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Ost und West · 1916-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1916) · p. Seite 295 - 296

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1916)
Article
Politik und Moral
Date
1916-08-01
Page
Seite 295 - 296 (sequence 6)
Language
German
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295 Politik und Moral. 296 befindliche Gesamtsumme der Inbegrift eines Volkstums ausmacht. Wenn ein Volk im Verlaufe der Geschichte ausgestorben ist, so ist das nicht in der Weise geschehen, daß alle seine Individuen aufgehört haben, zu leben. Solches ist nur im Bereiche der Naturvölker infolge geologischer oder kosmischer Katastrophen vorgekommen; in den Urzeiten sind wohl auch kleine Stämme von stärkeren und zahlreicheren ausgerottet worden. Im Bereiche der Kultur stirbt ein Volk nur in der Weise, daß seine Mitglieder ihr Volkstum aufgeben und ein anderes annehmen. Die nationalen Lebensformen, Ueberlieferungen, Arten der Gottesverehrung, Ausdrucksweisen des Gefühls, die Gestaltungsformen des äußeren Daseins durch Kunst, Wirtschaft und Politik, kurz, alles,, was den Inhalt des Nationalbewußtseins ausmacht, wird stückweis abgestreift und durch anderes ersetzt. Das geschieht natürlich nicht auf einmal, häufig nicht einmal bewußt, sondern durch einige Generationen, schrittweise. Wenn der Prozeß vollendet, ist ein Volk vom Erdboden verschwunden. Obgleich das immer ein Zersetzungsprozeß ist, können sich die einzelnen, ihm unterliegenden Individuen dabei sehr wohl befinden. Manchmal sind sie in eine höhere Kultur friedlich hineingewachsen. Häufig tritt das ein, nachdem ein Staatswesen von einer Katastrophe ereilt worden ist. Der Staat ist das Haus, welches ein Volk sich erbaut, um darin zu leben und dem inneren Gesetz seiner Kräfte gemäß sich zu entwickeln. Manche Völker sind, wie gewisse Familien nicht imstande, ihr Haus auch mit kostbaren Schätzen aus eigenen Mitteln zu füllen. Wird das Haus durch fremde Macht zerstört oder zerfällt es von innen, so bleiben sie nicht nur obdachlos, sondern völlig ohne Besitz, sie haben nichts mehr, wofür sie leben, was sie konservieren könnten und auch das Bedürfnis, das Haus von neuem zu bauen, erlischt allmählig, da sie doch nichts haben, womit sie es aus eigener Kraft wohnlich einrichten und schmücken könnten. Andere Völker dagegen haben in ihrem bescheidenen, gar nicht widerstandsfähig aufgebauten Hause eine so große Menge kostbarer Schätze eigenen Erzeugnisses angehäuft, daß die Arbeit an diesen, ihre Pflege und Behütung die meiste Kraft aufzehrt und der Ausbau und die Befestigung des Hauses vernachlässigt wird. Aber ist ein solches Haus zerstört worden, so zieht, das nicht den Untergang der Bewohnerschaft nach sich. Umgekehrt, sie wird einen reichen und köstlichen Besitz zu retten und in Sicherheit zu bringen haben, das kann an sie größere und kompliziertere Aufgaben stellen als vorhin und höhere Kräfte in ihr wecken, sie entwickelt einen neuen nationalen Lebensstil, neue Schutzformen des Daseins. Und immerfort werden noch die fernen Nachkommen die Zeit und die Möglichkeit ersehnen und erhoffen, sich von neuem ein Haus zu erbauen und in seinem Gehege das alte volle Leben unter neuen Bedingungen wieder aufzunehmen. Und es kann geschehen, daß sie das erreichen, während der übermächtige Feind, der ehemals ihre Wohnstätte zerstört hat, längst vom Erdboden verschwunden ist, ohne tiefere Spuren zu hinterlassen. Die Geschichte der antiken Völker und Reiche: der Phönizier, Aegypter, Babylonier, Assyrer, Perser, Juden, Griechen, Karthager und Römer, sowie namentlich der kleinasiatischen Staaten bietet eine reiche Fülle von Beispielen für die eine wie die andere Art. Die Geschichte bietet aber auch Beispiele, daß ein Volk mit einer fremden höheren Kultur in Berührung kam und ohne die Kraft zu besitzen, sich ihren besten Kern anzueignen und ihn auf selbständige Weise weiterzuentwickeln, von ihr so geblendet wurde, daß es, von der Minderwertigkeit seiner eigenen geistigen Erzeugnisse durchdrungen, sein eigenes Wesen nach und nach aufgab und sich schließlich ganz verlor. Man kann das einen friedlichen, beinahe einen natürlichen Völkertod nennen. Anders sieht der gewaltsame Völkermord aus. Beim kriegerischen Zusammenstoß zweier Völker braucht das unterliegende durchaus nicht das kulturell niedriger stehende zu sein. Innerer Streit oder eine im Verlaufe jeder Entwicklung zuweilen eintretende, at>er vorübergehende Periode der Kraftabnahme oder dergleichen können auch ein sehr hochstehendes, edles und reichbegabtes Volk im Gang der weltgeschichtlichen Kombinationen in einen Zustand der Schwäche und der Wehrlosigkeit versetzen, dann kann es kommen, daß ein solches Volk von einem tieferstehenden, geistig minderwertigen, aber an Zahl, physischer Kraft, materiellen Mitteln und — Brutalität überlegenen Feind, zumal wenn ihm gleichgesinnte Bundesgenossen beistehen, niedergezwungen wird. Um seine (Herrschaft zu befestigen, wird der Sieger einen Kampf gegen das Volkstum des Besiegten anfangen, um es auszutilgen. In einem solchen Moment tritt an ein Volk die Schicksalsfrage heran: leben oder untergehen? Die Geschichte hat uns gelehrt, wie ein Volk, das Lebenskraft besitzt, von dem Bewußtsein seines Wertes und seiner Daseinsberechtigung durchdrungen ist, auf diese Frage antwortet. Welches Interesse hat nun an einem solchen Kampfe das Menschengeschlecht oder die Völkerfamilie, die zu dem Kulturkreis gehört, innerhalb dessen sich das Ringen zweier Völker abspielt? Die Antwort muß lauten: In jedem Falle, auch wenn beide Gegner kulturell vollkommen gleichwertig sind — was wohl nie ganz: zutreffen kann —, steht das allgemeine Interesse auf Seiten des unterliegenden schwächeren Teils, der sich gegen die Ausrottung seiner Eigenart wehrt und ihr Verschwinden hindern will. Denn jedes Volk, das seinen überkommenen und erarbeiteten Eigenbesitz an Kulturgütern verteidigt und sich die Möglichkeit des selbständigen Schaffens

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