Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 373 - 374 (sequence 4)
- Language
- German
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373 Rumänien und seine Juden. 374 Rumänen haben jetzt auf das glänzendste bewiesen, daß sie würdige Söhne der alten Rpmer sind, von denen sie abstammen wie wir selbst. Es sind also unsere nächsten Brüder, die jetzt mit dem ihnen eigenen Mut und Entschlossenheit sich dem Kampf der lateinischen Und slavischen Rasse gegen die germanische anschließen, mit anderen Worten, dem Kampfe für die Freiheit, »Kultur und Recht gegen preußische Tyrannei, Willkürherrschaft, Barbarei und Selbstsucht. So wie die Rumänen 1877 gezeigt haben, was sie an der Seite unserer . tapferen russischen Bundesgenossen gegen türkische Barbarei zu leisten vermögen, so werden sie auch jetzt mit denselben Bundesgenossen gegen österreidhischungarische, deutsche Barbarei und Unkultur ihr scharfes Schwert in die Wagschale werfen Und diese zum Sinken bringen. Es war ja auch nicht anders zu erwarten von einem Volke, das die Ehre hat, der lateinischen Rasse anzugehören, die einst die Welt beherrschte.....V * * * Für uns Juden ist dieser jähe Gesinnungswechsel, nebenbei gesagt, von ganz besonderem Interesse. Seit Jahrzehnten stehen wir moralisch unter einer Fremdherrschaft, die allerlei Gelehrte und Schriftsteller über uns ausüben, und die umso gefährlicher geworden ist, je mehr die Masse der Gebildeten unter uns den Zugang zu den lebendigen Quellen verlor und all ihre Kenntnis des Judentums und der Juden aus trüben Strömen schöpfte. Es ist eine häufige Erscheinung, daß ein gebildeter Jude, noch häufiger eine gebildete Jüdin, ihr ganzes Wissen vom Wesen und den Lehren der jüdischen Religion, der Geschichte und der Beschaffenheit des jüdischen Volkes lediglich aus den Schriften jener Gelehrten und Schriftsteller schöpft, und darnach ihr Urteil formt. Dieses ist denn auch meist ein niederdrückendes und vernichtendes. Eine heimliche, bohrende und nagende Selbstverachtung, die sich zuweilen bis zum Ekel und zum Haß steigert, ist die Folge davon. Der Abfall, der in den letzten Jahren so erschreckend Um sich greift, hat in diesen Umständen seine Ursachen. Andererseits kann man n'ur allzu oft die trübselige und beschämende Erscheinung beobachten, daß mancher geistig hochstehende Jude in Wonne und glückseliger Dankbarkeit dahinschmilzt, wenn irgend jemand von „draußen'* ein günstiges oder auch nur ein wohlwollendes Urteil über uns, unsere Religion, unsere Geschichte, auszusprechen geruht. Man ist bisweilen sogar zu großen moralischen Opfern bereit, um ein solches Urteil zu verdienen. So tief sind wir in die Abhängigkeit von fremder Wertung versunken. An uns ist das Wort wahr geworden: „Du wirst zusammenzucken beim Rascheln eines wehenden Blattes." Darum ist es gut und nützlich, an einem sich jetzt darbietenden Beispiel kennen zu lernen und sich tief einzuprägen, was solche allgemeine Urteile objektiv wert sind, aus welchen Motiven heraus sie gefällt werden, wieviel Vertrauen man in ihre Beständigkeit zu setzen und was für eine Bedeutung man ihnen in der Schätzung der Menschen und der Dinge beizumessen hat. * * * Indessen muß man bedenken, daß nicht erst seit Kriegsausbruch die Erörterung der rumänischen Judenfrage verpönt war. Auch vordem war davon in der Presse merkwürdig selten die Rede. Nur wenn eine besonders harte Verfolgung oder Regierungsmaßregel TaUsende über die westliche Grenze trieb, erhob sich ein kleiner Sturm im Blätterwald, legte sich aber auffallend rasch und dann hallten nach wie vor Lobgesänge auf die herrliche zukunftsreiche Entwicklung Rumäniens, die Tüchtigkeit seines braven Volkes und die großen Regenteneigenschaften seines erlauchten Königs. Man kann das jetzt ein wenig besser verstehen. Es sickert langsam durch, daß Rumänien mit den Zentralmächten seit 1883 im förmlichen Bunde war; dieser wurde 1912 erneuert, von einer Militärkonvention verstärkt mit der Geltungsdauer bis 1920. Es galt also als Pflicht der Loyalität, dem Bundesgenossen keine Verlegenheiten zu bereiten, und so durfte die Judenfrage nicht berührt werden. Der Bundesgenosse hat die Loyalität auf seine Weise gelohnt. Es ist nutzlose Arbeit, den Verrat Rumäniens als dem posthumen Willen des verstorbenen Königs widersprechend hinzustellen. Anfangs wollte man ja auch den König Ferdinand für ein Opfer der Intrigen seiner Minister ausgeben, bis es sich herausstellte, daß er es war, der zur Kriegserklärung trieb, der versicherte, daß es für ihn von Anfang an feststand, das Schicksal Rumäniens sei an Rußland geknüpft. Im ungarischen Parlament bezeugte Graf Tisza, daß der rumänische König dem österreichischungarischen Gesandten bis zum letzten Moment Fliedensversicherungen vorlog und so den Verbündeten irreführte und seine Wachsamkeit einschläferte. Wer nicht mit den Augen eines Diplomaten, sondern eines normalen Menschen das deutsche Bukarester Tageblatt las, das als Sprachrohr des Königs Carol galt, dem war es seit? Kriegsausbruch klar, daß Rumänien auch diesmal wie im Jahre 1913 dem Sieger zu Hilfe eilen werde. Jetzt glaubten die Rumänen, daß Rußland den Sieg in derHand halte, also der Zeitpunkt gekommen wäre, ihre Leichenräuberpolitik zu bewähren. Die ersten paar Lektionen, die ihnen zu Teil geworden, haben gezeigt, daß die Rechnung diesmal getrogen hat. ANFAENGE DER JUDEN UND D Die Rumänen haben eine glänzende Vergangenheit vor sich. Immerwährend tragen sie diese Vergangenheit vor sich her und wenden kein Auge von ihr ab. Dabei ist es nicht einmal ihre eigene Vergangenheit, sondern die der alten Römer, als deren authentische Nachkommen sie angesehen sein wollen. Jeder rumänische Knabe weiß, daß er von Kaiser Trajan abstammt, einem der römischen Kaiser, welche einst die i JUDENFRAQE IN RUMAENIEN. Welt beherrscht haben. Dieser Glaube bildet den Felsen, auf dem sich der ganze rumänische Nationalstolz aufbaut. Wer ihn in Frage zieht, ist ein gemeingefährlicher Ketzer und wird verbrannt. Kaiser Trajan, der aus Spanien stammte und der erste Nichtitaliker auf dem Throne der Cäsaren war, richtete gegen 107 n. Chr. nach zwei blutigen Kriegen die römische Provinz Dazia ein, welche ungefähr das heutige Rumänien, Südungarn und