Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Religion und Kunst
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 305 - 306 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584060-2584066-2597416--16276-2597456- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
305 Religion und Kunst. 306 nicht beachtet, übersieht, daß Religion Weltanschauung ist, ignoriert die an Kants Religionsphilosophie anknüpfende Theorie die Eigenart der religiösen Erkenntnis. So unbestreitbar die Wahrheit mathematischer Lehrsätze sein mag, religiösen Charakter wird ihnen niemand zuerkennen. Demnach ist Wahrheit noch nicht das entscheidende und charakteristische Merkmal der religiösen Lehren. Was sie von den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Forschung unterscheidet, das sind die spezifisch religiösen Empfindungen der Ehrfurcht, der Zuversicht, des demutsvollen Hingegebenseins, die mit ihnen unlösbar verbunden sind. Der Forscher, der ein Naturgesetz entdeckt, eine unbekannte Tatsache feststellt, bleibt in seiner Seele vollkommen unbewegt, es sei denn, daß seine Erkenntnis die Dunkelheit des Menschenschicksals aufhellt, oder die Freude des Entdeckens für die Mühe selbstloser Arbeit ihn entschädigt. Je mehr eine Erkenntnis von dem Gefühlsleben des Forschers losgelöst ist, desto höher ist ihr wissenschaftlicher Wert. Ein Mensch aber, der seinen Gott gefunden hat, wird von dieser Erkenntnis bis in die letzte Tiefe seiner Seele ergriffen und umgestaltet. Die wunschlose Seeligkeit und der Friede eines gotterfüllten Herzens sind von wahrhafter A!-,:■ "."0•■' \.::vt \'/^;; ' : , / ■'. < ' « ■ ■ , \ ' V* . : ' ü :;*p ^'"^'••VV'' :;;,¥ '(''{ , «-^Sä^r^ />*i'Ä'**'Jk' i & <£>.?'{■'' :- . .': - V >* '*VSM* P'U: '* Wilhelm Wachtel Gotterkenntnis gar nicht loszulösen. «Wenn ich dich, o Ewiger, nur habe, dann frage ich nicht nach Himmel und Erde." Solange das Dasein Gottes nur zugegeben, aber nicht erlebt, die Wahrheit der religiösen Lehren nur vom Verstand erkannt, aber nicht aus eigenem Erleben gewonnen und empfunden ist, ist metaphysische Ueberzeugung, aber keine Religion vorhanden. Weil die Religion aber nicht ein System verstandesmäßiger Gedanken, nüchterner, gefühlloser Erkenntnis, sondern eine Welt wogender Empfindungen, erlebter Wahrheit ist, strömt die Erregung der bewegten Seele in den Rythmen künstlerischer Formen aus. Es ist kein Zufall, daß die Propheten und Psalmisten in dichterischer Sprache reden, sondern die Glut und Innigkeit ihres religiösen Fühlens, der Ueberschwang und die ekstatische Steigerung ihrer Seele verlangen nach einer das Alltägliche überragenden, stilisierten, künstlerischen Form. Nicht die Kunst also hat sich der Religion bemächtigt, sondern die Religion bedarf des Künstlers, der ihren Gedanken und Empfindungen den angemessenen und vollen Ausdruck gibt. Demnach haben wir in unseren Propheten nicht nur die Schöpfer religiöser Erkenntnis zu verehren, sondern auch die begnadeten Künstler, Heimweh Wien