Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Zum inneren Streit
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 323 - 324 (sequence 7)
- Language
- German
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323 Das Judenvolk und die vier Weltgegenden, 324 klar sein." Man hat es hier offenbar mit zwei verschiedenen Religionen zu tun. ,,Der Chassid", versichert uns dieser Forscher, „haftet an dem Buchstaben des Talmud, der Misnagid (sie) ist bestrebt, das Gesetz kritisch aufzufassen, und zwischen den Grundlagen der Religions- und Sittenlehre und den nebensächlichen rituellen Verordnungen zu unterscheiden." Der Litwak ist also eine Art Freigeist und Reformer. (Man denkt dabei unwillkürlich an den Gaon von Wilna, den Raw von Liady und an Rabbi Israel Salant und bewundert die Wahrhaftigkeit und Gründlichkeit des ehemaligen russischen Universitätslehrers. In Litauen, wird uns versichert, seien dfie Chassidim nur versprengt anzutreffen. Wir wissen aber, daß einige der hauptsächlichsten Richtungen des Chassidismus und einige der einflußreichsten Dynastien der Wunderrabbis von Litauen ausgegangen sind. Die schwersten Kämpfe zwischen Mithnaggdim und Chassidim, in denen letztere Sieger geblieben sind, haben sich in Litauen abgespielt.) Auch sonst steht der Litwak himmelhoch über dem polnischen Juden. Er hat eine tiefere ,,Jüdischkeit" (Frömmigkeit) als dieser, das Wegfallen der Schranke einer nationalen Tracht bringt ihn mehr mit nicht jüdischen Kreisen in Berührung und macht ihn assimilatorischen Tendenzen stärker zugänglich, als den konservativen polnischen Juden", er versteht Russisch, das letzterem fremd ist, und dies hebt ihn in eine höhere Kultursphäre. Er besitzt mehr Rührigkeit und Unternehmungslust als jener. Kurz, zwei verschiedene Rassen, von denen d\ie nördliche die höhere ist. — Einen noch würdigeren Partner hat Dr. Jakob Fromer in der Person des Dr. Heinrich Loewe gefunden. Dieser versichert: Die Gedanken- und Gefühlswelt der galizischen und wolhynischen Juden seien unklar und verschwommen, darum konnte unter ihnen nur der wundergläubige Chassidismus Platz greifen, der unfruchtbar und hohl bleibe, die nationale Erneuerung des Judentums dagegen konnte nur von talmudistischen und chabad-chassidischen Kreisen ausgehen, die in Litauen heimisch sind. Da Dr. Heinrich Loewe seine gesamten Kenntnisse der jüdischen Gedanken- und Gefühlswelt lediglich aus den Tiefen seines eigenen Gemütes schöpft, so kann er natürlich von Krochmal, Rapoport, Chajes, Schor, Bloch, Erter, Mises, Goldenberg, Blumenfeld, Perl, Letteris, Rubin, Dembicer nichts gehört haben. Ebensowenig kann er wissen, daß Graetz im elften Band seiner Geschichte dieser ,,galizischen Schule" ein besonderes Kapitel widmet. Die Säulen des litauischen Talmudismus, z. B. der Gaon von Wilna und sein Schüler R. Manasse von Ilja wären höchst erstaunt, zu vernehmen, daß Lemberg, Lublin, Brody, Zolkiew, Ostrog, Krakau, Posen in der talmudischen Wissenschaft so ganz und gar nichts zu bedeuten hätten. Jeder kleine Jeschiwa- Bachur hätte unserem Gelehrten sagen können, daß die galizischen Rabbinen seit dem 16. bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Talmudismus die Führung hatten. Aus allen Enden der Welt, nicht nur aus allen europäischen Ländern, sondern auch aus Indien, Aegypten, Marokko, Süd-Afrika, Nord-Amerika, wurden ihnen Streitfragen, besonders eherechtlicher Natur, zur Entscheidung unterbreitet. Sie galten also in einem gewissen wSinne für die Gesamtjudenheit als talmudische Autoritäten. Es lag keine Uebertreibung darin, daß z. B. R. Josef Sau] Nathansohn, R. wSalomon Kluger, R. Chajjim Halberstamm, von ihresgleichen ,,Rabban schel kol bene ha golah" tituliert wurden. Auch ist es dem Herrn Dr. Heinrich Loewe ein Geheimnis geblieben, daß diejenige chassidische Dynastie, die in Galizien die Wundergläubigkeit am stärksten gefördert hat, aus Litauen stammt, und daß der Schöpfer des Chabadismus, eine in seiner Art ganz ungewöhnliche Persönlichkeit, zwar vorsichtig genug gewesen ist, in Litauen, richtiger in Weißrußland, geboren zu werden, sein Vater jedoch das Unglück hatte, aus Galizien zu stammen, also jedenfalls unreines Blut in den Adern hatte. Vollends verborgen ist es ihm geblieben, daß Lilienblum, also ein waschechter Litauer, und nebenbei eine der herrlichsten Erscheinungen der modernen hebräischen Literatur, über die ganze litauische Haskalah den Stab bricht, die ,,galizische Schule" dagegen als die Schöpferin des modernen jüdischen Geisteslebens mitsamt der ,,nationalen Erneuerung" preist. Es mag nebenbei bemerkt werden, daß Achad Haam es nicht verschmäht hat, zu Skwira, Bialik, zu Rady einem Dorf in Wolhynien, geboren zu werden, und Schalem Alechem, der auf ein ganz anderes Blatt gehört, Perejeslaw in derselben Provinz zu seinem Geburtsort erkoren hat. Wenn man weiter in die Vergangenheit zurückblickt, findet man, daß der Lehrer Moses Mendelssohns, der ihn in die Mathematik und in die Philosophie einführte, ein polnischer Jude Israel aus Zamosc, südlich von Lublin, war. Eine der merkwürdigsten Verkörperungen jüdischer Volksfrömmigkeit und Fabulierkunst war der in der ganzen Judenheit berühmte Maggid von Dubno. Ja, der ganze Chassidismus, von dem neuerdings so viel Wesens gemacht, der als eine tiefsinnige Offenbarung gepriesen wird, wurde zwischen Kuty und Kossow, Ostgalizien, geboren, in Miendzyboz und Miendzyrzecze in Wolhynien, großgezogen. Andererseits ist Isaac Ber Lewynsohn, den sie den russischen Mendelssohn nennen, in Krzemieniec geboren, wo er fast sein ganzes Leben, vom Grafen Czacki gefördert ,und beschirmt, verbrachte; die stärksten Anregungen zur Arbeit empfing er in Brody und Lemberg im Umgang mit den Männern der „galizischen Schule." Der Begründer der ,Jiddischen" Literatur, der erste, welcher Werke von bleibendem literarischen Wert im Jargon verfaßte, Dr. Salomon Ettinger, war in dem bereits genannten Zamosc geboren und machte seine Lehrzeit in Lemberg durch. Das erste Zentrum der nationalen Bewegung war Odessa, dessen jüdische Einwohner aus Galizien und Wolhynien eingewandert waren. Die ganze Aufklärung und der Fortschritt Odessas stammte aus Brody. Die ,,Autoemanzipation", der erste Ruf zur ,nationalen Erneuerung", die in nuce das ganze heutige Programm des Zionismus enthält und die ganze Bewegung zuerst angeregt und in Fluß gebracht, hatte zum Verfasser den in Tomaschow unweit Lemberg geborenen Dr. Leo Pinsker, dessen Vater, Simchah Pinsker, einer der bedeutendsten Erforscher der jüdisch-babylonischen Geschichtsepoche, aus Tarnopol nach Odessa als Lehrer gekommen war. Daß ein genialer Erfinder, .wie Abraham Stern, ein Chemiker und ein JPhysiker von Weltruf, wie die beiden Nathansohns, Maler wie Mbritz Gottlieb, Leopold iHbrowiitz oder Hirszenberg, ein Plastiker wie (Glicenstein, sich so weit vergessen konnten, polnische, also Südjuden >zu sein, ist un-