Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 377 - 378 (sequence 6)
- Language
- German
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377 Rumänien und seine Juden. 37S einen, der der schwachen .Minderheit angehört. Wir haben gesehen, daß ganze Völker in dem Lande, das sie seit den Urzeiten bewohnt haben, Fremde geworden sind, sie wurden im Namen des Gesetzes von der väterlichen Scholle vertrieben, sanken auf die Stufe minderwertiger Bürger hinab, sobald sie von einem stärkeren und zahlreicheren Eroberer unterjocht wurden. Es hat also gar keinen Zweck, wenn die Juden aus Josephus und dem Neuen Testament beweisen, daß sie in dem nachmaligen Dazien angesiedelt waren, noch bevor Kaiser Trajan in der spanischen Kolonie Roms geboren ward. Das hat übrigens alle Wahrscheinlichkeit für sich, wenn man bedenkt, daß die Juden schon im letzten vorchristlichen Jahi hundert im ganzen römischen Reich zahlreiche Gemeinden bildeten. Zieht man in Betracht, daß wir neuerdings Kenntnis von einer jüdischen Militärkolonie in Oberägypten aus der Zeit Esras Tind Nehemias haben, so wird man die Vermutung nicht von der Hand weisen können, daß unter den von Trajan in Dazien angesiedelten Veteranen sich Juden befunden haben können, die zahlreich in den römischen Legionen dienten. Es wird behauptet, daß die Stadt Aidjudu am Sereth, südwestlich von Berlad, in römischer Zeit Ad Judaeos geheißen habe. Gewisses über dauernde jüdische Siedelungen erfährt man nicht. Um das Jahr 1172 besuchte der jüdische Weltenbummler Benjamin von Tudela die Balkanhalbinsel und fand in Mazedonien etwa fünfzig .jüdische Familien, die in zwei Clans unter zweiiHäuptlingen namens Salomon und Jakob lebten. Von den Bergbewohnern der Walachei erzählt er: ,,Man nennt sie Walachen, sie sind leichtfüßig wie die Hirsche, steigen von den Bergen nach Griechenland herab, um Beute zu machen, und keiner kann zu ihnen hinauf, um sie mit Krieg!zu überziehen. Sie sind nicht fest in der christlichen Religion, sie tragen häufig" jüdische Namen; man sagt, sie seien Nachkommen von Juden und ehemals nannten sie die Juden Brüder, wenn sie auf Juden stießen, plünderten sie sie aus, töteten sie aber nicht, wie sie es mit den Griechen machten". Unter Griechen sind hier wohl auch die griechischorthodoxen Bulgaren zu verstehen. Später dürften wohl Juden aus aller Herren Ländern, besonders aber aus Ungarn und Siebenbürgen, später aus den südlichen Provinzen des polnischen Reiches eingewandert sein. Im Jahre 1498, also unter dem Wojwoden Stefan dem Großen, befreien Juden in Chocim, Moldau, eine von Tataren bei einem Einfall in Polen gefangene polnische Dame, wohl eine Landsmännin, indem sie das Lösegeld für sie bezahlen. Es scheint also dort eine jüdische Gemeinde existiert zu haben, die eine Kasse für ,,Lösung- Gefangener" besaß, wie sie dazumal üblich war. Seit Beginn des 15. Jahrhunderts kamen über die Türkei Juden aus der pyrenäischen Halbinsel. Seither finden sich häufiger Spuren ihres Daseins in den Donauländern. Man hört von Blutbeschuldigungen, Verfolgungen, Austreibungen, aber auch von Akten des Wohlwollens und der Begünstigung. So wird der Wojwode Stefan Temscha (1611—1651) als Judenfreund gerühmt; in dem mit der polnischen Regierung geschlossenen Vertrag sichert er den jüdischen Kaufleuten Handelsfreiheit in der Moldau zu. 1644 lud er Juden aus Lemberg ein, sich in seinem Lande anzusiedeln. Aufgefundene Grabsteine bekunden das Vorhandensein jüdischer Gemeinden in Bukarest, Fokszani. Galatz, Piatra, Cutna und anderen Ortschaften. Sie durften auch Grund und Boden besitzen. In Fokszani bewahrte 1877 eine jüdische Familie einen hundenundfünfzig Jahre alten Kaufvertrag über einen Weinberg, der sich bereits seit sechs Generationen in ihrem Besitze befand. Responsen aus dem 1(>. Jahrhundert bekunden, daß es in Rumänien Juden gab, deren Umgangssprache Rumänisch war, allein diese Sprache wurde einerseits vom Spaniolischen, andererseits vom Jüdisch-deutschen verdrängt. Spuren von ihr erhielten sich lange in den Benennungen der jüdischen Gemeindevorsteher. Auch die altrumänische Tracht erhielt sich bei den Juden (gleichwie in Polen die altpolnische) bis in die neueste Zeit hinein. Indessen hat all das bloß antiquaiisches Interesse. Der weitaus größte Teil der heutigen Juden in Rumänien stammt von Einwandeiern, die frühestens in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dorthin gekommen sind; sie stammten aus Polen, wo sich dazumal ihre Lage infolge der fortwährenden Kriege und Unruhen, die das Land heimsuchten, arg verschlimmert hatte. Der Strom der Einwanderer wände nicht unterbrochen, als nach den Teilungen Polens für die Juden in den an Rußland gefallenen südlichen Provinzen eine neue Epoche der Bedrückung anfing und die Bukowina 177ö von der Türkei an Oesterreich kam. In Galizien verfolgte die österreichische Regierung die Politik, die Juden der neugewonnenen Provinz nach Kräften abzudrängen. Diejenigen, die keine Zuflucht in Polen finden konnten, wanderten über die Bukowina nach der Moldau und der Walachei. Im 19. Jahrhundert trieben namentlich die Verfolgungen der russischen Juden durch Nikolaus I. zahlreiche Einwanderer nach der Moldau und der Walachei. Andererseits lockte die Erschließung der Häfen des Schwarzen Meeres und der unteren Donau für den internationalen Handel, namentlich durch den Vertrag von Konstantinopel, 1829, zahlreiche ausländische Juden herbei; dieselbe Wirkung übte auch der weitere Aufschwung des Verkehrs, den jene Gegenden in den folgenden Jahrzehnten wiederholt erlebten. Wie verhielten sich die Rumänen den Juden gegenüber? Alle Völker, die mit überlegenen Nachbarn Kämpfe zu führen gezwungen waren, geschweige, wenn sie lange das drückende Joch einer Fremdherrschaft zu tragen hatten, sind fremdenfeindlich, beargwöhnen jeden Nichteingeborenen, der sich unter ihnen niederlassen will, daß er sie zu knechten und auszubeuten beabsichtige — und suchen ihn mit allen Mitteln fernzuhalten. Man denke an die fremdenfeindlichen Gesetze, die in so hochzivilisierten, freiheitlichen und aufgeklärten Ländern wie die Schweiz oder Norwegen noch bis in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts herrschten, von Sachsen ganz zu schweigen. In Rumänien hatte man keinen Grund, den Fremden als solche mehr Freundschaft und Zutrauen entgegenzubringen, und so finden wir, daß man dort die Naturalisation nur unter folgenden Bedingungen erlangen konnte: 1. daß man die griechisch-orthodoxe Religion annahm, 2. nachwies, daß man Rumänisch sprechen konnte, 3. die Tochter eines rumänischen Bojaren heiratete. (Letztere Bestimmung scheint mehr populationistischen als politischen Erwägungen entsprungen zu sein.) Die Beschränkungen umfaßten also auch Katholiken. Besondere gegen