Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1916-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1916) · p. Seite 313 - 314

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1916)
Article
Zum inneren Streit
Date
1916-08-01
Page
Seite 313 - 314 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2584060-2584066-2597421--16289-2597460
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

313 Die Legende vom gelben Schein und Anderes. 314 Wilhelm Wachtel Innetischmuck einer Synagoge Wien für die jüdischen Leser zureichend zu motivieren, wurde die Bedrohung mit der Ausweisung eingefügt, zugleich der Vorgang gemildert, indem das Mädchen sich nicht wirklich der Prostitution ergibt, sondern nur den Schein wählt, noch dazu, um einen idealen Zweck zu verwirklichen. In einer anderen, ebenso faden Novelle gerät während des japanischen Krieges die Frau eines einberufenen jüdischen Soldaten in die tiefste Not, ihr Kind erkrankt schwer und die Polizeidroht, sie auszuweisen, da sie infolge der Abwesenheit ihres zu den Waffen einberufenen Mannes das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons verloren hat. Soweit entspricht alles der Wirklichkeit: auch in diesem Kriege ist ja ähnliches häufig vorgekommen. Nun beginnt die licentia poetica. Die Frau läßt sich in ihrer Seelenangst bestimmen, einen gelben Schein in Empfang zu nehmen, um nur der Ausweisung zu entgehen, aber in ihr armseliges Heim zurückgekehrt, findet sie das Kind tot, und verfällt in geistige Umnachtung. Das Problem wird auch hier sehr ungeschickt, aber furchtbar tragisch behandelt. — Bis Kriegsausbruch empfanden die englischen Blätter (bis 1910 auch die Times), ebenso wie seither die Kölnische Zeitung, das den russischen Juden angetane Unrecht sehr schmerzlich. Also brachte eine Londoner Wochenschrift einmal einen Bericht aus Petersburg, wonach dort ein Londoner mit einem russischen Bekannten auf einem Spaziergang einem Geschwisterpaar begegnet, das „sehr jüdisch aussieht''. Auf die verwunderte Frage des Londoner, ob denn Juden in Petersburg wohnen dürfen, klärt ihn der andere auf, daß der junge Mann wahrscheinlich getauft sei, seine Schwester aber einen gelben Schein genommen haben müsse. Aus diesen Quellen floß die Legende von den jüdischen Studentinnen mit dem gelben Schein. Auf dem Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels, der in London 1910 abgehalten wurde, brachte der dortige Chief Rabbi die Angelegenheit zur Sprache. Der Vertreter der russischen Regierung verwies das Ganze in das Reich der Fabel — ohne übrigens die Entrechtung der Juden in Abrede zu stellen. Die Sache wurde, wie gesagt, in der Duma zur Rede gebracht, aber die jüdischen Zeitungen Rußlands betonten, daß die nackte Wahrheit über die Lage der Juden schon erschütternd genug ist, und kein Bedürfnis besteht, zu übertreiben und zu erdichten. Aber keinem von all denen, die diese Geschichten im guten Glauben wiederholten, ist es eingefallen, daraus auf die Verworfenheit der jüdischen Studentinnen zu schließen. Man bedauerte nur aufs tiefste die angeblichen Opfer, die aus Drang nach Wissen und Bildung zum Schein sich erniedrigen und Schmach auf sich laden müssen, ohne in ihrer wirklichen Ehre Schaden zu nehmen, ohne daß die Reinheit ihres Lebenswandels befleckt wird. Ihre Handlungsweise hatte einen Zug von Tragik, konnte Grauen, vielleicht sogar Bewunderung, aber bei keinem vernünftigen und billig denkenden Menschen Empörung erregen. Selbst jene Rigoristen, die es als verwerflich verdammten, daß sehr reiche Männer den russischen Behörden gegenüber zum Schein das Christentum annahmen, indem sie für einige Rubel beim Popen einen Taufschein erstanden, nur um in Rußland ungehindert wohnen und glänzende Geschäfte machen zu können; — selbst jene anderen Rigoristen, die es als höchst verwerflich verdammen, daß reiche Jüdinnen sich um ihres Geldes willen von herabgekommenen Adligen heiraten lassen, um dann von dem Gatten mißhandelt und von dessen Familie verachtet zu werden, selbst jene Rigoristen, die eine derartige Ehe als „legale Prostitution" brandmarken, konnten sich nicht entschließen, auf ein Wilhelm Wachtel Wien Innenraum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.