Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Zum inneren Streit
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 319 - 320 (sequence 5)
- Language
- German
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319 Das Judenvolk und die vier Weltgegenden. 320 Sie mögen wohl den berechtigten Wunsch hegen, von den deutschen, im besonderen von den jüdischen Literaten -und Weltverbesserern nicht schlimmer behandelt zu werden, als von ihren deutschen Geschäftsfreunden, die mit allen Mitteln die Unfreundlichkeiten gut zu machen gewillt sind, weiche das Volk in den ersten Augusttagen 1914 mitten in der plötzlichen Aufregung und Verwirrung nach der Kriegserklärung an ihnen verübt hat. Alle großen Hilfsorganisationen der deutschen Juden, die Gemeinden, die Wohltätigkeitsvereine, haben sich seit Ausbruch des Krieges mit großartiger Hingebung bemüht, das Schicksal der vom Krieg in Deutschland überraschten jüdischen Ausländer (aber nicht nur der jüdischen allein) zu erleichtern. Per Kriegsgefangenen in den Lagern haben sich die Gemeinden und vorab die Rabbiner mit bewundernswerter Hilfsbereitschaft angenommen. Ueber alles Lob erhaben ist die Liebestätigkeit von zahllosen Privatpersonen, die mit größter Aufopferung den so schwer Heimgesuchten beigestanden haben. Was die jüdischen Frauen Deutschlands in dieser schweren Zeit wirken, wird in goldenen Lettern in die Tafeln der Geschichte eingegraben werden. Das ist um so mehr hervorzuheben, da die Juden außerdem in der allgemeinen, durch den Krieg geforderten Hilfstätigkeit in nicht geringerem Grade als die Christen nach jeder Richtung in Anspruch genommen werden. Wenn die russischen Kriegs- und Zivilgefangenen aus Deutschland heimkehren, werden sie, fmit der Behandlung, die sie hier erfahren, mit allem, was sie in Deutschland gehört und gesehen, die eifrigsten Pioniere .der Achtung und der Liebe zu Deutschland, die hartnäckigsten Bekämpfer des in Rußland von oben geschürten Deutschenhasses werden. Die Juden unter ihnen werden erzählen, daß ihre deutschen Glaubensgenossen ihren alten Ruf, den Glaubensgenossen der ganzen Welt voranzuschreiten, glänzend bewährt haben. Es ist wahrlich nicht nötig, daß die Feder des Literaten verdirbt, was die Hand des Mannes der Tat gut gemacht hat. Deutschland hat Feinde genug in der Welt, es ist nicht nötig, daß seine Schriftsteller und Gelehrten ihm aus Freunden Feinde werben. DAS JUDENVOLK UND DIE VIER WELTGEGENDEN. Es ist sehr bedauerlich, daß man nicht weiß, wer der Mann war, der die Bezeichnungen Westjuden und Ostjuden geprägt hat, denn er verdient, daß man ihm ein Denkmal setze. Man wird auf dieses Denkmal freilich nicht schreiben können, er sei gelehrt, weise, gebildet gewesen, er habe das jüdische Volk aufrichtig geliebt und es gut mit ihm gemeint. Ganz im Gegenteil. Aber eins wird man ihm zugestehen müssen: er hat Schule gemacht. Ganz wie jenes alte Grauchen in der jüdischen Anekdote, das sich auf einen Berg verirrt hatte und hinter einem Busch „i—ia" brüllte; das Volk unten erkannte die Stimme des alten Esels nicht, hielt den Ruf für eine Offenbarung von oben und fing an, in allen Tonarten ,,i—a" zu rufen; es war wie eine Epidemie, überall hörte man nichts, als die beiden lieblichen Laute. Ostjuden und Westjuden sind zu Schlag wort en geworden, und man bedenkt nicht, daß sie vollkommen hohl sind. Wo liegt die Grenzlinie zwischen Ost und West? Sind nicht alle im Osten wohnenden Juden dorthin aus dem Westen gekommen, hat dieser Prozeß nicht bis ins 19. Jahrhundert angedauert, sprechen die Ostjuden nicht eine Sprache, deren Grundstock ein westdeutscher Dialekt bildet? Und wenn ein Ostjude sich eine Eisenbahnkarte kauft und nach zwölfstündiger Fahrt in einer westlichen Stadt anlangt, wie lange muß er dort weilen, um Anspruch auf Titel und Rang eines Westjuden erheben zu dürfen? Königsberg liegt geographisch viel östlicher als Warschau, aber wenn ein Warschauersich zum Westjuden emporschwingen will, braucht er nur nach Königsberg zu gehen. Wie reimt sich das? Auf alle diese Fragen hat man nur eine Antwort: ,,i—a'\ Schlimmer wird die Sache, wenn man sie auf die praktische Politik anwenden will. Es ist für die Denkfaulheit sehr bequem, Ostjuden zu sagen und sich darunter etwas Vages vorzustellen, eine unbestimmte, große Masse von Juden, denen es schlecht ergeht, und denen man „helfen" muß. Jeder Quacksalber ersinnt ein neues Mittel, wie man das Elend sämtlicher Ostjuden heilen und sie glücklich machen könnte. Und keiner überlegt, welche klaffenden Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern des Ostens im Hinblick auf die Lage der Juden bestehen. In Rumänien sind die Juden vollkommen rechtlos, sogar obdachlos, denn sie gelten als Fremde und dürfen nur Steuer — in höherem Maße als die anderen Landesbewohner — zahlen und Militärdienste leisten; in dem benachbarten Bulgarien sind sie vollkommen gleichberechtigt; in der gleichfalls benachbarten Bukowina, ebenso in Ungarn, nehmen sie in der Verwaltung und in der Politik hohe, einflußreiche Stellungen ein. In Rußland sind die Juden nicht nur rechtlos und obdachlos, sondern noch dazu einer grausamen Ausnahmegesetzgebung und einer mit Pogromen arbeitenden Verwaltungspraxis ausgesetzt, im Königreich Polen sind sie seit 1861 den christlichen Mitbürgern vollkommen gleichberechtigt; die russische Regierung hat freilich nachher diese Gleichberechtigung vielfach eingeschränkt, aber nicht vermocht, sie ganz aus dem Bewußtsein der polnischen Bevölkerung zu tilgen, so daß jetzt, als die deutsche Verwaltung den Polen die seit Jahrzehnten vergeblich herbeigesehnte städtische Gemeindeautonomie gewährte, es als selbstverständlich erschien, daß in den Stadtrat und in das Repräsentantenkollegium von Warschau eine beträchtliche Anzahl von Juden gewählt wurden, und keinem Polen ist es eingefallen, dagegen Widerspruch zu erheben. Dagegen versichern in Rußland selbst die liberalsten Fahnenträger, daß dort gar nicht daran zu denken sei, den Juden auf einmal Gleichberechtigung in den autonomen Verwaltungskörperschaften zu gewähren, da das Volk sich dagegen empören würde; dieses müsse durch stufenweise Konzessionen langsam erst zu dem Gedanken erzogen werden, daß der Jude als gleichberechtigter Bürger behandelt werden dürfe. Als in Galizien vor 50 Jahren dieselbe Frage auf der Tagesordnung stand, schrieb