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Ost und West · 1916-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1916) · p. Seite 291 - 292

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1916)
Article
Politik und Moral
Date
1916-08-01
Page
Seite 291 - 292 (sequence 4)
Language
German
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291 Politik und Moral. 292 loser, ungetrübter Ruhe. Dagegen „kann eine Stunde Lebens mehr Schmerz und Tragik enthalten, als ein zehnfacher Tod". Wäre der Tod das letzte und äußerste, was die Allgemeinheit vom Individuum im Namen der Ethik fordert, so könnte man demnach durchaus nicht behaupten, daß sie sich für berechtigt halte, von ihm das höchste Opfer zu fordern. Aber sie fordert mehr: nämlich das Leben, die Arbeit und alle schweren, mit diesen Funktionen verbundenen Leiden und Qualen, als da sind: Entsagung, Anspannung aller Kräfte, das Ertragen eines freudlosen Daseins voll hoffnungsloser Mühen, fehlgeschlagener Pläne. Zu diesen unabwendbaren Begleiterscheinungein des Lebens und der Arbeit kann allerdings unter Umständen auch ein bißchen Sterben gehören, das man mit in den Kauf nehmen muß. Und da tritt an den Menschen die Forderung heran, das rein ^animalische Gefühl des Abscheus und der Furcht vor dem Tode zu überwinden und sich seine Leistung dadurch nicht verpfuschen zu lassen. Der Tod, den die Ethik unter Umständen vom Individuum fordert, ist also nur eine zufällige Bedingung seines Lebens und seiner Arbeit, nicht aber das höchste Opfer, das er auf dem Altar der Allgemeinheit oder der Idee zu bringen hat. Allein ein noch schwererer Irrtum wäre es, zu meinen, daß dieser Tod, diese Hingabe, einer Selbstvernichtung des Individuums gleichkomme. Im Gegenteil, sie bedeutet den Gipfel der Selbstbehauptung, die trotzigste Ueberwindung der Welt. Der Mensch ist im Kampfe für seine Arbeit und sein Leben in einen Widerspruch mit der Welt geraten, die Hindernisse, welche diese ihm entgegensetzt, sind so stark, daß ihm nur übrig bleibt, entweder auf das, was ihm das teuerste ist, was den köstlichsten und höchsten Inhalt seiner Persönlichkeit ausmacht, nämlich die Verwirklichung seiner Ideale, die Betätigung seines Bekenntnisses, zu verzichten und weiter zu leben — oder aber auf das Leben zu verzichten. Er verzichtet auf letzteres, da dieses für ihn ohne die ersteren keinen Wert hat. Er hat sich stärker erwiesen, als die Welt, welche ihm das bißchen irdische Leben hinieden als den Kaufpreis für seine höchsten Güter bot; oder: es droht der Gemeinschaft, die ihm heilig ist, oder Menschen, die ihm teuer sind, der Untergang; der Gedanke, daß sie vom Erdboden verschwinden, ist ihm unerträglich, sein Leben hätte nachher keinen Wert mehr für ihn, es wäre des besten Inhalts, des schönsten Schmucks beraubt, es wäre ein bloßes Vegetieren, es würde sich wie ein wüster, leerer Traum hinschleppen. Das fühlt er; er braucht sich das nicht erst diskursiv verstandesmäßig auseinanderzusetzen, sein gesunder Instinkt zeigt ihm die zermalmende Vision eines solchen öden, verwaisten Lebens, das sich wie ein endloser Weg durch eine kahle, ausgedörrte Einöde hinzieht. In einem Augenblick ist sein Entschluß gefaßt: er zieht es vor, auf sein Leben zu verzichten, um die anderen Menschen oder das Gemeinwesen zu retten. Es ist dabei vollkommen gleichgültig, wie ein Außenstehender die Güter oder Menschen wertet, für welche der andere sein Leben opfert, dieses Werturteil ändert nichts daran, daß die Tatsache der Selbstopferung ein Sieg der Persönlichkeit über die Welt ist. Keines der großen Besitztümer der Menschheit, von denen die Völker und Generationen leben, ist ohne diese Todesbereitsdiaft und die/Hingabe Einzelner erkauft worden. Darum ist die Selbstaufopferung des Individuums die äußerste Forderung der Ethik. Aber was die Ethik fordert, ist nicht eine Selbstvernichtung, sondern die nachdrücklichste Selbstbehauptung des Individuums im Interesse der Allgemeinheit, eben durch die Aufopferung. Es liegt nahe, dies an Beispielen aus der jüdischen Geschichte zu erläutern, die an Fällen der Selbstaufopferung Einzelner besonders reich ist. Wir brauchen nicht einmal in eine allzu ferne Vergangenheit zurückzugreifen. Am 24.Oktober 1492 wurden vor dem Tor der Stadt Sternberg in Mecklenburg fünfundzwanzig jüdische Männer und zwei Frauen lebendigen Leibes verbrannt, weil sie eine Hostie geschändet haben sollten, indem sie sie gestochen hatten, „bis Blut von ihr rann". Vor der Hinrichtung redete man den Verurteilten zu, sich taufen zu lassen, wodurch sie ihr Leben retten oder wenigstens dem entsetzlichen Flammentod entgehen konnten. Ein christlicher Zeitgenosse, Augen- und Ohrenzeuge des Vorganges erzählt: „Der Herzog Magnus redete einen der Juden namens Aron, dem er mehr Gefühl als den anderen zutrauen mochte, mit den Worten an: ,Warum folgst du nicht unserem Glauben, um durch die Taufe mit uns gleicher himmlischer Seligkeit zu genießen?" Aber Aron antwortete sophistisch schneidend: „Edler Fürst, ich glaube an Gott, der alles kann und alles geschaffen hat, an ihn, dessen Verehrung unser Vater Abraham und sein Sohn Isaak und unsere anderen Vorfahren, die nie von unserem Glauben abgefallen sind, uns geboten haben. Er, so glaube ich, ließ mich Mensch werden und Jude. Hätte er mich zum Christen haben wollen, so hätte er mich nicht seinem heiligen Bekenntnisse zugewendet. Wenn es sein Wille gewesen wäre, hätte ich ein Fürst sein können, wie du/' „Alle aber/' so fügt der christliche Erzähler hinzu, „gingen mit festem Mut, ohne Widerstreben und Tränen, zum Tod und hauchten ihr Leben mit alten heiligen Gesängen aus/'*) Keiner wird behaupten wollen, daß diese Märtyrer ihre Individualität vernichtet haben, indem sie freiwillig den grauenvollen Tod auf sich nahmen. Ein anderes Beispiel: Im Jahre 1659, am ersten Tage des Neujahrsfestes, wurde die von Betern überfüllte *) Ausführlich erzählt in „Ost und West", 1910, S. 569 ff.

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