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Ost und West · 1916-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1916) · p. Seite 361 - 362

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
Article
Die Lehren der jüdischen Geschichte und die Erfahrungen der Gegenwart
Date
1916-10-01
Page
Seite 361 - 362 (sequence 5)
Language
German
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361 Die Lehren der jüdischen Geschichte und die Erfahrungen der Gegenwart. 362 Väter hätten vielleicht nie die Heimat Abrahams verlassen, sie hätten kaum Palästina gesehen, geschweige denn Deutschland oder die neue Welt. Aber die harte Not spornt den Menschen und reißt ihn nach vorn, w.eiter, als sein Wille allein ihn führen würde. Das Volk, das auf seinen Lorbeeren nicht einschlafen darf, kommt um seine Ruhe, aber es gewinnt neue Palmen. Seine Lebenstüchtigkeit wird dabei mächtig gesteigert, aber wider alles Erwarten auch die Kraft der Güte und der Menschenfreundlichkeit. Eine alte Schilderung nennt die Kinder Israels barmherzig und wohltätig. Das lernten sie wohl in der Schule des Leids. Als in den ersten Tagen des Krieges die Flüchtlinge aus Belgien ankamen, erschütterte uns zuerst das Meer von Leid, das da plötzlich unsere Bahnhöfe überflutete. Aber noch mehr beglückte uns die heiße, unvergeßliche Liebe, die die Fremden damals wie im Sturm erfaßte. Da drängten sich die Unbekannten, um zu helfen, um die Wette boten sie den Vertriebenen ihre Wohnungen und ihre Vorräte an, und in später Nacht nahmen Eltern gern ihre Kleinen aus den Betten, um Platz zu schaffen für die Kinder der Flüchtigen. Uns war dieses Schauspiel neu, wir sahen es zum erstenmal im Leben. Aber unseren Vätern war es wohlvertraut. Durch die Erlebnisse ihrer Geschichte, durch den Gedanken an das Los, das vielleicht ihrer selbst harrte, waren sie an den Wechsel des menschlichen Glückes gewöhnt und im Wohltun geübt. Das gute jüdische Herz, ein wahrer Ruhm Israels, ist vielleicht auch eine teuere, schwer erworbene Errungenschaft der bösen Tage. Vielleicht wäre die Welt an Liebe ärmer, wenn die große Not mit ihrer Glut nicht auch die Herzen erwärmt hätte. Auch viele große Schöpfungen des Geistes wären ewig ungeboren geblieben ohne das JElend des Krieges. Die süßesten Psalmen sind an den Strömen Babylons von Verbannten und Vertriebenen angestimmt worden, den späten Zeiten zum Trost und zur Erhebung. Und die leuchtende Vision von dem Frieden der messianischen Zeit wurde nicht in glücklichen Tagen erschaut, sondern im Angesicht der Trümmer von Jerusalem. Unerschöpflich hat sich, jeder Belastung spottend, die Kraft der Menschennatur erwiesen. Wahrlich, der Krieg sucht die Menschheit furchtbar heim, aber über allem Elend, das er bringt, und allem Glück, das er raubt, dürfefr wir auch die Kräfte nicht vergessen, die er weckt, und das Glück, das er vorbereitet, das wir selber nicht mehr erleben dürfen, und das doch hoffentlich unseren Kindern aufbewahrt ist. So drängen sich die Gestalten der jüdischen Geschichte, sobald wir uns in die Gegenwart vertiefen, wir wissen kaum, wo anfangen, wo aufhören. Auch unsere Geschichte lehrt uns Stolz und tapferen Sinn, Opfermut und Verzicht auf das kleine Glück des eigenen Ich, und auch wir wissen uns durch eine heroische Geschichte zu einer Gegenwart und einer Zukunft verpflichtet, die sich vor der Vergangenheit nicht zu schämen braucht. Unter dem Druck eines schweren Geschicks, unter der Last einer großen Aufgabe kann sich ein Volk nur behaupten, wenn eine große Idee seinem Wege voranleuchtet. Ueber allem deutschen Leben schwebt heute die Hoffnung ,,Und es soll am deutschen Wesen noch einmal die Welt genesen". Darauf vertrauen auch wir, daß unser Stamm und unser Bekenntnis nicht durch Zufall und nicht kraft ungefähr bestehen, sondern daß auch sie Gottes Werkzeug in der Führung der Menschheit sind. Verschiedenen, wechselnden Ausdruck haben die vielen aufeinanderfolgenden jüdischen Geschlechter dieser Ueberzeugung von unserer Berufung geliehen, der Glaube selber aber hat nie aufgehört. Schon an der Wiege des Judentums wurde er verkündet. Als Abraham seine weltgeschichtliche Wanderung antrat, begleitete ihn die göttliche Verheißung „Werde ein Segen". Zu jeder Zeit ist mit uns die Zuversicht gewandert, daß diese Verheißung zur Wirklichkeit werde. Sie wurde das Leitwort unserer Geschichte. Und unseren Glauben an die deutsche Zukunft, an den hohen Beruf unseres Vaterlandes fassen wir in dem Wunsch zusammen, den wir auch ihm in diesen großen von Gefahr erfüllten Tagen zurufen : „Werde ein Segen".

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