Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Der jüdische Volksgesang im Lichte der orientalischen Musik
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 333 - 334 (sequence 2)
- Language
- German
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333 Der jüdische Volksgesang im Lichte der orientalischen Musik. 334 Die Nummern 30—32 enthalten Beispiele für den Makam Hidschas-Kar, d. h. auf Hidschas fußendL Dieser Makam hat folgende Leiter: c-des-e-f-gas-h-c und unterscheidet sich von der Leiter des Hidschas im 7. Ton. Er scheint nicht arabischen, sondern türkischen Ursprungs zu sein, wie denn auch die angeführten Beispiele türkischen Liedern entnommen sind. Die Araber kennen ihn nur wenig. Ebenso ist Ispahan, d. h. die aus der persischen Stadt Ispahan stammende Weise, im arabischen Volke unbekannt. Seine Leiter ist die des Makam Hidschas, nur variiert er oft nach Saba, wie eben Beispiel 33 beweist. (Melodien im Makam Hidschas Kar) (Melodien im Makam Ispabao) Es genügt, einen Blick auf die Beispiele 22—33 zu werfen, um sofort ihre Identität mit dem Ahawo-rabbo-Steiger zu erkennen. Ist doch der Anfang des Musaf-Kaddisch für die hohen Feiertage, der Anfang der Kolnidra-Melodie genau so wie der Anfang des Muezzinruf (Nr. 27); der Schlußteil der Melodie für „Wehakohanim" im Jom-Kippur Musaf) findet sich auch im Muezzinruf, wie denn überhaupt der ganze Charakter des Ahawo-rabbo-Steigers, wie er uns in den Gebeten und sonst in den Kompositionen des alten Weintraub entgegentritt, genau in den Makamen Hidschas und Saba wiederzufinden ist. Dieser Steiger wurde von den Gebeten auf die Synagogenpoesien Pijutim übertragen (vgl. Beispiel VIII—XIV und fand seine weitere Ausbildung im Jargon-Lied und in den chassidischen Gesängen. Wir bringen als Beleg die bekannte chassidische Melodie, die vom alten Rabbi Schneiur Salman herrühren soll. jedenfalls eine der originellsten chassidischen Melodien. Sie ist der echte Ahawo-rabbo-Steiger oder Makam Hidschas. Ja, manche Hidschas- Melodien klingen uns genau so wie chassidisch, wie z. B. Nr. 22, 25; 24 hat den Charakter der Jargon-Lieder. Ebenso chassidisch wirkt auf uns die Saba- Melodie Nr. 29, hauptsächlich von Teil b ab. Hier glauben wir einen Gesang der Chabad- Chassidim zu hören, der sog. „Dweikuth". Dem Charakter des Jargon-Liedes ähnlich sind auch die Nummern 30—31 des Makams Hidschas-Kar. Die dritte Makamengruppe ist die mit der altphrygischen Tonleiter, d. h.: e-f-g-a-h-c-d-e. Diese Leiter unterlag manchen Varianten. So haben einzelne Makamen as anstatt a und b anstatt h. Andere wieder haben keine reine Oktave, sondern das obere e ist zu „es" vertieft. Wieder andere Makamen haben eine Hinzufügung von zwei Stufen unterhalb der Tonika, also|c-d|- e-f-g-a-h-c-d-es. Eine solche Tonleiter hat der Makam Mahur (vgl. Beispiel 44). Mahur bedeutet (Melodien im Makam Mahm) ftn u! s m mmm a i der Trabende, d. h. Allegro; seine Melodien sollen in schnellem Tempo gesungen werden. Die Eigentümlichkeit seiner Leiter ist, daß ,,h" oben, sofern es nicht als Leitton auftritt, zu b vertieft wird. Auch im jüdischen Volksgesang ist ein Steiger vorhanden, welcher diese Eigentümlichkeit aufweist, und zwar der sog. Adonoj-Moloch- Steiger. Die modernen jüdischen Kantoren aber identifizieren ihn mit der Kirchentonart Mixolydisch, erhöhen das obere ,,es" infolgedessen zu e und erklären die übliche Vertiefung des e als eine Verunglimpfung. Ihr Verfahren beruht aber auf Unkenntnis des orientalischen Ursprungs dieses Steigers. Die Nummern 34—38 sind Beispiele für den Makam Siga, Nr. 39 für Irak. Beide Makamen haben eine gemeinschaftliche Tonleiter, die oben angeführte altphrygische, mit dem Unterschiede, daß Sig-a von „e" beginnt, Irak aber eine Quarte tiefer, also von ,,h" anfängt. Es ist interessant zu beobachten, daß die Quarte die dominierende Rolle im orientalischen Gesang spielt. Nach ihr wird mit Vorliebe moduliert, ebenso wie im jüdischen Gesänge. Die Quinte dagegen hat gar keine Bedeutung, wie aus den hier gegebenen Beispielen hervorgeht. Trotz seines persischen Namens Si-ga die dritte Stufe, ist doch dieser Makam bei den Arabern sehr verbreitet. Ob nun das Volk tatsächlich in Siga oder vielmehr in dem Siga verwandten arabischen Makam Irak singt, läßt sich nicht feststellen. Irak heißt die südmesopotamische Gegend von Bagdad inkl. Basra bis zum Persischen Golf. Bekanntlich waren die Bewohner dieses Landstriches von jeher Semiten. Die Araber bewohnten diese Gegend bereits lange vor dem Islam. Ebenso ist der Makam Irak Volksgesang in ganz Arabien und Syrien, sowohl bei den Arabern, als auch bei den Juden und Christen (die ja fast durchwegs Semiten sind).