Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1916-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1916) · p. Seite 325 - 326

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1916)
Article
Zum inneren Streit
Date
1916-08-01
Page
Seite 325 - 326 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584060-2584066-2597421--16295-2597466
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

325 Das Judenvolk und die vier Weltgegenden. 326 verzeihlich. Anton Rubinstein aber steht noch viel tiefer, weil er von noch südlicheren Juden stammte, die gar in Podolien, .dort wo es schon Bessarabien heißt, zu Hause waren. .(Durch die Taufe ^des siebenjährigen Knaben wurde dieser JMiakel allerdings weggewischt.) Dem Herrn .Dr. boewe sind alle diese Dinge unbekannt. Auf jeden Fall konstatiert er zwei jüdische Rassen, von denen die südliche die niedrigere ist. Viel milder verfährt mit den Südjuden ein neuester Gelehrter namens Dr. Josef Meisl, in seinem Buch ,,Die Juden im Zartum Polen, ein geschichtlicher Ueberblick". Das Werk ist vom streng russisch-patriotischen Standpunkt verfaßt, welcher sich schon im Titel kundgibt, der ganz der hochoffiziellen russischen Staatslehre entspricht; sogar russische Schriftsteller, wenn sie nur nicht zu den echt-russischen Leuten gehören, scheuen sich, die Bezeichnung Zartum Polen zu gebrauchen, die die Polen aufs äußerste empört, sondern sprechen von einem Königreich Polen, wie es der Wiener Kongreß stipuliert hat. Das Werk ist um einige Wochen zu, früh erschienen, als oberflächliche Köpfe noch der Meinung sein konnten, Deutschland gedenke in den besetzten Gebieten die russische Politik fortzuführen und Polen [und Juden gegeneinander aufzuhetzen — und hoffen durften, durch Schriften in diesem Geiste sich Liebkind zu machen. Der Inhalt dieses Werkes kommt nicht in Betracht, aber ein Satz am Schluß, S. 78, isti belehrend. Er sagt von den polnischen Juden: „Wohl tragen sie nicht jenen individuellen Stempel, wie ihre russischen Brüder, wohl entbehren sie des urwüchsigen Charakters und der Kraft der Rasse, welche diese so wunderbar auszeichnet, aber auch ihnen sind die unverkennbaren Züge einer geistigen historischen Individualität eigen." Milder kann man nicht sein, zumal, wenn einer sein Urteil von der Jioheii Warte des russischen Staatsbewußtseins herab ausspricht, wie dies der Verfasser tut. Allein, trotz all seiner Leutseligkeit und Herablassung kann [auch dieser große Mann über die Tatsache nicht hinweg, daß die polnischen Juden eine niedrige Rasse sind. Man sieht, Chamberlain hat unter uns Schule gemacht. Schön wäre es, diese Theorie im Sinne des Meisters folgerichtig zu entwickeln. Ein Vertreter der Südjuden sollte alles Große und Gute der nordjüdischen ,,Rasse" auf einen südjüdischen Einschlag, und alles Dunkle und Fragwürdige innerhalb seiner eigenen Sippe auf eine verwerfliche Vermischung mit nordjüdischem Blut zurückführen. Und umgekehrt. Ein Max Marcuse der Zukunft wird, je nachdem er in der nord jüdischen oder in der südjüdischen Rasse ersteht, die entgegengesetzte als unser aller Unglück bezeichnen, welche man nicht unbeschränkt bei uns aufnehmen dürfe, da sie die größte Gefahr für das Gedeihen und die Harmonie der Völker bilde. * * * So viel unfreiwillige Komik diese ins Jüdische übertragene Rassentheologie auch hat, man darf ihre Gefahren nicht unterschätzen. Alle großen Vorurteile, die mit ihrer Dummheit und Schlechtigkeit das Leben der Menschen vergiftet und am Ende schwere Opfer gefordert haben, sind aus solchen unscheinbaren Anfängen erwachsen. Sobald ein bequemes Schlagwort geprägt ist, welches menschlicher Eitelkeit, Mißgunst, Selbstsucht als Aufputz dienen kann, wird es sich am Ende zu einer mit Gelehrsamkeit und Moral verbrämten Theorie auswachsen und als selbständige Macht auftreten, gegen die man einen harten .aber vergeblichen Kampf führen muß. Jedes Volk, auch wenn es in dichten Massen zusammen wohnt und nicht unter Fremdstämmigen verstreut ist, wenn es nur weit auseinanderliegende Räume einnimmt, bildet Stammesunterschiede und Gegensätze heraus, die häufig sehr tiefgehend sind und störend oder komisch empfunden werden, in Wirklichkeit eine Quelle der Mannigfaltigkeit und des Reichtums der Kultur des Gesamtvolkes sind. Die einzelnen Stämme hänseln und verulken sich gegenseitig, wie z. B. Sachsen und Niederdeutsche, Bayern und Preußen, aber sie arbeiten an den gemeinsamen großen Zielen, und die geringste äußere Gefahr schweißt sie zu einer mächtigen, weltimponierenden Einheit zusammen. Mommsen sagt: ,,Eine Charakteristik der Pommern und der Rheinländer von einem Schwaben ist ein gefährliches Unternehmen: bei aller Wahrhaftigkeit und allem Wohlwollen hört der Besprochene doch vor allem nur den Tadel." Karl Jentsch erzählt, daß noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Rheinländer auf die Preußen und Sachsen als auf ,,Neudeutsche" herabsahen, da sie selber schon zur Römerzeit Deutsche waren. Seither haben bekanntlich die Rheinländer gelernt, die Ostdeutschen als Gleichgestellte zu achten. Die Deutschen verhehlen sich ihre Stammesverschiedenheiten nicht, im Gegenteil, sie erfreuen sich ihrer, nur die Feinde sind bemüht, diese Abweichungen aufzubauschen, mit Nachdruck zu betonen und sie zu Feindseligkeiten anzufachen, in der Hoffnung, dadurch in die Nation Zwietracht zu bringen und sie durch Bürgerkrieg zu schwächen. Im jüdischen Volk gibt es bedeutende Unterschiede, die vielleicht auch auf irgendwelche in vorhistorischer Zeit zurückliegende anthropologische Vorgänge zurückzuführen sind, aber im allgemeinen ihre Ursache in der Verschiedenheit der Umwelt und der geschichtlichen Einwirkungen haben. Indessen hat — von Geistern wie die diversen Pinto und Marcuse abgesehen — kein Jude aufgehört, die Zusammengehörigkeit und die sittliche Gemeinbürgschaft des ganzen Volkes zu empfinden. Juden aller Länder vereinigten sich 1840, um den Beschuldigten von Damaskus Hilfe zu bringen. Aus Anlaß der Mortara-Affäre in Bologna war neunzehn Jahre später die tätige Teilnahme nirgends lebhafter als in Deutschland. Moses Montefiore, der größte Sephardi des 19. Jahrhunderts, würde es nicht verstanden haben, wenn man es ihm als besonderes Verdienst angerechnet hätte, daß er sich um die Juden in Rußland, die ja Aschkenasim seien, bekümmerte. Und wer anders als aschkenasische Juden sind es gewesen, die das reiche geistige Erbe der Sephardim vom 11. bis zum 15. Jahrhundert gehoben haben? Die Unterschiede zwischen polnischen und litauischen Juden sind von derselben Art und Tragweite. Sie sind auch sprachlich nicht größer als die zwischen großpolnischen, kleinpolnischen, podolischen und wolhynischen, oder zwischen deutschen und mährischen Juden. Ebenso wie der Unterschied zwischen Ostjuden und Westjuden nur wirtschaftlicher und kultureller Natur ist und auf einer gewissen Höhenlage vollkommen verschwindet.) Die witzigen und humorvollen "Sprichwörter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.