Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 379 - 380 (sequence 7)
- Language
- German
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379 Rumänien und seine Juden. 380 Juden gelichtete Bestimmungen waren nicht vorhanden. Wenn ein Fürst anordnete, daß die Juden nur hölzerne, keine steinernen Synagogen haben dürfen, so ist das nur ein Echo der kanonischen Erlässe gegen sie. Von einem Ghetto, einem gelben Fleck und ähnlichen Forderungen der römischen Gesetzgebung gegen die Juden hört man in Rumänien nicht, 1526 verbietet ein Fürst Juden, Güechen und Armeniern, Spirituosen an die Bauein zu verkaufen, ein späterer ordnet an, daß Juden und andere Fremde, die ihm von zweifelhaftem Charakter zu sein scheinen, nicht mehr über die Grenze gelassen werden. Wiederholt wurden Armenier und Griechen aus dem Lande vertrieben. Die Fremden kamen meist als Händler und Handwerker. Als solche wurden Deutsche aus dem nahen Siebenbürgen, aber auch aus fernen Gegenden ins Land gerufen. Gleichwohl herrschte auch gegen diese bis in die neueste Zeit eine starke Abneigung. „Sogar der Niederlassung der deutschen Bauern setzten die Rumänen starken Widerstand entgegen, auch in Zeiten, in denen man verwüstete Landstriche gern durch Kolonisten gehoben hätte . (Dungern). Derselbe Autor erzählt, daß eine Gruppe von etwa sechstausend Deutschen, die 1842 aus dem damals russischen Beßarabien auswanderte, lange in Rumänien hin- und herreisen mußte, weil ihr überall die Möglichkeit der Niederlassung verwehrt wurde. Doch richtet sich der Haß meist nur gegen den überlegenen Fremden, der durch Leistungen und Erfolge sich Achtung erzwingt und Neid weckt und darum unbequem empfunden wird, trotz des Nutzens, den er bringt; gegen einen Fremden, der geistig und moralisch niedriger steht, den man also geringschätzen oder gar verachten darf, ist man tolerant. Seit Jahrhunderten lebten in Rumänien etwa 300 000 Zigeuner in absoluter Sklaverei und entwürdigendster Verwahrlosung. „Frauen und Männer standen in jeder Beziehung zur Verfügung des Herrn, auf dessen Gut, oder vielmehr vor dessen Gutshaus sie in Höhlen oder unter Zelten lebten. Sie waren in Kasten organisiert. Die einzigen Gewerbe, die sie, sehr schlecht, ausübten, waren Maurer- und Metallarbeit. Als Musiker ohne Schulung sind sie unerreicht. Einen gewissen Schutz gegen Bedrückung suchten sie durch Uebertritt zur orthodoxen Kirche. Die sehr frühe Verheiratung ihrer Töchter will man darauf zurückführen, daß sie dadurch ihre Mädchen einigermaßen den Zugriffen ihrer rumänischen oder griechischen Herren entziehen konnten, weil der Geistliche mitunter für die Frau eintrat. Jedenfalls ist durch fortwährende uneheliche Geburten von rumänischen Vätern ihre Rasse verändert und der rumänischen assimiliert. Seit 1858 hat die Emanzipation allmählich den Zigeunern die Möglichkeit zur legitimen Verheiratung mit den Rumänen und zum sozialen Aufstieg gegeben. 1853 sind viele vom Staat freigekauft worden". (Dungern). Seither ist das ganze Zigeunertum geräuschlos in der rumänischen Nation aufgegangen, nur ein kleines Häuflein von etwa sechs- bis achttausend führt das alte Nomadendasein als Musiker oder Kesselflicker. ,,Manche sind zu Vermögen gekommen und werden heute gesellschaftlich als vollkommen gleichstehend behandelt". In die den Fremden im Allgemeinen entgegengebrachte Feindseligkeit mochte sich wohl den Juden gegenüber eine mehr oder weniger starke Nuance Religionshasses mischen, begleitet von den allgemeinen mittelalterlichen Vorurteilen. Eine eigentliche Judenfrage gab es vor der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht. Erst um diese Zeit, als die Rivalität zwischen Oesterreich und Rußland in Rumänien stärker wurde und jeder dieser Staaten seinen Einfluß geltend zu machen suchte, fing man an, den Juden besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Nach einem sechsjährigen Krieg gegen die Türkei, in welchem Rußland zu Land und zu Wasser siegreich gewesen, kam 1774 der Friede von Kutschuk Kainardschi zustande, in dem die Zerbröckeiung des Türkischen Reiches ihren Anfang nahm. Die von Rußland besetzten Teile der Moldau und der Walachei wurden an ihre Fürsten zurückgegeben, aber Rußland vertrat diese fortab bei der Pforte; sein Botschafter hatte eine besondere Kontrollmacht über die Fürstentümer und 1782 wurde ein russischer Konsul in Bukarest mit einer eigenen Leibwache eingesetzt. Oesterreich hatte die Bukowina erhalten und versuchte ebenfalls Einfluß im Lande zu gewinnen. Die kaiserliche Regierung setzte dem russischen Konsul einen österreichischen Agenten zur Seite. Nun begann das gegenseitige Intrigenspiel. „Der russische Konsul trat viel energischer auf, arbeitete mit allen Mitteln der Korruption und der Geheimpolizei. Sein Haus in Bukarest wurde bald zu einem Hof, der oft ebenso einflußreich war, wie der Hof des Fürsten'\ Oesterreich bemühte sich besonders um die Juden, die es, wie auch anderwärts im Orient, allmählich in ein „staatsrechtlich wenig definiertes Schutzverhältnis zum Kaiser'' brachte. Während Rußland sich zum Schutzherrn der orthodoxen Christen, Frankreich seit Napoleon zu dem der Katholiken im Orient aufwarf, nahm Oesterreich den ,,Schutz" der Juden daselbst auf sich. Da das Schutzverhältnis staatsrechtlich wenig definiert war, so legte es dem Schutzherrn fast gar keine Verpflichtungen auf, konnte aber viel Nutzen bringen, indem es einen Vorwand zur Einmengung in die inneren Angelegenheiten bot. Während Rußland sein Schutzrecht über die Orient-Orthodoxen von der Gleichheit des Bekenntnisses herleitete, stützte sich Oesterreich dabei als deutsche Vormacht auf die Tatsache, daß die Juden Deutsch (das heißt den jüdisch-deutschen Jargon) sprachen und vor Jahrhunderten aus Deutschland vertrieben, neuerdings aus Galizien in Massen verdrängt worden waren. Das Oesterreich von dazumal war natürlich nicht das heutige seit 1848 und 1863. Während es also daheim in seinen Erblanden, sowie in dem neuerworbenen Galizien die Juden furchtbar drangsalierte, ausplünderte und vertrieb, , schützte'' es sie in der Moldau und in der Walachei. Das ist ein besonders mit den Juden vielfach erfolgreich getiiebenes Spiel: während man sie im eigenen Lande unterdrückt, beschirmt man sie in der Ferne. Das muß wohl für die Schutzherren von großem Nutzen sein, da es so häufig geübt wird. Für die Juden in Rumänien hatte es die Folge, daß sie im Bewußtsein auch des einfachen, politisch gar nicht orientierten Mannes aus dem Volke, aus der Masse aller anderen Fremden herausgehoben, und als Fremde ganz besonderer Art gekennzeichnet wurden, als Fremde, die unter dem Schutz einer fremden, feindlichen Macht standen, die sich dem Lande gegenüber mit unverhohlenen E^oberungsplänen trug. Die Juden mußten den Eingeborenen als die politische und wirtschaftliche Vortruppe der künftigen österreichischen Eroberungsarmeen erscheinen. Dabei hatten sogar die aus Oesterreich gekommenen Juden das Heimatsrecht und die