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Ost und West · 1916-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1916) · p. Seite 297 - 298

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1916)
Article
Politik und Moral
Date
1916-08-01
Page
Seite 297 - 298 (sequence 7)
Language
German
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297 Politik und Moral. 298 gegen einen Unterdrücker wahren will, verteidigt einen Teil des Gemeinbesitzes des gesamten Menschengeschlechtes, will verhüten, daß ein Mitarbeiter an dem großen Werk des menschlichen Fortschrittes und der menschlichen Entwicklung, der auf seinem Platz, und sei er noch so bescheiden, zu Nutz und Frommen rfes Ganzen schafft, in seiner Kraft gelähmt und schließlich ertötet werde, nur um die Machtgelüste eines robusteren Gegners zu befriedigen. Außerdem hat jedes einzelne Volk im , besonderen ein Interesse daran, daß der brutalen Gewalt eine Schranke gesetzt werde. Jedes Volk, und stünde es im gegebenen Moment noch so unangreifbar da, muß bedenken, daß auch ihm einmal ein Gegner erwachsen kann, der es an Stärke überragt, und zu bezwingen droht; auch das mächtigste Volk ist an irgendeiner Stelle, zu irgendeiner Stunde schwach und verwundbar. Daraus folgt, daß die ethische Forderung der Allgemeinheit an ein Volk unter keinen Umständen lauten kann: nimm freiwillig für uns den Untergang auf dich, — sondern umgekehrt: leb' und behaupte dich, der übermächtigen Gewalt zum Trotz! Und in solchen Momenten ergeht der Befehl der Allgemeinheit an die einzelnen Söhne des Volkes, zu sterben, um ihrem Volke zum Leben zu verhelfen und so der Allgemeinheit zu dienen. Es gibt unter den edleren Kulturvölkern keines, dessen Söhne in solchen Lagen nicht die geforderten Opfer brachten. Jene 25 Juden und zwei Jüdinnen von Sternberg, weswegen zogen sie es, gleich ihren unzählbaren Vorgängern und Nachfolgern, vor, den denkbar qualvollsten Tod zu erleiden, anstatt abtrünnig zu werden? In ihrem Innern hörte jeder von ihnen die Stimme der jüdischen Gemeinschaft, aller vergangenen und aller kommenden Geschlechter, die ihnen befahl, vor der Welt Zeugenschaft abzulegen, daß das jüdische Bekenntnis, die besondere jüdische Art, das Verhältnis der Menschen zur Gottheit aufzufassen, ihnen mehr wert ist, als das Leben. Dieselbe Stimme befahl den beiden Juden von Rozany, für die Gemeinde, für die sie ihrem Range und ihrem Alter nach die Verantwortlichkeit trugen, diese Verantwortlichkeit mit dem Tod zu besiegeln. Allein, das Sterben war nur die äußerste, die verzweifelte Form des fortwährenden Opferdienstes und der unablässigen Arbeit für die Gemeinschaft, die im Namen der Ethik von dem Individuum gefordert wird. In manchen Fällen ist es ja schon mit schweren Opfern verbunden, sich zu seinem Volke zu bekennen. Das erleben jetzt die Deutschen in Amerika, welche Haß, Verfolgung, Verleumdung und Spott willig ertragen, um nur ihrer lieben alten Heimat die Treue zu bewahren. Es existiert also kein Wesensunterschied in der Reichweite der moralischen Forderung an den Einzelmenschen und jener an ein Volk. An den einen wie an das andere ergeht der Befehl, sich voll zu behaupten, sein Ich kräftig zu entfalten und durchzusetzen. Während indessen beim Einzelmenschen diese Selbstbehauptung mitunter zur Bedingung haben kann, daß das Häuflein Knochen, Muskeln, Fett und Blut, in welchem sein Ich irdisch in die Erscheinung tritt, hingeopfert wird, kann dieser Fall bei einem Volke nie eintreten. Ist Hingabe die höchste Forderung des Altruismus, so ist es Unsinn, diese Hingabe als Selbstvernichtung zu verstehen. Dann aber können Völker der Forderung des Altruismus ebenso genügen wie Individuen, und sie genügen ihr tatsächlich. Indessen wird uns eine weitere Untersuchung lehren, daß die Ursache der ganzen moralischen Misere nicht darin besteht, daß die Völker in der Politik gegeneinander keinen Altruismus, sondern darin, daß sie keine Gerechtigkeit gegeneinander üben. Die landläufige Meinung stellt den Altruismus höher als die Grechtigkeit. Man möchte der Politik zurufen: Wenn du doch wenigstens gerecht wärest! Auf deinen Altruismus könnten wir verzichten.

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