Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
- Article
- Die Lehren der jüdischen Geschichte und die Erfahrungen der Gegenwart
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 357 - 358 (sequence 3)
- Language
- German
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357 Die Lehren der jüdischen Geschichte und die Erfahrungen der Gegenwart. 358 keit nur einen einzigen Bruder hat, den alten Judenhaß. Odium generis humani, allen Menschen verhaßt, nannte ein römischer Schriftsteller vor 1800 Jahren die Juden, und heute beschimpft die halbe Welt den Deutschen. Wir kennen die raffinierte Kunst, mit der dieser Haß geschaffen und genährt wird. Sein Entstehen und sein Wachstum geben uns ein ganz neues Verständnis für die Wurzeln der uralten Judenfeindschaft und verstärken unsere Ueberzeugung, daß der Verhaßte nicht der Schlechte sein muß. Auch der Haß ist eine Waffe, mit der Völker und Gemeinschaften einander bekämpfen, und wir werden in Zukunft die Wunden, die er schlägt, tragen wie andere Wunden; mit Schmerz, aber ohne in unserem' Ehrgefühl und im Vertrauen auf unser angeborenes Wesen erschüttert zu werden, in jener ruhigen Zuversicht auf den endlichen Sieg der Wahrheit, die den Psalmdichter sprechen läßt „Mögen sie fluchen, wenn Du nur segnest". Wie eine Larve die Züge verhüllt, so hatte die internationale Höflichkeit der Friedensjahre den Haß, die Bosheit und die Wut verdeckt, mit der die Völker einander betrachten. Aber nur aus den Gesichtern und aus der offenen Rede war die tiefe Feindschaft verschwunden. In den Herzen lebte sie um so erbitterter fort. Als dann die Masken fielen, stand Deutschland allein. Und da suchte es die Wurzeln seines Wesens auf. Es verlangte danach, sie zu entdecken, zu erleben und darzustellen und löste die Verbindung mit fremden Zivilisationen. Die einzelnen Formen, in denen sich diese Selbstbesinnung äußerte, mochten manchmal wenig verständlich sein. Uebertreibungen, etwa frn Kampfe gegen die Fremdwörter, berührten seltsam, Vorschläge,-die fremden Sprachen im Lehrgang der deutschen Schulen übermäßig zu beschränken, schössen weit über das Ziel hinaus und mußten uns letzten Endes geistig arm machen. Aber jenseits von aller Uebertreibung und Verirrung bleibt doch groß und ehrwürdig der unerschütterliche Entschluß, mit dem ein Volk in der Welt des eigenen Wesens sich festwurzelt und diese unter allen Umständen behauptet. So sammelt es sich, wenn es in seinem Leben bedroht ist. Gerade dieser Wille aber ist auch die Seele der jüdischen Geschichte, die uns daher auch erst in dieser Kriegszeit recht verständlich wird. Als, im zweiten nachchristlichen Jahrhundert, sich der untergehende jüdische Staat noch einmal in Zuckungen aufbäumte und zum letzten Male üm seine Existenz kämpfte, erließen die Meister des Judentums ein merkwürdiges Verbot. Die Kinder durften kein Griechisch mehr lernen. Diese Quelle der unjüdischen Gesinnung sollte verschüttet werden, und wenigstens dieser Keim der Zersetzung sollte uns in Zukunft nicht mehr verderben. Die Absicht gelang gründlich, durch den Lauf der Zeiten freilich noch mehr als durch diese Verordnung. Im 12. Jahrhundert war in jüdischen Kreisen jede Kenntnis der griechischen Sprache so gründlich geschwunden, daß die Tossafisten, die französischen Lehrer des Talmud, erst von einem Weltreisenden erfuhren, in Griechenland nenne man einen Freund der Weisheit einen Philosophen! Wir haben in Friedenszeiten diese fast ausschließliche Pflege der eigenen Kultur gar nicht recht verstanden und sie wohl gar als einen Mangel, als eine künstliche Verengung der jüdischen Seele betrachtet. Wir stellten sie vielleicht im Gegensatz zu dem wunderbaren Ideal der messianischen Zeit, wo nach dem herrlichen Gebet im Talmud alle Völker einen Bund schließen, um Gottes Willen mit ganzem Herzen zu erfüllen. Auch hier lehrt uns erst der Krieg die Wahrheit. Auf sich selbst zieht sich ein Volk zurück, wenn es sich in schwerem Kampfe behaupten muß. Aus solchen Aeußerungen des Judentums erhorchen wir die große Not des Krieges, in dem es stets gestanden ist, wenngleich dieser im Linterschied von den Feldzügen der Nationen kein Kampf der Waffen und der Strategen gewesen ist. Nicht Menschenfeindschaft, nicht ausschließender enger Sinn trieb das Judentum zum Rückzug in die kleine eigene Welt, sondern die bittere Notwendigkeit der Selbsterhaltung. So hatte schon in den biblischen Tagen der Prophet gerufen: „Auf, mein Volk, geh in Deine Kammer und verschließe die Pforte hinter Dir. Birg Dich einen Augenblick, bis der Sturm vorüber ist. Denn der Herr tritt aus seiner Stätte hervor, um die Schuld der Menschen zu ahnden. Die Erde offenbart ihre Blutschuld und verbirgt nicht länger ihre Erschlagenen." Erst jetzt, nachdem wir die Jahre 1914/1916 selber erlebt haben, haben wir das wahre Verständnis für diese vom Schicksal gebotene Notwendigkeit, die bisher unbegriffen, weite Strecken unserer späteren Geschichte beherrscht hat. Einen Gedanken haben die Kriegsjahre zu Ehren gebracht, die Idee der Pflicht. Vorher galt eher die freiwillige Tat als die sittlich hohe, und die Pflicht erweckte vor allem den Gedanken an Zwang, Mühe und Last. In diesen schicksalsreichen Jahren aber hat sich das Gebotene herrlich bewährt, und nur was dem freien Willen überlassen war, hat hier und da versagt. Diese hohe Bewährung der Pflicht ist aber eine wahre Rechtfertigung für ein Fundament des Judentums. In zwei Worten lautet die Quintessenz unserer Religion ,,Kidschonu bemizwosow". Gott hat uns durch seine Gebote geheiligt. Dieses Bekenntnis wiederholen wir täglich, und diese Ueberzeugung hat unserer ganzen Religionsübung ihre Gestalt gegeben. Sie ist von lauter Geboten erfüllt. Und