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Ost und West · 1916-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1916) · p. Seite 315 - 316

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1916)
Article
Zum inneren Streit
Date
1916-08-01
Page
Seite 315 - 316 (sequence 3)
Language
German
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315 Die Legende vom gelben Schein und Anderes. 316 armes Mädchen einen Stein zu werfen, welches um der sinnlosen Roheit eines barbarischen Gesetzes zu entgehen, den Schein der Erniedrigung auf sich lädt, um, oft unter den schwersten Entbehrungen und der kümmerlichsten Not, Medizin, Natur- oder Sozialwissenschaften zu studieren. Nur dem Rechtsgelehrten von Fach und Beruf ist es vorbehalten geblieben, darob in sittlicher Entrüstung zu entflammen und alle Welt zu Zeugen anzurufen, daß er es ablehne, mit solchen Elementen Gemeinschaft zu haben. * * * Es war notwendig, bei dieser unerquicklichen Angelegenheit länger zu verweilen und sie eingehend zu behandeln, um der Bildung einer infamen Legende vorzubeugen, die mit der Zeit die Geltung einer historischen Tatsache angenommen hätte. „Was sich nie und nirgends hat begeben, das allein veraltet nie." Man erinnere sich nur, was für eine unheimliche Rolle in der antisemitischen Agitation bis in die neueste Zeit hinein die legendäre Judenversammlung in Krakau gespielt hat, die im Jahre 1840 unter dem Vorsitz von Moses Montefiore stattgefunden haben sollte, und auf der der Beschluß gefaßt worden sei, mit allen Mitteln die christlichen Völker zu unterjochen. Montefiores Fuß hat nie Krakauer Boden betreten, im Jahre 1840 hat nirgends eine Judenversammlung stattgefunden, der angeblich gefaßte Beschluß ist die albernste Erdichtung von der Welt, aber noch im Jahre 1911 stand dia ganze Geschichte in antisemitischen Blättern zu lesen, und wurde von Unzähligen geglaubt, ebenso wie Unzählige noch heute glauben, daß die Juden Christenblut in ihre Mazzah tun. Vor unseren Augen entstand ja die ebenso kindische wie bösartige, aber von treulosen und schadenfrohen Agitatoren ersonnene und genährte Legende, daß sich die Juden in Polen teils mit den Russen, teils mit den Deutschen verbunden hätten, um' die Polen aus ihrem Lande, besonders aus den großen Städten zu verdrängen und diese den Erbfeinden auszuliefern — und schon hat die Legende ein erschreckend zähes Leben und ist nicht umzubringen. Die Juden in Polen werden jahrelang schwer gegen sie anzukämpfen haben. Auch dieser gelbe Schein wird, dank der breiten moralischen Diskussion über ihn in der Presse, noch lange die jüdischen Studentinnen verfolgen. Am 1. August erschien in der Neuen Freien Presse ein warmherziger und gedankenreicher Artikel über das Ostjudenproblem "von dem Präsidenten der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, einem der verdienstvollsten und erfahrensten Männer der jüdischen Oef f entlich keit in Wien. In diesem Artikel heißt es bei der Schilderung russischer Zustände u. a.: .^Bekannt ist, zu welch abscheulichen Mitteln junge Mädchen greifen müssen, um eine Hochschule außerhalb des Ansied lungsrayons besuchen zu können/' Also selbst ein so gewissenhafter Mann in verantwortlicher Stellung wie Dr. Alfred Stern, der sich wohl bewußt ist, wie schwer seine Worte in die Wagschale fallen, wird durch die communis opinio veranlaßt, in der Meinung, den Unterdrückten zu nützen, eine Behauptung vorzubringen die sich als gefährliche Waffe gegen sie "wenden muß. Nichts beweist schlagender, wie dringend notwendig es war, den Nebel der häßlichen Legende durch das klare Licht der Wahrheit in Nichts zerfließen zu lassen. Unverständlich scheint es indessen, daß mitten in dem antisemitischen Alarm ob der drohenden „Ostjudengefahr" jüdische Publizisten und Gelehrte nichts dringenderes finden, als mit in den Chorus einzustimmen, über ihre Glaubensgenossen Gericht zu halten, das Sündenregister aufzuschlagen, und alles was die gemeine Not des Lebens und die fälschende Gehässigkeit der Feinde eingetragen hat, vor aller Welt auszubreiten. Soli das etwa eine Forderung der vielgerühmten jüdischen Solidarität sein? Sieht man nicht ein, daß man damit nun den Feinden der Ostjuden die gefährlichsten Waffen in die Hand liefert, diesen in ihrer Heimat das Dasein unmöglich macht, und schließlich nur bewirkt, daß ihr Drang nach Westen sich steigert? Ein Mann, wie Prof. Philippson, welcher in der so hochstehenden deutschen Judenheit einflußreiche Ehrenämter bekleidete, mit der Aureole eines deutschen Gelehrten bekrönt war und einen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus geachteten Namen geerbt hatte, versicherte in einem jüdischen Organ, welches von Abraham Geigers Sohn herausgegeben wird, den Ostjuden gelte es als ihr Recht, sogar als ihre Pflicht, den Goi auf jede Weise auszubeuten und zu betrügen — welch ein gesundes Fressen für die Warschauer Boykottisten! Seit 1912 dauerte in Warschau, Lodz und Umgegend der Boykott der jüdischen Händler und seine Organisatoren schärften ihren Anhängern in Wort und Schrift immer von neuem ein, ja nicht mit den veralteten Schlagworten von der Betrügerei, Habsucht und Ausbeuterei der Juden zu arbeiten, denn diese Methode verfange beim kaufenden Publikum, sogar bei den Bauern, nicht mehr, sie schade 'nur der guten Sache, die Leute wissen nämlich aus Erfahrung, daß diese Vorwürfe nicht stichhaltig sind; damit werde man die jüdische Konkurrenz nicht los, man müsse stets nur daran erinnern, daß wir uns von der jüdischen Vorherrschaft im Handel befreien müssen, weil die Juden die gefährlichsten Feinde unserer Nationalität sind und sich mit den Russen verbinden wollen, um unsere Städte zu unterjochen und zu russifizieren. — Professor Philippson, der zu der älteren Generation zählte, war, wie man sieht, um, eine Idee zurück, und huldigte noch der früheren Methode. Die Nationaldemokraten in Warschau werden seine Versicherungen mit Dank zur Kenntnis nehmen. Je mehr deutsche Juden ihre Glaubensgenossen beschimpfen und einen je schlechteren Namen sie ihnen machen, desto schwieriger gestalten sie die Lage der letzteren in der Heimat; sie bewirken genau dasselbe wie die deutschen Antisemiten: sie rechtfertigen die Ausnahmegesetzgebung und den Pogrom, sie schüren den Haß der christlichen Bevölkerung gegen die Juden und fördern dadurch nur die Auswanderung nach dem Westen! — Schließlich können aber die Waffen, welche sie gegen ihre ostjüdischen Glaubensgenossen schmieden, sich leicht gegen sie selber wenden. Indessen müßte man sich die Frage vorlegen, ob man mit dieser systematischen, nach allen Regeln der Kunst betriebenen Ostjudenhetze dem deutschen

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