Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Religion und Kunst
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 309 - 310 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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309 Religion und Kunst. 310 den Qehalt der Dinge anschaulich machen soll, dann muß sein Blick in das Innere der Welt dringen, die Fähigkeit ihm eigen sein, das Wesen der Erscheinungen zu erfassen. Erkenntnis der Wirklichkeit ist darum unerläßliche Vorbedingung aller Kunst. Nur ist die Art des künstlerischen Denkens von der des wissenschaftlichen Forschens deutlich unterschieden. Der Künstler denkt in Anschauungen und Bildern und nicht, wie der wissenschaftliche Forscher in Begriffen. Eben deshalb aber, weil die Wirklichkeit nicht nur dem begrifflichen Denken sich erschließt, sondern auch dem anschaulichen Denken, der Intuition des Künstlers, darum kann die Religion trotz ihrer künstlerischen Form in ihrer Bildersprache Welterkenntnis, Wahrheit bieten, ohne sich in Träumerei, in spielerisches Bilden, phantastisches Formen von Illusionen zu verlieren. Für die Kunst ist aller Inhalt nur Stoff, den sie gestaltet. Für die Religion aber ist nicht die künstlerische Form das Entscheidende und Wertvolle, sondern dieWahrheit, die sie lehrt, die in künstlerischerGestalt erscheint. Daher ist es auch durchaus berechtigt und notwendig, daß man den Lehrgehalt des Glaubens nach den strengen Gesetzen wissenschaftlichen Denkens prüft, die Religion auf die Wahrheit ihrer Lehren untersucht. Nur ist diese Prüfung, diese wissenschaftliche Untersuchung der Religion nicht selbst schon Religion, sondern Religionsphilosophie, und man darf aus der Tatsache, daß die Kritik des Glaubens vom Denken allein zu leisten ist und nach den Normen des Verstandes sich vollzieht, nicht den falschen Schluß ziehen, daß die Religion, an der die kritische Arbeit des Verstandes vorgenommen wird, selbst verstandesmäßiger Art ist, ihren Ursprung im Denken hat. Die Religion strömt aus den tiefen Quellen des Gefühls, der religiöse Mensch erfaßt das Dasein Gottes nicht mit der Kraft des Denkens, sondern mit der Glut des Herzens, und je stärker sein Gefühl ist, desto sicherer und gewisser ist ihm die Wahrheit seines Glaubens. Daher bleibt auch die natürliche, organische Form der Religion Wilhelm Wachtel Bildnis Wien die künstlerische Sprache der Phantasie. Aller Fortschritt wissenschaftlichen Denkens vermag diese Grundbedingung der Religion nicht zu verwandeln. 'Nur eines ist zuzugeben. Je weiter die wissenschaftliche Schulung des menschlichen Denkens sich entwickelt, desto größer wird das Bedürfnis, die Bildersprache der Religion in die Begriffssprache der Wissenschaft zu übersetzen, aber nicht in der Absicht, sie dadurch zu ersetzen, sondern, um die Wahrheit der Religion mit dem einzig möglichen Werkzeug, dem Instrument wissenschaftlicher Kritik zu prüfen. Solange die Religion frisch und lebendig bleibt, das religiöse Fühlen sich in ungebrochener Kraft erhält, bleiben Religion und Kunst unlösbar verknüpft.