Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Religion und Kunst
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 303 - 304 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584060-2584066-2597416--16275-2597455- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
303 Whgion iHid Kanst. 304 liehen Verhältnis zwischen Religion und Kunst verlangt zu ihrer Lösung die Untersuchung darüber, worin das Wesen der Religion und Kunst zu finden ist. Zwei religionsphiloso - phische Theorieen kämpfen noch heute miteinander. Die eine, die von Schleiermacher begründet ist, betont den gefühlsmäßigen Charakter aller Religion, erblickt im Glauben nicht einSystem von Erkenntnissen und Ueberzeugungen, sondern eine besondere Art menschlichen Empfindens. Ihr verwandelt sich alle Religion in Stimmung, in ein eigenartiges Lebensgefühl, in dem die Menschenseele auf den tausendfältien Ruf des Lebens Antwort gibt. Die andere, an die Kantische Philosophie anknüpf ende Theorie weist hingegen auf den rationalen Charakter der religiösen Lehren hin, auf die Welterkenntnis, die der Glaube bietet, sie bestreitet den gefühlsmäßigen Ursprung und Charakter der Religion und behauptet: Religion will Wahrheit lehren, Wahrheit wird aber nur durch Denken, durch die rastlose Tätigkeit des Intellekts gefunden. Demnach unterliegt die Religion nicht den ästhetischen Gesetzen des Gefühls, sondern dem Gesetz der Logik. Beide Theorieen scheinen mir einseitig und daher falsch zu sein. Gegenüber der romantischen Verschwommenheit der Schleiermacherschen Auffassung ist darauf hinzuweisen, daß die religiösen Stimmungen der Andacht, des Vertrauens, das Gefühl des Geborgenseins nicht unvermittelt auftreten und nicht unbegründet sind, sondern auf Wilhelm Wachtel dem Grunde einer sicheren Welterkenntnis ruhen. Ohne die Ueberzeugung, daß im Menschenschicksal der gerechte und barmherzige Wille Gottes waltet, in allem Leben, das uns umgibt, die unendliche Schöpferkraft eines heiligen Wesens zur Offenbarung kommt, kann auch die Stimmung nicht entstehen, die in den Worten liegt: wIn deine Hand befehle ich meinen Geist, du erlösest mich, Gottder Wahrheit." Wohl überwältigt die Natur den Menschen, auch ohne daß er reflektiert, und zwingt ihn, das Knie zu beugen vor ihrer Größe, doch ruht nicht in dem Gefühl der Ehrfurcht vor der Natur zugleich auch die mehr, oder weniger deutliche Erkenntnis ihrer Hoheit und ihrer unentrinnbaren Macht? Die Religion in reine Stimmung auflösen und verflüchtigen, die Lehrsätze des Glaubens nur als äußerliche und wandelbare Einkleidung religiöser Empfindungen betrachten, heißt den Glauben seiner Würde und seiner Kraft berauben, ihn der Willkür des subjektiven Gefühls ausliefern. Ohne die sichere Gewißheit von der unbedingten Wahrheit seiner Lehren, der absoluten Geltung seiner Ideale und Gesetze vermag der Glaube weder in der Not des Lebenskampfes zu stärken, noch in der Wirrnis der Menschenseele zu leiten und zu erziehen, ist sein Anspruch auf Anerkennung seiner Herrschaft vollkommen sinnlos. Ebenso aber, wie die Schleiermachersche Religionsauffassung den Wahrheitsgehalt des Glaubens Marschallstraß s in Warschau Wien