des Todes <an, während der Henker den Scheiterhaufen entzündete und in das Wirbeln und Knistern der emporzüngelnden Flammen sich die Worte des Bekenntnisses ,,Schema Israel" und des Gebetes um das Kommen des Reiches des Allmächtigen und die Erleuchtung der Welt durch die Erkenntnis Gottes mischten. Zweien der achtunddreißig Angeschuldigten, Jakob und Joseph, die während des Prozesses zum Christentum übergetreten waren, wurde die Strafe des Verbrennens in die der Enthauptung umgewandelt; ihre Häupter fielen am folgenden Tage unter dem Schwerte des Henkers, ihre Leichname aber wurden in einem Winkel des Friedhofes verscharrt. Mehrere Jahre blieb dieser hierauf geschlossen, denn Kurfürst Joachim verbannte nunmehr sämtliche Juden aus dem Lande, nachdem sie folgenden Eid geleistet hatten: ,,Ich gelobe und schwöre, eine rechte Urfehde dem durchlauchtigsten Fürsten Joachim, seinen Erben und Nachkommen, allen Städten und Leuten und überhaupt allen denen, die Rat und Tat gegeben, daß ich ins Gefängnis gekommen bin, mich aber doch, obwohl ich schwere Strafe verdient hätte, aus Gnaden wieder befreit haben. Würde ich oder eines von den Meinigen wider diesen meinen Eid handeln, so sollen mir die fünf Bücher Mosis niemals zu Hilfe kommen; so müsse ich mich verunreinigen, wie der König von Babylon; so müsse Schwefel und Pech aus meinem Halse rinnen, wie einst über Sodom und Gomorrha geronnen sind; so müsse mich die Erde überfallen und verschlingen, als sie Dathan und Abiram tat; so müsse mein Gruß nimmermehr kommen zu anderer Gruß und die Erde nimmermehr kommen zu meiner Erde! Dann müsse mir nicht mehr helfen Jehova, der Gott meiner Väter; ich aussätzig werden wie Naeman; mich müsse angehen der Ausschlag, der das israelitische Volk anging, da sie fuhren durch Aegyptenland; dann müsse über mich kommen das Blut, und der Fluch müsse an mir wachsen und nim'mermehr abnehmen — der Fluch, den mein Geschlecht sich wünschte, da sie Jesum verurteilten und marterten und sprachen: ,,Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!" Daß ich diese Urfehde fest und unverbrüchlich halten will, dazu helfe mir Gott, der Mose erschienen im brennenden Busch. Ich schwöre dies bei meiner Seele, die ich auf den jüngsten Tag zu Gericht bringen muß vor Gott durch Abraham, Isaak und Jakob. Ich entsage auch hiermit aller päpstlichen und kaiserlichen Freiheit und Gnade, ich will ihrer nimmermehr wieder gebrauchen, sondern von Stund an stracks aus dem Lande ziehen und niemals wieder hereinkommen. Ich will auch alle Juden, die mir begegnen werden, warnen, daß die sich dieses Landes, bei Verlust ihres Lebens und ihrer Güter, enthalten ... So wahr mir Gott helfe, der einst schuf Himmel und Erde, Tal und Berg, Laub und Gras!" Der prachtliebende Kurfürst Joachim II. rief die Juden in das Land zurück, um seine Einkünfte zu vermehren, wodurch der landesherrlichen Kasse die für damalige Zeiten enorme Summe von 42 000 Talern jährlich an Schutzgeld zufloß. Unmittelbar nach seinem Tode spielte sich jedoch zum zweiten Male ein gräßliches Schauspiel ab, das wiederum mit der Vertreibung der Juden aus den märkischen Landen endigte. Der Hofjude Lippold hatte sich, anfänglich ein armer Bursche, bei dem Kurfürsten Joachim' IL in kurzer Zeit dermaßen in Gunst zu setzen gewußt, daß er zum Kämmerer und Münzmeister ernannt wurde. Durch ungeheure Zinsforderungen — gewöhnlich nahm Lippold fünfzig Prozent — hatte er ein bedeutendes Vermögen zusammengerafft, durch das er sich nur noch fester in der Gunst seines Fürsten erhielt, der sich fortwährend in Geldverlegenheit befand. Lippolds unbarmherziger Wucher, die Rücksichtslosigkeit, mit der er Christen wie Glaubensgenossen behandelte, hatten ihn im Volke verhaßt gemacht. Der lang genährte Groll brach endlich gegen ihn los, als der auf der Jagd befindliche Kurfürst in der Nacht vom 2. auf den 3. Januar 1571 in Köpenick an einem Stickfluß starb. Der unglückliche Zufall, daß Lippold dem Kurfürsten am Abend vor dessen Tode einen Becher Wein gereicht hatte, gab Veranlassung zu dem Märchen, er habe seinen Herrn vergiftet. Der Pöbel plünderte mehrere Häuser in der Judenstraße und zerstörte die Synagoge, und nur mit der größten Anstrengung vermochte der neue Kurfürst Johann Georg das erbitterte Volk von einer allgemeinen Juden hetze abzuhalten. Die Untersuchung des Leichnams brachte jedoch keine Spur von Gift zutage, und da Lippold auch auf der Folter seine Unschuld standhaft beteuerte, so hätte seine Freilassung erfolgen müssen, wenn nicht, wie behauptet wird, die eigene Frau dem Lippold im Gefängnisse vorgeworfen hätte, daß er ein Zauberer sei und durch geheimnisvolle Tränke die Gunst des verstorbenen Kurfürsten sich