Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Politik und Moral
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 293 - 294 (sequence 5)
- Language
- German
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293 Politik und Moral. 2Q4 Synagoge in Rozany (Litauen) von der christlichen Bevölkerung gestürmt. Seit zwei Jahren schwebte eine Ritualmordanklage gegen die Juden, die der polnische Gutsherr immer von neuem gegen die Wut des Pöbels zu schützen suchte. Jetzt aber ließ sich das Volk nicht länger zähmen — in jener Zeit wütete der Ritualmordaberglaube mit besonderer Heftigkeit und forderte überall zahlreiche Opfer — und verlangte, daß die beim Gottesdienst versammelten Juden die „Schuldigen" herausgeben sollten, widrigenfalls alle hingeschlachtet würden. Da es natürlich keine Schuldigen gab, beschloß die Gemeinde, das Los zu werfen, die Ausgelosten sollten als angeblich Schuldige dem Gericht übergeben werden. Da erhoben sich zwei der ältesten und angesehensten Mitglieder der Gemeinde, Rabbi Israel und Rabbi Tobia mit Namen, und erklärten sich bereit, für die Gemeinde zu sterben. Sie wurden am folgenden Tage nach dem Gottesdienst dem Gericht übergeben und acht Tage darauf, am Jörn Kippur, auf öffentlichem Markt lebendigen Leibes verbrannt. Eine von dem Sohn des ersten der beiden Märtyerer, Simon, verfaßte Elegie auf dieses Ereignis wird bis auf den heutigen Tag in der Sakheimsc'hen Synagoge zu Rozany an jedem Jörn Kippur gesungen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß weder diese beiden Opfer noch ihre Zeitgenossen (ebensowenig wie wir Heutigen) das Bewußtsein hatten, daß sie ihre Individualität durch die Hingabe des Lebens vernichtet haben. * * * Gleichwie dem Individuum die Volksgemeinschaft, so steht dem Volke die Menschheit, oder richtiger, die sie verkörpernde Völkergemeinschaft als nächst höhere Einheit gegenüber. Der Einzelmensch arbeitet und schafft gemeinhin lediglich seinem Selbsterhaltungstrieb, seinem Glücksbedürfnis und seinem Betätigungsdrang folgend. Aber in den Früchten seiner Arbeit sind zwei Elemente enthalten : das eine genießt er selbst und die engste mit ihm biologisch verbundene Gruppe, das andere kommt der Allgemeinheit, dem Volk, dem Vaterland zugute. Noch in der Arbeit des bescheidensten Tagelöhners und Bauern ist dieses andere Element enthalten. Aber je höher der Mensch geistig steht, je edler und bedeutsamer die Kraft ist, die ihm gegeben ward, desto mehr überwiegt das andere Element das erstere. In der Arbeit der großen Bahnbrecher und Organisatoren des wirtschaftlichen, staatlichen, wissenschaftlichen, künstlerischen und religiösen Lebens steigt der Wert des anderen Elements so hoch, daß das erstere dagegen fast ganz verschwindet. Von den Früchten solcher Arbeit leben die Jahrhunderte. Das gleiche gilt von den Völkern. Kein Völkchen war so klein, daß es nicht eine Spur seines Daseins im geistigen Besitz der Menschheit hinterlassen hat — insofern nur der Haufe aus dem Urzustand zum Rang eines Volkes mit einem Eigenleben und einer ausgesprochenen geistigen Physiognomie sich erhoben hat. Aber auch die großen Völker, deren Kultur Besitztum der ganzen Welt geworden ist, arbeiteten nicht mit Vorbedacht für die ganze Welt, sondern nur für sich allein, für ihre Volksindividualität, deren Leben sie so reich, glücklich und mannigfaltig zu gestalten strebten, als es in ihrer Kraft lag. Erst als ihre Entwicklung eine beträchtliche Höhe erreicht hatte, fingen sie an, über sich nachzudenken und ihre Schöpfung und Art mit denen der anderen zu vergleichen, und dann wurde ihnen wohl klar, daß sie in ihrer Art etwas Einziges geleistet haben, welches die anderen überragt und an dem diese sich wohl ein Muster nehmen werden. Das kam ihnen auf zweifache Weise zum Bewußtsein. Zunächst erfüllte es sie mit großem Selbstgefühl, bisweilen auch mit Hochmut, sodann aber gab es ihnen das Gefühl der Pflicht, das Errungene festzuhalten, zu entwickeln, zu mehren, zu verteidigen, mitunter aber auch es anderen mit Gewalt aufzudrängen. Auf der nächst höheren Stufe kommt ihnen aber schon die Erkenntnis von dem Wert der fremden Eigenart zum Bewußtsein, und sie werden inne, daß das fremde Volkswesen ebenfalls daseinsberechtigt ist, und daß die Erde für alle Raum hat. Einem sehr hochentwickelten Volke wird es sogar klar, daß das fremde Volkstum für sein eigenes Dasein unentbehrlich ist, indem es durch jenes ergänzt wird, und aus dessen Arbeit die Mittel zu einem volleren, reicheren Dasein schöpft. Dann kann sich wohl der Kampf ums Dasein zwischen den Völkern zu einem Wetteifer verwandeln, zu dem gemeinsamen Streben nach höheren Zielen. Ist ein Volk im Verlauf seiner Geschichte genötigt, sein Dasein gegen ein anderes zu verteidigen, so kämpft es, meist unbewußt freilich, für ein Gut, welches der Gesamtmenschheit wertvoll ist. Die Hellenen haben gegen die Perser, die Juden gegen die Syrer nicht nur ihr Volkstum, sondern höchste Welt-Werte vor der Vernichtung .gerettet, ohne welche die heutige Kultur nicht denkbar wäre. Wie verhält es sich aber mit dem Sterben der Völker? Hier ist jede Analogie zwischen Individuum und Volk eine Täuschung. Der Mensch ist eine organische, biologische, das Volk eine überorganische Einheit. Die Zellen des Organismus erleiden den endgültigen physischen Tod und das Individuum lebt höchstens in seinen Nachkommen fort, die ihm freilich sehr änlich, aber mit ihm nicht identisch sind. Ein Volk erneuert sich immer wieder in der Abfolge der Generationen, und diese erben, bewahren und entwickeln den Besitz an Traditionen, Einrichtungen, Vorstellungen, Lebensweisen, Handlungsarten und Willensrichtungen, deren in stetem Fluß