Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Zum inneren Streit
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 321 - 322 (sequence 6)
- Language
- German
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321 Das Judenvolk und die vier Weltgegenden. 322 der Graf Stanislaw Tarnowski, einer der glänzendsten und einflußreichsten Publizisten der Krakauer Schule: „Ich begreife, daß ein Jude nicht Erzbischof von Lemberg werden kann, aber daß er nicht Bürgermeister von Lemberg werden könnte, will mir nicht einleuchten.*' Seither haben in den größten und bestverwalteten Städten in Galizien jüdische Bürgermeister regiert, Lemberg und Krakau haben je einen jüdischen Vizebürgermeister, in der Selbstverwaltung des Landes und der Gemeinden nehmen die Juden bedeutende Stellungen ein, die Präsidenten der drei Handelskammern des Landes sind zurzeit Juden, ebenso der Präsident der Lemberger Advokatenkammer, vor einigen Jahren war es auch der Präsident der Krakauer. Juden bestellen einen sehr beträchtlichen Teil des ländlichen Großgrundbesitzes; in allen Beamtenkategorien sind sie bis in die höchsten Stufen hinauf vertreten. Der Rektor der Lemberger Universität war in dem Jahr vor dem Krieg ein Jude, alsj Prorektor ist er von den Russen in die Gefangenschaft verschleppt worden. Die Judenfrage hat also in jedem osteuropäischen Lande ein anderes Gesicht. Die Kurpfuscher, welche jeden Tag ein anderes Allheilmittel gegen die gesamte „Ostjudenfrage" anpreisen, gleichen also jenem Arzt, der seine Patienten brieflich kurierte und drei Brüdern, von denen der eine an Kopfschmerzen, der andere an Magenkrebs, der dritte an Rheumatismus in den Beinen, litt, dasselbe Medikament verordnete, weil sie alle drei in derselben Stadt wohnten. * * * Indessen sollten die beiden anderen Weltgegenden nicht ohne ihre Spezialjuden bleiben. In der Tat, warum soll es bloß Ost- und Westjuden und nicht auch Nord- und Südjuden geben? Gottlob, es gibt schon welche! Diesmal sind wir so glück-' lieh, die Entdecker dieser zwei verschiedenen Spezies näher zu kennen. Der Vorrang gebührt hier Herrn Dr. Jakob Fromer. Diesem ebenso tiefgründigen wie allseitigen Gelehrten ist der unglückliche Salomon Maimon in die Hände gefallen; als hätte dieser bei Lebzeiten seine Sünden nicht genügend abgebüßt, mußte seine Lebensgeschichte von Fromer neu herausgegeben und mit gelahrten Anmerkungen versehen werden. Da findet sich die Feststellung einer ,,von allen früheren Forschern unbeachtet gebliebenen Tatsache", daß „zwischen den polnischen und litauischen Juden, zu denen auch die wolhynischen gerechnet werden müssen" (woran aber kein wahres Wort ist) ,,ein Antagonismus besteht, wie er kaum schärfer zwischen den jerusalemischen und samaritanisohen Juden geherrscht haben mochte". Hier folgen einige unwahre und einige irreführende Angaben, die diese Behauptung bekräftigen sollen. „Es ist nun begreiflich, daß bei einer solchen tiefgehenden Abneigung eine Verschwägerung zwischen polnischen und litauischen Juden zu den äußersten Seltenheiten gehört. Mir wenigstens ist aus der Zeit, da ich im Lodzer Ghetto gelebt habe, eine solche „Mischehe" nicht bekannt, obwohl diese Stadt von litauischen Juden überschwemmt ist. Das merkwürdigste ist, daß diese Antipathie durchaus einseitig ist. Der litauische Jude hält zwar seinen polnischen Glaubensgenossen für beschränkt, ist aber dennoch bestrebt, mit ihm in Frieden zu leben." Natürlich begnügt sich ein Fromer nicht mit der bloßen Feststellung voi?,„Tatsachen", sondern bemüht sich, den Dingen auf den Grund zu kommen: „Wer die jüdische Psyche näher kennt, wird wohl meiner Behauptung beistimmen, daß wir es hier mit einem — gegenwärtig freilich nur noch dunklen — Bewußtsein eines Rassenunterschiedes zu tun haben. Die Vermutung liegt nahe, daß es eine Zeit gegeben hat, da der polnische Jude seinen litauischen Glaubensgenossen für rassenunrein, für einen Mischling gehalten hat. Da seit der Zerstörung des zweiten Tempels eine Verschwägerung großer jüdischer Massen mit Nichtjuden kaum denkbar ist, so können für diese „Vermischung" nur Chasaren in Betracht kommen." Wir haben hier also die Entdeckung zweier Rassen innerhalb der Juden: einer südlichen in Polen, und einer nördlichen in Litauen, also: Südjuden und Nordjuden, wobei zu konstatieren ist, daß Fromer ein Südjude, diese Rasse also die edlere. Allein, es scheint nicht zuzutreffen, „daß diese Antipathie durchaus einseitig ist". Im Norden hat man ebenfalls die Verschiedenheit der beiden Rassen entdeckt und festgestellt, daß die südliche die niedere ist. Die Süddeutschen Monatshefte gaben ein Heft „Ostjuden" heraus, welches einen Aufsatz „Die litauischen Juden. Von einem ehemaligen russischen Universitätslehrer" enthält, in dem die polnischen, also die Südjuden, sehr schlecht wegkommen. Es wird auf den Unterschied zwischen ersteren und letzteren in Sprache und Tracht hingewiesen, die es rechtfertigen, „die Litwaken als einen besonderen Zweig des jüdischen Volkes getrennt zu besprechen". „Der polnische Jude sieht in dem Litwaken ein heterogenes Element, dem er in mancher Beziehung fremd und sogar feindlich gegenübersteht". Es wird nun konstatiert, daß der litauische Dialekt in mancher Beziehung dem Hochdeutschen näher steht als der „polnisch-galizische" (wovon gerade das Gegenteil wahr ist, wie ein Blick auf eine in Galizien und eine in Litauen erscheinende Zeitung lehrt; einen polnisch-galizischen Dialekt gibt es überhaupt nicht, sondern nur einen wolhynischen, einen podolischen, sodann einen großpolnischen und einen kleinpolnischen). Während in Polen ein ungeschorener Patriarchenbart nebst Schläfenlocken und ein langschößiger Kaftan durch die Tradition geheiligt und obligatorisch sind, bemerkt man in der Tracht litauischer Juden überhaupt keine nationalen Kennzeichen: sie tragen moderne Kleidung; europäisch gestutzte Bärte sind keine Seltenheit." (Wer die Städte Lemberg, Krakau, Warschau, Lodz, Wilna und Kowno kennt, wird wissen, daß der Prozentsatz der jüdisch und der europäisch Gekleideten unter den Jujden der älteren Generation überall ungefähr gleich ist, aber in Galizien, wo die jüdischen Schüler der Mittelschulen mehr als 20 o/o ausmachen, die letzteren naturgemäß, wenigstens in den größeren Städten und unter der jüngeren Generation, überwiegen.) Es wird ferner behauptet, daß die galizischen Juden durchweg, die polnischen größtenteils der Richtung der Chassidim angehören und auf das „viele Studieren" ihrer litauischen Stammesbrüder mit einer gewissen Geringschätzung herabsehen; zwischen dem Chassid und dem Himmel aber stehe der Zaddik, dessen Hilfe er in allen Gewissensfragen in Anspruch nimmt. „Dagegen kennt der Litwak zwischen sich und seinem Gott keinen Mittler, und er muß sich über seine religiösen Pflichten selbst