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Ost und West · 1916-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1916) · p. Seite 329 - 330

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1916)
Article
Zum inneren Streit
Date
1916-08-01
Page
Seite 329 - 330 (sequence 10)
Language
German
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329 Das Judenvolk und die vier Weltgegenden. 330 auch die jüdischen, religiösen und Volksmelodien vortrugen. Der Adel ist auch heute noch überall in der Welt geneigt, .den Händler und Handwerker, zumal „seinen" Händler oder Handwerker, der von ihm lebt, alsuntergeordnetes Wesen zu betrachten. Man hat nichts davon gehört, daß z. B. der preußische Adel die großen, auch die nichtjüdischen, Bank- und Kaufherren als seinesgleichen behandelt. Natürlich ließen die polnischen Edelleute, insbesondere die Magnaten, häufig ihren Mutwillen an „ihren" Juden aus, was sicher nicht zur Erhöhung ihres Ehrgefühls beitrug. Indessen von Grausamkeiten hat man nicht gehört, und die Bauernschaft wurde noch übler behandelt als die Juden. Besonders die litauischen Magnaten kannten in ihrem Uebermut keine Grenzen. Aber in eben diesem 18. Jahrhundert sind alle die mutigen Verteidiger der polnischen Juden, <lie Menschenrechte für sie forderten und schließlich erlangten, aus den Reihen des Adels entstanden, /der Adel war es, der sie vor der Bedrückung und den blutigen Verfolgungen von Seiten der Städter immerfort in Schutz nahm. In Litauen, z. B. in den ehemaligen Besitzungen der Fürsten Radziwill, existieren noch heute zahlreiche Synagogen, Spitäler und jüdische Armenstiftungen, die der durch seine wilden Streiche und seinen unbezähmbaren Uebermut berüchtigte Sproß dieser Adelsdynastie Panie Kochanku errichtet hat. Andererseits muß man fragen: Wenn es wahr ist, daß eine entwürdigende Behandlung den Seelen der Juden einen unauslöschlichen Makel aufprägt, wie muß es z. B. um die italienischen stehen, die Jahrhunderte lang die schmählichsten Demütigungen ertragen, sich bis in die neueste Zeit hinein bei der alljährlichen Huldigungszeremonie vor den päpstlichen Behörden einen wirklichen oder symbolischen Fußtritt gefallen lassen mußten? Wie um die von Frankfurt a. M., die bis gegen Ende; des 18. Jahrhunderts den gelben Fleck trugen, von jedem nichtjüdischen Gassenjungen mit „Jud-, mach Mores!" angeschrien wurden? Mußten nicht die Juden in ganz Deutschland bis zur Morgenröte des 19. Jahrhunderts am Tore jeder Stadt gleich dem lieben Vieh jden Leifözoll entrichten? Und die Juden in Oesterreich, lwurde nicht ihre natürliche Vermehrung, als wären sie unreine Tiere, durch die schimpflichsten Gesetze verhindert? Aber nein. Die russische Theorie lehrte, daß die Seele der polnischen Juden moralisch unheilbar verdorben und intellektuell abgestumpft wurde. Dagegen waren alle die Bedrückungen, die den Juden in Rußland seit Katharina II. auferlegt wurden, besonders aber die ihnen von Nikolaus I. zuteilgewordene Behandlung*) ferner die grausamen Austreibungen, Pogrome, Razzias, wie man sie nur auf Verbrecher veranstaltet, die bis jetzt andauerten, die noch 1915 neuerdings proklamierte Gleichstellung der Juden mit den abgestraften Verbrechern, den Zigeunern und Dirnen in bezug auf das Paßwesen, offenbar nicht anderes als ,Mittel, die Judenseele zu läutern, zu erheben, .zu,edler Menschlichkeit und verfeinerter Kultur zu erziehen. -Die beiderseitigen Ergebnisse müssen auch danach sein. Das lehren uns alle oben angeführten Autoritäten. Demgemäß sind die Juden verpflichtet, ,den Polen zum Lohn für die Privilegien und .Freiheiten und alle anderen toleranten Behandlungsarten, die sie in ihrem Lande genossen, ewigen Haß und Rachsucht nachzutragen, den Russen dagegen sind sie für ihre Erziehung zum Heroismus und zur geistigen Kultur ewigen Dank und Lobpreisung schuldig. Die polnischen Juden dürfen keinen anderen Patriotismus hegen, als moskowitischen. Wenn sie aber mit den Polen sympathisieren, so versündigen sie sich arg nicht nur gegen das heilige Rußland, sondern noch mehr gegen das Judentum. Man kann diese Lehre nicht nur von Stockrussen, sondern sogar von jüdischen „Gelehrten" vorgetragen bekommen. * * * Oft schon haben wir Juden selber die Waffen geschmiedet, mit denen wir totgeschlagen wurden. Daß wir aber eine von unseren Feinden zu unserem Verderben ausgeheckte Theorie mit Eifer ausbauen und verbreiten, überschreitet denn doch alles Maß. Es ist ja unvermeidlich, daß die Juden bald dieses, bald jenes Landes sich auf höherer Kulturstufe und in besserer Lage befinden als andere. Dann ist es Pflicht der Glücklicheren, den minder Glücklichen hilfreiche Hand zu reichen, für sie einzutreten und sie zu verteidigen. Daß wir uns aber gegenseitig schwächen und /verleumden und einander schließlich als eine niedrige Rasse hinstellen, das ist wohl das Schimpflichste, was wir tun können. Wir geben .uns damit dem gerechten Spott und der Verachtung der nichtjüdischen Welt preis und liefern unseren v Feinden die besten Waffen in die Hände. Jede Anklage eines Juden gegen den anderen von ,der entgegengesetzten JRasse" fällt auf das ganze Judenvolk zurück. Unsere Feinde kennen nämlich weder Westnoch Ostjuden, weder Nordnoch Südjuden, sondern nur — Juden. Täten ,wir nicht besser, es in diesem Falle mit unseren Feinden zu halten? *) Siehe Ost und West, Februarheft 1916.

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