Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Zum inneren Streit
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 317 - 318 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2584060-2584066-2597421--16291-2597462- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
317 Die Legende vom gelben Schein und Anderes. 318 Vaterlande und seinen Interessen auch einen guten Dienst leistet. Seit zweitausend Jahren hat das jüdische Volk keine so furchtbare Not gekannt, wie die, mit welcher die Ostjuden jetzt zu kämpfen haben. Zu dem unbeschreiblichen materiellen Elend kommen in Rußland die unbarmherzigen Verfolgungen durch die Regierung, in Kongreßpolen der Haß der künstlich aufgestachelten Massen. Das Schicksal dieser Juden und ihre Zukunft steht vielleicht auf dem Spiel. Ihrer mehrere Tausende werden in Deutschland zurückgehalten und befinden sich in der denkbar schwierigsten Lage; sie leiden um ein Vaterland, das keines ist, sie sind von den Ihrigen abgetrennt, ihrem Beruf entrissen, sehen einem unsicheren Morgen entgegen, vielfach erdulden sie materielle Not, sind auf das Wohlwollen und die Gastfreundschaft Deutschlands und der deutschen Glaubensgenossen angewiesen. Aus dem besetzten Gebiete sind ihrer mehrere Tausend als .Arbeiter nach Deutschland gebracht worden, die Arbeitgeber sind mit ihnen sehr zufrieden, aber es bedarf natürlich nur eines geringfügigen Anlasses, damit die Unzufriedenheit der Arbeiter gegen sie wachgerufen werde. Und just diesen Zeitmoment haben die Moralisten und Sozialphilosophen Deutschlands gewählt, um den Ostjuden ihre wirklichen und angeblichen Sünden vorzurechnen, sie als Gauner, Betrüger und Zuhälter, ihre Frauen und Töchter als verkäufliche Dirnen hinzustellen. „Ha Satan mekatreg bischeath ha sakkanah" heißt es im Midrasch. „Just, wenn die schlimmste 'Gefahr über des Menschen Haupt schwebt, bringt Satan die schwersten Anklagen gegen ihn vor/' Es ist nicht zu sagen, welch ein Mangel an Ritterlichkeit, Herzenstakt und einfachem menschlichem Mitgefühl in diesem öebahren liegt. Am schmerzlichsten ist es, daß Männer sich dazu hergeben, deren Väter Name noch heute bei den Ostjuden in höchster Verehrung steht Dabei berechnet man nicht die unumgänglichen Wirkungen dieses Treibens auf den guten Ruf — nicht der Ostjuden, sondern Deutschlands. Gegen die Ostjuden wird jetzt nirgends in der Welt Krieg geführt, nur in Rußland und in — Deutschland, mit dem einen Unterschied, daß in Rußland dies die Regierung und die Schwarzen Hunderte mit ihren altgewohnten Methoden tun, während in Deutschland das «von gelehrten Historikern, Publizisten, Vaterlandsrettern und Weltverbesserern besorgt wird. Tuts den Herren gar nicht weh, Deutschland in dieser Gesellschaft zu sehen? Die deutschen Juden haben wiederholt mit großer Würde und Energie protestiert, als z. B. das Zentral-Konsistorium in Paris Deutschland als den Herd des Antisemitismus hinstellte, von wo aus die Judenhetze immerfort über die ganze Welt ausgehe. Die deutschen Juden täten gut, nicht minder energisch gegen den Ton zu protestieren, in dem nicht jüdische aber auch jüdische Schriftsteller jetzt über die Ostjuden zu diskutieren belieben, weniger im Interesse dieser Juden, als im Interesse Deutschlands. Wenn nämlich das Pariser Zentral- Konsistorium boshaft sein wollte, so brauchte es nur einen Auszug aus den hier gekennzeichneten Broschüren und Artikeln zu veranstalten, um seine Behauptung vollauf zu rechtfertigen. Was nützt es, auf die vornehm gesinnten Menschen deutscher Hochkultur hinzuweisen, die für die Juden eintreten, Gerechtigkeit und Menschlichkeit 'für sie verlangen. Die Roheit hat viel stärkere Lungen, ihre Stimme schallt viel weiter hinaus in die Welt. Was ein Missetäter verdirbt, können oft zehn Gerechte nicht wieder gut machen. Keiner wird es schließlich einem satten, reichen Mann verübeln, daß er sich den Haufen armer Verwandter vom Leibe halten will, aber deswegen hat er nicht nötig, diese vor aller Welt zu beschimpfen und ihnen einen schlechten Namen zu machen. Zumal die armen Verwandten, wie gesagt, gar nicht daran denken, ihn fernerhin zu belästigen. * # * Vielleicht würde es nicht schaden, die Sache auch von einer minder idealistischen Seite anzusehen. Der Krieg wird nicht ewig dauern, und nachher muß Deutschland seinen Handelsverkehr mit Rußland wieder aufnehmen. Von gelehrten Büchern und geistreichen Artikeln allein kann man nicht leben. Nun hat Deutschland vor dem Krieg Waren im Betrage von 532,3 Millionen Rubeln, also ungefähr für 1,5 Milliarden Mark jährlich nach Rußland exportiert. Wer die Verhältnisse kennt, weiß, daß davon mindestens eine Milliarde durch die jüdischen Kaufleute Rußlands und Polens ausgeführt wurde. Polen ist und bleibt das Durchgangsland für deutsche Industrieerzeugnisse nach Rußland und russische Rohprodukte und Halbfabrikate nach Deutschland. Welchen Anteil an dem deutschen Export nach den Vereinigten Staaten die dortigen „Ostjuden" (die in den letzten dreißig Jahren dorthin ausgewandert sind) haben, läßt sich auch nicht annähernd abschätzen. Aber wenn der in Amerika etablierte jüdische Händler aus Rußland, Polen oder Galizien seine Sommerreise nach Europa unternimmt, zieht es ihn immer zunächst nach Deutschland, in dessen Kurorten er Erholung sucht und in dessen Geschäften er sich mit Waren versieht. Diese Ostjuden in Amerika haben seit Ausbruch des Krieges sich nicht gescheut, offen ihre Sympathien für Deutschland zu bekunden, auf die Gefahr hin, sich in einen ausgesprochenen Gegensatz zu den Amerikanern zu bringen. Nun arbeitet die Entente, vorweg England, bekanntlich an einer wirtschaftlichen Einkreisung Deutschlands, nach dem Krieg mit den Waffen soll der Handelskrieg mit allen Mitteln fortgesetzt, Deutschland die Auslandmärkte, vorab Rußland und die Vereinigten Staaten, abspenstig gemacht werden. Ein bedeutender Teil der russischen Ausfuhr an Agrarprodukten u. dergl. nach Schweden geht über deutsche Häfen, ebenso ist Deutschland das Durchfuhrland russischer Produkte nach England und Amerika. Maßgebende russische Kreise haben, wie wir gesehen, bekundet, was für eine große Rolle die jüdischen Kaufleute im russischen Getreide- und Produktenhandel spielen. Nun hat die englische Agitation sich bereits auf Skandinavien erstreckt; Schweden soll an die Stelle Deutschlands als Transitland treten. Heißt es da nicht, den Todfeinden Deutschlands in die Hand arbeiten, wenn man eine nutzlose und unsinnige Hetze gegen die Ostjuden entfesselt und ihre starken Sympathien für Deutschland mit Beschimpfungen und Verleumdungen erwidert, die man in die Welt hinausposaunt und die ihre Ehre sowohl in ihren Heimatländern als auch jenseits des Ozeans herabzusetzen und ihnen einen bösen Namen zu machen geeignet sind? Diese Leute haben es durchaus nicht nötig, von weltfremden Philosophen sich sagen zu lassen, daß sie es für ihr Recht und sogar ihre Pflicht halten, den Goi zu betrügen und auszubeuten, wo sie nur können, und daß sie ihre weiblichen Angehörigen aus Habsucht der Prostitution anbieten.