Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
- Article
- Die Lehren der jüdischen Geschichte und die Erfahrungen der Gegenwart
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 355 - 356 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2584060-2584067-2597493--16324-2597514- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3 35 Die Lehren der jüdischen Geschichte und die Erfahrungen der Gegenwart. 356 während des Krieges, jene Liebe, die im Lande der Verbannung die besiegten Juden schwören ließ „wenn ich Deiner je vergesse, Jerusalem, dann versage meine Rechte". Als die kriegserfüllte alte Zeit unserer großen Vergangenheit zu Ende ging, raffte sie sich an ihrem Abend in unvergeßlichen heroischen Taten noch einmal auf. Die Makkabäer gaben in slchwerem Ringen mit den Syrern dem Tempel die verlorene Heiligkeit wieder zurück. Die letzten Kriege mit Rom sind für alle Ewigkeit ein Ruhm1 für das Judentum, wenn es auch damals unterlegen ist, und ihre Heroen, Johannes von Gischala, Simon bar Giora, Bar Kochba und Rabbi Akiba, die letzten Kämpfer für staatliche Unabhängigkeit und politische Freiheit, stehen am Ende dieser ganzen Jahrtausende dauernden Epoche als Zeugen für den eingeborenen Mut des Juden und für seine Fähigkeit, alles für seine Freiheit zu opfern und über seinem Volke sich selber zu vergessen. Lebendig blieben diese Kräfte auch in dem folgenden äußerlich weniger glänzenden Abschnitt unserer Geschichte, der mit der Vernichtung des selbständigen Staates beginnt. Am Maßstab jeder anderen Volksgeschichte gemessen scheint diese Zeit schwächlich und krank zu sein, nur voller Leiden, im Gegensatz zu der Tatkraft, die die Vergangenheit aller anderen Nationen erfüllt, zu der Energie, die ihr Geschick gestaltet und nicht nur hinnimmt. Und das bleibt auch wahr, kriegerisch sind nunmehr die jüdischen Begebenheiten nicht mehr, und auf den ersten Blick fehlt jede Verwandtschaft zwischen ihnen und etwa der deutschen Geschichte. Darum spotteten auch viele, es müßte einem jüdischen Menschen unmöglich sein, den Krieg in sein ganzes des Krieges entwöhntes Denken aufzunehmen. Wir empfinden vollauf diese große Verschiedenheit unseres geschichtlichen Weges von dem aller anderen Völker und die Eigenart der jüdischen Geschichte. Wir möchten sie auch um keinen Preis verwischen oder hinter täuschenden und bloß scheinbaren Aehnlichkeiten verstecken. Die Helden unserer mittelalterlichen Geschichte waren tatsächlich Geisteshelden" und nur selten Männer des Schwertes. Ganz rostete freilich auch dieses selbst in den trübsten Zeiten des Golus nicht. Die große Fahne, die in einer der ältesten Synagogen Europas, in der Prager Altneuschul, von der Decke herabhägt, erinnert an die tapfere Verteidigung des von den Schweden belagerten Prag durch die Juden im Jahre 1635 und ist ein Zeugnis der Dankbarkeit des Kaisers Ferdinand. Solche Trophäen sind gewiß selten. Aber dafür hat die Geschichte in ganz anderen Formen auch den Juden Mut, Opferfähigkeit und Hingabe gelehrt, hat sie ihn mit allen den Mächten der Seele erfüllt, die sich bei anderen Völkern vor allem im Kriege zeigen. Nicht in der Weise anderer Völker, wohl aber auf unsere eigene Art hat uns Gott doch zu dem gleichen Ziele hin erzogen. Als ein Drama erscheint dem jüdischen Geiste von vornherein alles Weltgeschehen. Denn das erste Gebot der Heiligen Schrift lautet ,,Seid fruchtbar und mehret Euch, füllet die Erde und machet sie Euch Untertan!" Die Unterwerfung der Erde und ihrer Mächte unter den Menschen, dieser Kampf zwischen Mensch und Erde, das ist der Inhalt der ganzen, auch der kriegerisch bewegten Geschichte der Menschheit, und ihr Programm steht so auf dem ersten Blatte unserer Bibel. Das Leben ist keine Gelegenheit zum behaglichen Genuß, sondern Arbeit und Mühe. In das Paradies sogar tritt der Mensch mit der Bestimmung ein, es zu bebauen und zu bewachen, und das Sabbatgebot beginnt mit den Worten „Sechs Tage sollst Du arbeiten". Diese Freude an der Mühsal, diese Ueberzeugung, daß wir hier auf Forden unverlierbare Güter nicht gewinnen, weil uns alles nur geliehen ist und immer wieder neu verdient werden muß, sie leben nicht im Herzen des Genießers und nicht in der Seele des Lebenskünstlers. Nein, sie beherrschen den Lebenskämpfer, auch den, der keine Waffen trägt. Und aus der Seele der jüdischen Religion heraus fühlt es der leidende Hiob „Wahrlich, Kriegsdienst hat der Mensch auf Erden, und wie die Tage des Tagelöhners sind seine Tage". Das Dasein drückt mit seiner Last schwer auf den armen Knecht, aber alle seine Plage ist verklärt und geadelt als Schlacht in dem ewigen Kampfe des Lebens. In diesem Ernste hat uns die jüdische Vergangenheit erzogen. Sie hat dem Juden immer besondere Lasten aufgebürdet, und wenn das Leben überall schwer ist, war es für ihn stets doppelt schwer. Denn Jude sein heißt: immer und überall der Minorität angehören. Die erfreuende Uebereinstimmung mit aller Welt wird uns nur selten zuteil, und die Lust mit dem Strome zu schwimmen, ist uns nicht oft beschieden. Durch' seine bloße Existenz schon kann der Jude Anstoß erregen, und er muß es oft genug vertreten, daß er sich überhaupt erlaubt, dazusein. Wie ein Schatten folgte uns durch die Jahrhunderte der Judenhaß. Immer war er uns unbegreiflich. Womit war er verdient, verschuldet? War der Jude etwa ein geringerer Mensch, ein schlechterer Bürger, als seine Nachbarn, die unangefochten leben durften? Erst die Kriegszeit hat uns die Lösung des Rätsels ahnen lassen. Heute ist das ganze deutsche Volk in derselben schweren Not, die dem Juden so vertraut ist, und sieht sich von einem Hasse umgeben, der an Giftigkeit und Bösartig-