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Ost und West · 1916-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1916) · p. Seite 385 - 386

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1916-10-01
Page
Seite 385 - 386 (sequence 10)
Language
German
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385 Rumänien und seine Juden. 386 konnten; Juden hatten als Vagabunden zu gelten, insofern sie aus dem Ausland ohne Kapital und ohne Reisepaß kamen und keine vollgültige Bürgschaft für ihren Aufenthalt im Lande bieten konnten. Alle diese Bestimmungen sind, wie man sieht, sehr dehnbar und vieldeutig und lassen dem Gutdünken der Behörden weiten Spielraum. * * * Mittlerweile hatten sich im Lande bedeutende politische Veränderungen vollzogen. Der gegen das Ende des 18. Jahrhunderts im Volke entstandene latente Groll gegen die Juden wurde einstweilen durch den Haß gegen die Griechen zurückgedrängt, die bald unter dem Schutz der Pforte, bald Rußlands einzeln und in ihrer Gesamtheit als die ärgsten Bedrücker des Landes auftraten. Die nationale Bewegung der Griechen gegen die Türkei hatte ihren Haupt sitz in Bukarest aufgeschlagen, stand unter dem Schutz Rußlands, dessen Konsul der wahre Regent des Landes war, und hatte eine Spitze gegen die Rumänen. Der Grieche Ypsilanti brach 1821, von Rußland unterstützt, in die Moldau ein und rückte gegen Bukarest vor; die Griechen wüteten besonders gegen die Juden und unterwarfen sie grausamen Martern. Der national-rumänisch gesinnte Gouverneur der Walachei, Wladimirescu, trat den Insurgenten entgegen und suchte eine1 Verständigung mit dem Sultan, worauf türkische Truppen den Griechenauf stand unterdrückten. Unter diesen Kämpfen hatte das Land jahrelang1 schwer zu leiden, bis endlich die türkischen Truppen abberufen wurden. Die rumänisch-nationale Bewegung erstarkte indessen immer mehr und strebte immer zielbewußter nach der Vereinigung der beiden Fürstentümer und der Befreiung von jeder Fremdherrschaft. Rußland blieb auch nach der Räumung der Fürstentümer 1834 der offizielle Protektor besonders gegenüber der Türkei, galt aber den Rumänen als der gefährlichste Feind innerer Selbständigkeit. Alle Mächte intrigierten im Lande gegeneinander. „Bukarest ist damals eine hohe Schule für jene Art Diplomatie gewesen, die ihre höchste Aufgabe darin findet, die Schliche und Verstellungen des anderen zu durchschauen und durch noch größere Schlauheit und Heuchelei zu übertrumpfen.44 * * * Der Völkerfrühling von 1848 kam heran und sandte auch über die Donauländer seinen belebenden und verjüngenden Hauch. Das Komitee der Wiedergeburt organisierte in beiden Ländern eine freiheitliche und nationale Bewegung, die in der Walachei gegen Rußland gerichtet war, so daß man die Türkei als Befreierin anrufen mochte, in der Moldau aber sich mehr gegen den damaligen Fürsten und gegen die Privilegienherrschaft der Bojaren wandte. Am 21. Juni wurde auf dem Felde von Islag eine Proklamation des Komitees vor einer tausendköpfigen jubelnden Menschenmenge verlesen, in der gefordert wurde: Unabhängigkeit der Gesetzgebung und Verwaltung, Emanzipation der Frohnbauern, dei" Juden und der Zigeuner, Gleichheit der politischen Rechte für alle Staatsbürger, Abschaffung der Steuerfreiheit der Bojaren und der Fremden, Parlament, Schulbildung, Freiheit des Wortes und der Presse, Ministerverantwortlichkeit, Beseitigung der Protektionswirtschaft und der Korruption. Der Artikel 21 dieser Proklamation lautete: ,,Die Emanzipation der Israeliten und die Erteilung der bürgerlichen und politischen Rechte an alle Landes - Bewohner wird gewährleistet." Zur Begründung dieses Artikels wurde folgender Appell erlassen: ,,Bürger, Priester, Bojaren, Kaufleute und Gewerbetreibende, welcher Klasse, welcher Nation und welcher Religion immer ihr angehören möget, ob ihr die Provinzstädte oder die Hauptstadt bewohnt , Griechen, Serben, Bulgaren, Deutsche, Armenier und Israeliten, bewaffnet euch, um die Ordnung aufrechtzuerhalten und bei der großen Aktion mitzuwirken. Das Vaterland gehört euch, ebensogut wie uns. Es gefällt euch wohl auf seinem Boden und das Vaterland nimmt euch auf. Das alte System rief euch nicht herbei, an der gemeinsamen Tafel Platz zu nehmen. Vom heutigen Tage ab haben wir eine gemeinsame Tafel für alle. Ein Asyl der Brüderlichkeit tut sich vor euch auf. Dieselben Rechte werden uns allen gewährleistet.4' Der Rausch war kurz. Die beiden Hospodare Bibesco und Sturdza unterdrückten bald mit Hilfe russischer und türkischer Truppen die Bewegung in beiden Fürstentümern. Zar und Sultan einigten sich 1849 auf Wiederherstellung der alten Fremdherrschaft. Die rumänischen Freiheitskämpfer flohen nach Deutschland und Frankreich, wo sie begeisterte Aufnahme fanden. Aber den Fürstentümern erwuchs ein mächtiger Beschützer in Napoleon III. Treitschke, ein großer Verehrer dieses Kaisers, sagt, daß von ihm eine neue Entwicklung ausging, der erst eine spätere Geschichtsschreibung gerecht werden wird. Er habe Frankreich, das seit dem Sturze Napoleons I. jeden Einfluß in Europa verloren hatte, wieder zur ersten Macht Europas erhoben. Er machte sich zum Beschützer und Befreier der kleinen Nationen, und England, das nicht zurückbleiben wollte, mußte mit ihm hierin wetteifern. Die beiden Westmächte unterstützten die Einigungs- und Freiheitsbestrebungen der Moldau und der Walachei sehr eifrig. Der Pariser Friede von 1856 zwang Rußland, einen Teil von Beßarabien sowie die Donaumündungen an die Moldau abzutreten und auf die besondere Schützherrschaft über die Christen in der Türkei, namentlich auf das Protektorat der Fürstentümer, zu verzichten; alle Konfessionen wurden durch ein Chatt — J — Humajjun mit der mohammedanischen Bevölkerung gleichgestellt. Napoleon hatte Rußland, wie Treitschke sich ausdrückt, aus der leitenden Stelle unter den Großmächten hinausgedrängt und die Führung Frankreich überantwortet. England ging mit ihm Hand in Hand. Er galt den Rumänen als Erlöser. Zu dem alten Einfluß Frankreichs in kultureller Beziehung kam jetzt der politische hinzu. Die Fürstentümer hatten das russische Protektorat abgeschüttelt, aber auch unter der Oberhoheit der Pforte standen sie nur dem äußeren Schein nach. Die sechs Großmächte übten gemeinsam einen Schutz über sie aus, aber keiner stand ein besonderes Recht zu, sich in ihre inneren Angelegenheiten zu mischen. Rumänien ward gewissermaßen das Schoßkind Europas, der besondere Liebling Napoleons III. und Englands. Die Konferenz der Großmächte von 1855 bis 1858 beriet über die künftigen Schicksale der Fürstentümer, die einstweilen von je einem ,,Diwan ad hoc" regiert wurden. Der Drang nach Vereinigung wurde ein im-

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