Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Zum inneren Streit
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 327 - 328 (sequence 9)
- Language
- German
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327 Das Judenvolk und die vier Weltgegenden. 328 und Anekdoten, mit denen polnische und litauische Juden sich gegenseitig* regalieren, gehören in die Volkskunde, gleichwie jene, welche die Bewohner einzelner Städte und Gegenden ironisch oder kritisch charakterisieren. Die Juden in Litauen hatten viel schwerer um das Dasein zu kämpfen, weil das Land viel ärmer ist als der üppige Süden des alten Polenreichs; seit dem Sinken der Staatsgewalt machte sic'h die Willkürherrschaft der polnischen Magnaten, deren Besitzungen hier den. Umfang von Fürstentümern hatten, noch fühlbarer geltend als anderswo und hemmte beträchtlich die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Das verlieh den dortigen Juden eine gewisse Herbheit und Schärfe, sowie einen größeren Ernst. Sie mußten häufiger, nach Brot suchend, gen Süden wandern. Bis in die neueste Zeit ist es ihnen nicht eingefallen, sich für eine „höhere Rasse" zu halten, als1 die ungefähr fünfmal so zahlreichen Juden der anderen ehemals polnischen Provinzen, — zumal die autochthonen Bewohner ihrer Gegend, die Weißrussen und Litauer, doch wahrlich keinen Anspruch erheben, eine Völkerauslese zu sein. Der Rassendünkel, den wir wahrgenommen haben, ist neueren Datums, und es ist sehr lehrreich, seine Herkunft kennen zu lernen. * * * Mit Anbruch der sogenannten liberalen Epoche unter Alexander IL fing man in Rußland an, ,,sich aus den Juden etwas zu machen". Man erwog, ob es nicht ratsam wäre, sie auf andere Weise zu behandeln, als dies unter Nikolaus I. geschah. Zwei Parteien, eine verlogener als die andere, die Panslawisten und die Liberalen (oder ,,Westler") befaßten sich mit dieser Frage. Es tauchten Erinnerungen an die großen Freiheiten auf, die alle jetzt unter russischer Knute ächzenden Juden in früheren Jahrhunderten in Polen genossen, an die außerordentlich judenfreundlichen Reformbewegungen im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts, an deni großen Reichstag (1789—91), an Kosziuszko, lauter Strömungen, die das erwachende Selbstgefühl und Bürgerbewußtsein der Juden mit so viel Sympathie für die polnische Sache erfüllten. Nach einer vorübergehenden Trübung im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts erwachten diese Stimmungen seit dem Freiheitskrieg von 1831 und befestigten sich immer mehr. Im Königreich herrschte zwischen Christen und Juden das beste Einvernehmen. Im Jahre 1861 erwirkte der Marquis Wielopolski die vollständige Gleichstellung der Juden in Polen und sicherte sie so trefflich, daß sie alle seine andern Reformen überdauerte. Die Teilnahme der Juden am Freiheitskrieg von 1862/63 gab den Russen viel zu schaffen und zu denken. Beide oben gedachten Parteien waren einig darin, daß man zwischen Polen und Juden einen Keil hineintreiben mußte, um die Sympathien der letzteren für die großrussische, panslawistische Staatsidee zu gewinnen. Es gab starke Strömungen, die dahinziehen, dies durch eine Emanzipation der Juden auch außerhalb des Königreichs Polen, oder wenigstens durch milde Behandlung zu erstreben*).- Allein, dazu konnte sich auch der Liberalismus nicht entschließen. Im *) Verlg. den Artikel „Das paoslawistische Programm zur Losung der Judenfrage" im vorigen Hefte. Gegenteil, die brutale Lust, zu knebeln, zu unterdrücken, zu peinigen, gewann immer mehr die Oberhand. Das Ziel sollte nun auf literarischen Umwegen erreicht werden. In Petersburg wurde die Theorie ausgeheckt, daß die Freiheiten und die Toleranz, deren sich die Juden in Polen zu erfreuen hatten, eigentlich ein Unglück für sie waren, denn sie wurden dadurch verdorben und erniedrigt; erst Rußland habe die polnischen Juden von der Gefahr befreit, gänzlich zu verkommen und zu versumpfen, indem es durch seine Behandlung in ihnen alle Tugenden und alle Widerstandskraft weckte. Leider wurden nicht alle Juden dieses Glückes teilhaftig, denn die im Königreich blieben, wie bekannt, auch von den Maßnahmen Nikolaus I. verschont. Diese Theorie wurde insbesondere von Murawiew, dem Henker, der nach der Revolution von 1863 Litauen „pazifizierte", mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln von Wilna aus verbreitet, wobei er durch seine literarischen Trabanten die bestehenden Unterschiede und Gegensätze zwischen litauischen und polnischen Juden geschickt zu benutzen verstand, indem er sie aufbauschte und zu unüberbrückbaren ,,nationalen" Antagonismen verschärfte. Er trug eine billige und fadenscheinige Miaske von Judenfreundlichkeit zur Schau, seine wahre Physiognomie zeigte er nur bei seltenen Gelegenheiten. Daß diesem Treiben nicht entgegengewirkt werden konnte, dafür sorgte die Zensur. Die jüdische Geschichtsforschung und Publizistik stak in den Anfängen. Eine öffentliche Meinung war nicht vorhanden. Politische Ueberlegung und tiefere Einsicht in den Zusammenhang der Dinge war nur bei Wenigen zu finden, und diese hatten nicht die Möglichkeit, sich beim Publikum Geltung zu verschaffen. Der mächtige, ohne Widerstand arbeitende Apparat der russischen Presse und Publizistik stellte sich in den Dienst dieser Theorie, uns es fanden sich auch jüdische Schriftsteller, die eifrig für |sie warben, im guten Glauben und in der Hoffnung, daß die Juden durch Betätigung des großrussischen Loyalismus endlich die Gleichberechtigung oder wenigstens ein milderes Schicksal erlangen würden. Die Hoffnung war trügerisch, aber die Theorie wirkte weiter. Insbesondere wurde darauf hingewiesen, daß es den Juden in Polen seit Mitte des 17. Jahrhunderts sehr schlecht erging, und daß sie im 18. Jahrbundert zahlreiche Ritualmordprozesse zu erdulden hatten. (Das war alles bekanntlich ein Kinderspiel im Vergleiche mit /dem, was sie im übrigen Europa, mit Ausnahme von Holland, litten). Mit besonderem Eifer und Vorliebe wurden die Schilderungen ausgesponnen, wie der polnische Adel im 18. Jahrhundert die Juden menschenunwürdig behandelte und erniedrigte, wodurch „ihre Seele auf ewig verdorben wurde". Darin war ein großes Stück Wahrheit. Der polnische Adel verrohte seit Ausgang des (17. Jahrhunderts immer mehr. Der Kleinadel versank in Unwissenheit und Trägheit, die Magnaten in Ueppigkeit und Hochmut. Indessen war das alles inur ein Schatten im Vergleich zu dem, was der französische Adel jenes Zeitalters trieb. Bei der zunehmenden Verarmung des Landes fanden die Juden ihr Auskommen als Lieferanten, Händler, Pächter, Angestellte und Vermittler bei den reichen Gutsherren. Zumal die großen Latifundienbesitzer beschäftigten ganze Scharen jüdischer Handwerker aller Kategorien, viele hielten sich jüdische Musikkapellen, die ihnen