Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Religion und Kunst
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 307 - 308 (sequence 4)
- Language
- German
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307 Religion und Kunst. 308 denen ihr Gott die Fähigkeit gab zu sagen, was ihr Herz erfüllte. Nur deshalb, weil die Bibel in künstlerischen Formen zu uns redet, in Gleichnissen und Bildern, in denen das leidenschaftliche und starke Leben der Empfindung fühlbar ist, vermag sie auch menschliche Seelen zu ergreifen und zu formen, lebendige Frömmigkeit zu wecken. Daß aber in den Propheten religiöses Genie und künstlerische Kraft verbunden sind, ist keineswegs selbstverständlich, sondern gehört zu den Rätseln und Geheimnissen der jüdischen Geschichte. So eng verbunden "uns demnach Religion und Kunst erscheinen, die Religion dazu verurteilt wäre stumm zu sein, oder in unverständlichen Lauten zu stammeln, wenn die Kunst ihr nicht die Kraft der Rede leihen würde, so besteht doch zwischen der Welt des. Glaubens und dem Reich des Schönen ein noch innigerer Zusammenhang. Nicht nur das Werkzeug ist die Kunst, dessen sich der religiöse Mensch bedient, um den Reich- Wilhelm Wachtel Bildnis des Herrn S. Schiller, Direktors des Tüdischen Gymnasiums in Jerusalem tum und die Fülle seiner Seele zu entfalten, um auszusprechen, was er empfindet. In den Religionen des Heidentums und nicht minder stark im biblischen Judentum vernehmen wir die Sprache eines außerordentlich tiefen religiösen Naturgefühls. „,Wie groß, o Ewiger, sind deine Werke." „Die Himmel rühmen die Ehre Gottes.'1 Versucht man diese eigenartige religiöse Empfindung zu analysieren, so ergibt sich, daß hier weder eine rein ästhetische Empfindung vorhanden ist, noch eine rein religiöse. Die Freude, die eine künstlerische Naturbetrachtung in uns weckt, braucht nicht religiöser Art zu sein, ebensowenig, wie das Gefühl der Ehrfurcht, des andachtsvollen Ergriffenseins ästhetischer Eindrücke bedarf, um zu entstehen. Im religiösen Naturgefühl verschmelzen vielmehr ästhetisches und religiöses Fühlen, mit der Freude über die Schönheit der Natur verbindet sich die Scheu vor dem Geheimnis ihres Lebens und die Ehrfurcht vor ihrer Größe und Schöpferkraft. Demnach ist in allen Naturreligionen des Heidentums und auch im biblischen Judentum das Naturschöne ein Element des religiösen Lebens, ebenso, wie in den ethischen Religionen das Sittliche ihren wertvollsten Teil bildet. Nicht nur Ausdrucksmittel ist das schöpferische ästhetische Gefühl dem Glauben, sondern das religiöse Naturgefühl baut selbst die Welt des Glaubens auf. Die künstlerische Phantasie des religiösen Menschen verwandelt die Naturerscheinungen in lebendige, höhere Wesen, verleiht ihnen Charakter und Gestalt. Trotz dieser innigen Verbindung bleibt aber der wesentliche Unterschied zwischen Religion und Kunst bestehen. Religion ist Weltanschauung, Kunst aber will nicht lehren, Ueberzeugungen verbreiten, sondern formen und gestalten. Ebensowenig, wie die Religion reine Stimmung ist, ist Stimmung an sich bereits Kunst. Nicht darin finden wir das ästhetische Moment der Bibel, daß in den Psalmen die Sehnsucht der Menschenseele spricht und die ganze Skala menschlicher Empfindungen anklingt, sondern alle diese tiefen und reinen Stimmungen sind für die Kunst nur der Stoff, den sie gestaltet. Sie hat zur Welt des Glaubens keine größere Nähe, als zu irgendeinem anderen Teil der Wirklichkeit. Ihre Leidenschaft ist, die Welt abzubilden und zu gestalten, ohne daß sie mit irgendeinem Stoff sich identifiziert. Weder Erkenntnis, noch Gefühl ist Kunst, sondern Gestaltungskraft, schöpferisches Formgefühl. Wenn der Künstler aber Wirklichkeit darstellen und gestalten Wien