Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
- Article
- Die Lehren der jüdischen Geschichte und die Erfahrungen der Gegenwart
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 359 - 360 (sequence 4)
- Language
- German
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359 Die Lehren der jüdischen Geschichte und die Erfahrungen der Gegenwart. 360 der Talmud stellt den, der aus Gehorsam zur Pflicht handelt, höher als jenen, der freiwillig das gleiche tut. Der Kriegsfreiwillige steht nicht höher als der Musketier. Darum hat auch die Kriegszeit überall das bequeme Belieben in strenge Pflicht verwandelt. Und gleich löste sich auch die anscheinend unlösbare Verbindung von Pflicht und Zwang, und umgekehrt versöhnten sich die anscheinend unüberwindlichen Gegensätze von Zwang und Freiheit. Gleich die ersten Kriegsmonate überraschten uns mit einer Menge von Verordnungen über alle möglichen Gebiete des täglichen Lebens, wo sich bis jetzt jeder nach seinem Geschmack und seinem Gutdünken verhalten konnte. Es wurde vorgeschrieben, was wir essen und wieviel wir verzehren dürfen, in welche Stoffe wir uns kleiden sollen und aus welchem Metall unser Hausgerät bestehen darf. Und noch tausend andere ähnliche Dinge wurden geregelt. Welch eine vertraute Entwicklung für den tätigen Bekenner des Judentums! Haben wir doch auch hier in Hunderten und aber Hunderten von Gesetzen eine peinlich genaue Lebensordnung bis ins kleinste und einzelne. Sie galt vielen als eine Sammlung von Zeremonien, von Riten, als eine Anhäufung äußerlicher Satzungen. Jetzt aber zeigt uns das Vater-< land in seinem Kampf um Sein oder Nichtsein, daß es selbst in den Lebensgewohnheiten nichts Aeußerliches gibt. ,,Nichts ist drinnen, nichts ist draußendenn was innen, das ist außen/' Und wir ahnen, daß auch die vielen anscheinend unbedeutenden Satzungen des Judentums über Speise und Trank aus dem Boden der geschichtlichen Notwendigkeit erwachsen sein könnten, und daß sie für seinen Bestand vielleicht so notwendig sind, wie für den Sieg Deutschlands die Brotkarte oder der Bezugsschein. Bis in die jüngsten Tage erhob sich ein Feind nach dem anderen gegen uns, und unserem herrlichen Heere wurden immer neue Lasten zur Bewältigung auferlegt. Das mochten wir noch als Bestimmung hinnehmen. Aber ein anderes schweres Schicksal lag uns doch drückend auf der Seele, die vielen Menschen aus deutschem Stamm, die sich als die schlimmsten Feinde ihres alten Vaterlandes oder der Heimat ihrer Väter erwiesen. Die russischen Feldherrn, zumal die, die Ostpreußen entsetzlich verheert haben, tragen deutsche Namen, Rennenkampff, Ewerth, Sievers. Stürmer heißt der russische Ministerpräsident. Die russischen Torpedoboote, die in der Ostsee gegen unsere deutschen Kriegsschiffe kämpfen, sind auf der Schiffswerft Lange & Sohn in Riga mit deutschem Kapital erbaut. Die englischen Botschafter in Berlin und Wien aber hießen beim Kriegsausbruch Goschen und Bunsen, und einer der wichtigsten Treiber zum Kriege, Lord Milner, ist ein Schwabe, der Sohn eines Tübinger Arztes. Alle diese Männer erinnern uns an die Renegaten, die in der Geschichte des Judentums ihre verhängnisvolle Rolle gespielt haben. Im Feldzug gegen Judäa und bei der Zerstörung Jerusalems war der erste Berater des römischen Feldherrn Titus Tiberius Alexander, ein jüdischer Mann aus Alexandria. Also ein Jude hat das römische Schwert gegen Jerusalem geführt. Und bis in die jüngste Zeit waren gerade die Apostaten, die Pfefferkorn und Sixtus von Siena, die traurigsten und verheerendsten Feinde des Judentums. Aber auch heute ist diese Art nicht ausgestorben. Der Redakteur des Amsterdamer Telegraf heißt Schröder, und von einem geborenen Deutschen stammt die Schrift „J'accuse", eine Zusammenfassung aller Anklagen und Verleumdungen, die während des Krieges gegen Deutschland erhoben worden sind, ein Buch, das in Riesenauflagen bei allen Neutralen verbreitet worden ist, und das uns unendlich geschadet hat. Diese traurige Erfahrung aus der Gegenwart eröffnet uns das Verständnis für ein viel angefochtenes, wenig begriffenes Gebet aus schweren Tagen. Es war im Jahre 120. Ein jüdischer Aufstand gegen Rom hatte eben unter Strömen von Blut ein unglückliches Ende gefunden. Schon schwiegen die Waffen, aber die Denunzianten trieben immer noch ihr trauriges Handwerk und schlugen Wunden, so schwer wie der Krieg. In jenen düsteren Zeiten entstand ein Gebet, das in unserer Schemone Esre seinen Platz gefunden hat: „Den Verleumdern möge keine Hoffnung bleiben, und wer boshaften Frevel verübt, möge bald zugrunde gehen/' Als Schöpfung jüdischer Rachsucht ist dieses Gebet durch die Jahrhunderte hindurch geschmäht und gelästert worden. Heute aber wird das Urteil wahrer und gerechter ausfallen, heute wird gewiß auch der christliche Deutsche mit uns beten: ,,Möge den Verleumdern keine Hoffnung sein und möge bald zugrunde gehen, wer boshaften Frevel verübt/' Bitter schwere Leiden bringt allerdings der Krieg über die Menschen. Es häufen sich die Tausende und aber Tausende von Toten, von Verwundeten, von Verstümmelten. Zu Zehntausenden irren die Vertriebenen umher. Die Bande, die die Völker miteinander verknüpften, reißen, und die Arbeit eines ganzen Lebens wird in einem Augenblick vernichtet. Wie können die Völker dieses Uebermaß von Leiden ertragen? Welchen Trost spendet hier die jüdische Geschichte! Denn der schwer geprüfte Jude ist dennoch durch den Schmelzofen der Weltgeschichte hindurchgeschritten und hat die Zeiten überdauert, trotz seiner Leiden und vielleicht auch infolge seiner Leiden. Hätte uns nicht der Sturm der Geschichte erfaßt, unsere