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Ost und West · 1916-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1916) · p. Seite 375 - 376

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1916-10-01
Page
Seite 375 - 376 (sequence 5)
Language
German
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375 Rumänien und seine Juden. 376 Siebenbürgen umfaßte, und besiedelte sie mit römischen Kolonisten, also gedienten Soldaten. Nun bildeten die römischen Legionen damals schon seit langem ein zusammengewürfeltes Gemisch aus allen Ecken und Enden des Reiches, und wurden nur durch die Disziplin und die gemeinsame Sprache zusammengehalten. Diese aber war natürlich kein erlesenes ciceronisches Latein, sondern ein mit Provinzialismen und fremden Elementen stark durchsetzter, unreiner Allerweltsdialekt. Immerhin bildeten die Veteranen, die der Kaiser zum Lohn für ihre Mord- und Raubzüge durch die weite Welt mit Bodenanteilen in Dazien beschenkte, die Aristokratie und die zivilisierte Klasse unter der dünngesäten, halb noch im Naturzustande lebenden Urbevölkerung. Die Rumänen allerdings tun so, als wenn Trajan eigens die blaublütigsten, erlesensten Sprößlinge der ältesten und edelsten Adelsgeschlechter Roms nach Dazien als Kolonisten hingeschickt hätte, um sie dort zu Stammvätern der heutigen Rumänen werden zu lassen. Wie gewisse Individuen, so brauchen manche Völker eine Illusion, eine Lebenslüge, an die sie sich klammern, um ihr Selbstbewußtsein und ihren Lebensmut aufzurichten. Das kann ganz harmlos, zuweilen sogar wohltuend sein, wenn es ein Ansporn zu großen Taten oder edlen Bemühungen wird. Lächerlich und zugleich gefährlich ist es nur, daß die Rumänen aus dieser angeblichen hohen Abstammung für sich die Aufgabe herleiten, ein Weltreich im Kleinen zu begründen und die in ihrem Bereich wohnenden fremden" Völker und Stämme zu bedrücken. Ihre Sprache verhält sich zum Lateinischen ungefähr, wie der heutige jüdische Jargon zum Mittelhochdeutschen; den Toscanern klingt sie in den Ohren, wie unser Jüdisch etwa einem Hannoveraner; als unangenehme Verzerrung der eigenen Sprache, als ,,Jargon". W7enn nun die Juden in Polen und Südrußland behaupten wollten, sie stammten von Hermann dem Cherusker oder von den Gothen der Völkerwanderung ab und wären demgemäß die leiblichen Vettern der Wickinger, der Hohenstaufen, Friedrichs des Großen und Bismarcks, so würden sie sich nicht zu wundern haben, wenn ihnen dieselbe Behandlung widerführe, die die Italiener ihren angeblichen Vettern jenseits der Karpathen zuteil werden ließen. Fest steht indessen, daß jene römischen Kolonisten und deren Nachkommen ihre kulturelle Ueberlegenheit über die Urbevölkerung sowie die viel später ins Land gekommenen Slawen und Mongolen bewahrten und ihnen ihr Gepräge aufdrückten. Die heutigen elf bis zwölf Millionen Rumänen sind in Sprache und Nationalcharakter unverkennbar von Bulgaren, Serben, Griechen, Magyaren, Deutschen und Türken grundverschieden, obgleich sie lange unter der Herrschaft der einen, bald der anderen standen, obgleich namentlich die Bulgaren viel früher als sie staatengründend auftraten und den Rumänen ihre Religion, sowie die Anfänge ihrer geistigen Kultur und ihrer staatlichen Einrichtungen gaben, auch auf die Entwicklung ihrer Sprache formal und stofflich einen großen Einfluß übten. % Aber erst gegen Ende des ^4. Jahrhunderts bilden sich in dem Gebiet der späteren Moldau und Walachei, und zwar von Siebenbürgen ausgehend, selbständige Herrschaften, aus denen die nachmaligen Fürstentümer hervorgehen. Früher schon bestand an der unteren Donau ein bulgarisch-rumänisches Reich, dessen Dynastie, die Aseniden, nach der Behauptung patriotischer Forscher, rumänischen Ursprungs gewesen sein soll. Doch nicht früher als um die Mitte des 15. Jahrhunderts findet man in der Moldau unter dem Wojewoden Stefan dem Großen, in der Walachei unter dem Fürsten aus dem Hause Baßarabianu in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein geordnetes, wohlorganisiertes Staatswesen, welches in der Entwicklung begriffen ist. Bis in die neueste Zeit hinein war das Land der Schauplatz unaufhörlicher Kämpfe gegen fremde Eroberer und gegen die Einfälle benachbarter Völker und Stämme. Griechen, Bulgaren, Ungarn, Türken, Polen, Oesterreicher, Russen waren abwechselnd Herren des ganzen Landes oder einzelner seiner Teile, zerstampften und saugten es aus und bedrückten die Einwohner nach Herzenslust. Am längsten dauerte die Herrschaft der Türken und der Griechen. Seit 1716 wurden die Fürstentümer an die reichen Griechenfamilien aus dem Fanar am Goldenen Horn in Konstantinopel förmlich verschachert. Das war die Periode der sogenannten Fanariotenherrschaft, die besonders schwer auf dem Lande lastete. Peter der Große und seine Erben trachteten immer mehr nach Einfluß in den Donauländern unter dem Vorwandc, die glaubensverwandten Stämme vom Joche der Türkei zu befreien, in Wirklichkeit mit dem Bestreben, das Land zu russifizieren und sich so den Weg nach Konstantinopcl zu bahnen. Die in russischen Diensten stehenden Fanarioten waren denn auch die schlimmsten Bedrücker der Rumänen. Rußlands Appetit weckte die Eifersucht Oesterreichs, welches seinerseits Ansprüche geltend machte. So wurde das Land zum Zankapfel und zum Schlachtfeld zwischen den drei mächtigen Nachbarn. Auch Napoleon I. mengte sich zeitweise hinein. Wiederholt wurden die Fürstentümer von fremden Truppen jahrelang besetzt gehalten. Von Siebenbürgen aus geweckt, erwachte und erstarkte das rumänische Nationalgefühl im Kampfe mit den Unterdrückern immer mehr. Die Bewegung von 1848, national und freiheitlich zugleich, fand unter den Rumänen starken Widerhall, wurde aber durch die Türken und die Russen rasch erstickt. Die abermalige Besetzung (1853 der Fürstentümer durch Rußland ward, obgleich die Räumung bald erzwungen wurde, die eigentliche Veranlassung zum Krimkrieg, der Rußlands Einfluß auf dem Balkan für lange Zeit lahmlegte. Auf dem Friedenskongreß von Paris 1856 befaßten sich die Großmächte in ihrer Gesamtheit zum ersten Mal mit dem Schicksal der Moldau und der Walachei. 4c * * Seit wann wohnen Juden in Rumänien? lieber diese Frage ist viel hin und her gestritten worden. Die rumänischen „Patrioten" möchten am liebsten das Vorhandensein von Juden in den Donaufürstentümern vor der Mitte des 18. Jahrhunderts überhaupt wegleugnen. Die Juden dagegen berufen sich darauf, daß ihre Vorfahren hier in altersgrauer Zeit nachweisbar sind. In diesem ganzen Streit zeigt sich viel Heuchelei auf der einen und Naivität auf der anderen Seite. In der politischen Sprache Europias bedeutet Fremder nicht einen, der gestern ins Land gekommen ist, sondern

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