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Ost und West · 1916-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1916) · p. Seite 387 - 388

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1916-10-01
Page
Seite 387 - 388 (sequence 11)
Language
German
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387 Ein Gang durch den alten Berliner jüdischen Friedhof. 388 gestümer. Die kleine Schicht von politisch reifen und denkenden Juden im Lande schloß sich mit Leib und Seele diesen Bestrebungen an. Oesterreich widersetzte sich ihnen und bewirkte damit nur ein Erstarken des französischen Einflusses und ein Abflauen der Antipathien gegen Rußland. Schließlich kam 1858 eine Verfassung für die Fürstentümer zustande. Anläßlich eines Besuches bei der Königin Victoria in Osborne setzte Napoleon zweierlei durch; eine gemeinsame Zentralkommission für die beiden Fürstentümer, die die Gesetze vorzubereiten hatte, diese jedoch sollten in zwei getrennten Landtagen beraten werden; ferner einen gemeinsamen Obersten Gerichtshof. Aber es mußten zwei Fürsten gewählt werden. Napoleon wünschte Mitglieder auswärtiger Dynastien, um den argen Bojarenkämpfen ein Ende zu machen. Aber da sich solche nicht allsogleich fanden, einigten sich beide Länder auf einen moldauischen Offizier nichtbojarischer Herkunft, der tüchtig, tapfer, imakellos 'und uneigennützig war. Er hieß Alexander Cusa. Um den Wünschen Europas Genüge zu leisten, stimmte man bei den Wahlen (Januar/Februar 1859) in der Moldau auf Alexander Cusa, in der Walachei auf Cusa Alexander. Die vollzogene Tatsache war nicht rückgängig zu machen; 1861 wurde die Union der beiden Fürstentümer tinter dem Namen Rumänien proklamiert. Der neue Staat trat unter der Aegide Napoleons in die Geschichte ein. * * * EIN GANG DURCH DEN ALTEN BERLINER JUEDISCHEN FRIEDHOF Von C. A. Bratter. Noch vor wenigen Jahrzehnten starrten auf dem alten israelitischen Friedhofe in der Berliner Großen Hamburger Straße dem Besucher die Trümmer von Grabmälern in wild zerrissenen Zügen, dichtbemooste Leichensteine und wirres Gestrüpp entgegen, und dazwischen reckten abgestorbene Stämme gespenstig ihre kahlen, knorrigen Aeste in die Höhe. Die Irrgewinde dieser Totenstätte sind längst gelichtet, die Grabdenkmäler erneut; frei weht die Luft, und die Lichtblicke des Himmels gleiten freundlich hernieder auf den Raum, der ein bedeutendes kulturhistorisches Stück Berliner Geschichte in sich schließt. Dieser Friedhof ist jedoch nicht die älteste jüdische Begräbnisstätte Berlins. Lin früheres Totenlager befand sich in der nachmaligen Judengasse (der heutigen Landwehrstraße), und zwar bis zum Jahre 1571. Ob dieses als der erste ,,Judenkiwer"*) seit Beginn der Stadt zu betrachten ist, läßt sich nicht nachweisen; man weiß nur, daß Juden sich schon zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts in Berlin seßhaft gemacht haben. Der Große Judenhof sowie die benachbarte Jüdenstraße erinnern uns noch heute an die damaligen Bewohner dieser Gegend; sie bildete mit ihren wunderlich alten Häusern und den langen dunklen Höfen die damalige Grenze der Stadt. Das Antlitz dieses Stadtteils war ernst und finster; nur selten herrschte bei seinen Bewohnern Lust und Freude. Abends, wenn das lauteste Leben die anderen Stadtteile durchdrang, waren hier die Türen des Bretterzaunes vor den beiden Judenhöfen längst verschlossen. Von allen Aemtern ausgeschlossen, durften die Juden damals keinen Grundbesitz erwerben und in keine Gilde oder Zunft aufgenommen werden; dagegen hatten sie das ausschließliche Recht, Geld auf Zins zu verleihen, wodurch ihr Reichtum sich zwar vermehrte, aber gleichzeitig auch eine drückende Kette von Haß und Verfolgungen ihnen geschmiedet wurde. Von dem Landesherrn zu völligem Eigentum mit allen Rechten und Nutzen der Stadt überlassen, wurden sie erst im Jahre 1363 freigegeben und durften in eigenen Häusern wohnen. Wie durch das schnelle Wachstum der Stadt die Spuren der Vorzeit in den Hintergrund gedrängt und zum Teil verwischt worden sind, so ist auch jene älteste Begräbnisstätte gänzlich verschwunden. Bürgerliche Wohnhäuser erheben sich auf dieser Stätte, zu der einst die unglücklichem Opfer des schwarzen Todes, die Zeugen einer von Vorurteil befangenen, düsteren Gerechtigkeitspflege und des entsetzlichsten Jammers zur letzten Ruhe hinausgetragen wurden ..... Es war im Jahre 1510, am Freitag nach St. Margarethen, als sich durch die Spandauer Straße in Berlin langsam ein feierlicher Zug bewegte. Paarweise, von fürstlichen Söldnern umgeben, schritten jene sechsunddreißig unglücklichen Juden, die auf der Tortur eingestanden hatten, was ihre blutdürstigen Richter von ihnen verlangten: Frevel mit einer gestohlenen Hostie getrieben zu haben. Im langen Kaftan;und spitzigen weißen oder gelben Hüten, ihrer uralten Volkstracht, schritten sie, einen feierlichen Gesang anstimmend, dem Neuen Markt zu, gefolgt von einer zahllosen höhnenden Menschenmenge*). Auf der Gerichtsstätte war inzwischen, wie der Chronist meidet, hinter dem Rabenstein ,,von *) Kiwer vom hebräischen Kever — Grab. *) Vgl. die Studie „Die Märtyrer von Berlin". Ost und West" 1910. Juli- und Augustheft.

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