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Ost und West · 1916-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1916) · p. Seite 289 - 290

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1916)
Article
Politik und Moral
Date
1916-08-01
Page
Seite 289 - 290 (sequence 3)
Language
German
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289 Politik und Moral. 290 deutung, eine gewaltige Tiefe und Resonanz, sie wird zum Glied einer Kette, die sich um die fernsten Generationen schlingt; und ebenso wächst die Verantwortlichkeit des Einzelnen weit über sein persönliches Schicksal hinaus. Sehr schön versinnbildlicht das eine Parabel des Midrasch. Eine Vogelmutter faßt ihre noch nicht flügge gewordenen Küchlein, eines nach dem anderen, mit dem Schnabel an und trägt sie ins Meer hinaus; dort, über der Flut schwebend, fragt sie die Jungen, womit sie ihr die Mühen und Sorgen, welche sie an die Kinder verwendet, dermaleinst zu lohnen gedenken. Das eine Junge will die Mutter in der Krankheit pflegen, das andere im Alter für sie sorgen, ein drittes will ihr die schönsten Blumen herbeiholen; das alles läßt die Vogelmutter nicht gelten und läßt die Küchlein ins Meer fallen. Nur das letzte antwortet: ich will an meinen Kindern dasselbe tun, was du an uns tust. Die Antwort gefällt der Alten und sie läßt das Vöglein am Leben. Von solcher Auffassung der Dankbarkeit ausgehend, könnte diese Tugend in der Tat ein starkes und edles Band zwischen den Völkern ebenso wie zwischen den Individuen werden. Allein sc'hon daß sie gefordert wird, beweist, daß die Lehre von dem Amoralismus des Staates geneigt ist, bedeutende Konzessionen zu machen — wenn es dem Stärkeren frommt. Wollte man diese Lehre folgerichtig durchführen, so käme man zu den seltsamsten Widersprüchen. Manche Staaten sind durch eine Personal- oder Real-Union nach außen hin zu einer Einheit zusammengefaßt, während jeder eine selbständige und unabhängige Regierung besitzt. Kommt es zwischen diesen einzelnen Regierungen infolge eines Interessengegensatzes zum Streit, so darf dieser nur nach den strengsten Forderungen der Moral ausgefochten werden, gleich wie ein Streit zwischen zwei Privatleuten oder zwischen zwei Städten desselben Landes. Denn der Amoralis'mus gilt ja nur in den internationalen, auswärtigen Beziehungen der Völker untereinander. Es kann aber vorkommen, daß solche Staaten das sie einende Band ohne Krieg lösen und schiedlich friedlich auseinandergehen, um fortab gesondert nebeneinander ihre Wege zu wandeln. Von diesem Augenblick ab wären sie in ihren gegenseitigen Beziehungen nicht mehr an das Moralgesetz gebunden. Der Immoralismus tritt seine Herrschaft über sie an. Solange Schweden und Norwegen durch die Person des gemeinsamen Monarchen zu einem einheitlichen Staatswesen nach außen hin verbunden waren, mit einem! gemeinsamen Ministerium des Aeußern und einem gemeinsamen Konsularkorps, durften die Regierungen der beiden Staaten sich gegenseitig nicht belügen, betrügen, treulos behandeln, übervorteilen, vergewaltigen. Von dem Moment an, da sie übereingekommen sind, diese Gemeinsamkeit zu lösen und Norwegen sich einen eigenen König erwählt, ist ihnen das alles nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten, ja unter Umständen zur heiligen Pflicht geworden, wenn es. der Vorteil des einen oder des anderen Staates erfordert. In den zahlreichen gelehrten Abhandlungen über Politik und Moral, die seit dem Krieg erschienen sind, findet man regelmäßig den brennenden Wunsch ausgesprochen, daß die Moral politischer und die Politik moralischer werden möchte. Sollte indessen die „Moral" noch politischer werden, als sie schon ist, so steht zu befürchten, daß die Politik es nicht nötig haben wird, moralischer zu werden... Um zu beweisen, daß in den Beziehungen zwischen den Staaten die Grundsätze der Privatmoral unmöglich walten können, beruft man sich darauf, daß letztere in der Forderung gipfelt, das Individuum solle sich für die Allgemeinheit, für eine größere Sache völlig hingeben, sich zum Opfer bringen, nötigenfalls in den Tod gehen, also sich selber vernichten, um ein Etwas zu erhalten, welches außerhalb seines Ichs liegt. Die Berechtigung dieser Forderung an das Individuum ist niemals bestritten worden, zu allen Zeiten sind solche Opfer der völligen Hingabe dargebracht worden und vor unseren Augen tun dies die iHunderttausende schlichter Kriegsmänner, die für ihr Vaterland freudig sterben. Dagegen wäre es absurd, an einen Staat oder ein Volk das Ansinnen zu stellen, sich selber zu vernichten oder freiwillig den Tod und den Untergang auf sich zu nehmen, um anderen Staaten das Leben zu retten oder um der Gesamtheit, das hieße in diesem Falle der ganzen Menschheit, einen Vorteil zu bringen. Da die Sinnlosigkeit dieser Forderung von selber einleuchtet, so erhelle daraus allein schon, daß zwischen der Ethik des Individuums: und der des Staates keine Analogie bestehen könne. Dieser Gedankengang beruht indessen auf einem fundamentalen Irrtum, nämlich auf der falschen Auffassung vom Wesen des Opfers und von der Bedeutung des Sterbens. Der Tod wird gemeinhin für das Schlimmste gehalten, was der Mensch erleiden kann. Will man also andeuten, daß im Namen der Ethik das Vaterland, die Allgemeinheit oder eine hohe Idee von ihm das höchste Opfer heischen dürfen, so sagt man, er sei verpflichtet, für sie zu sterben. Nun ist aber der Tod im Grunde keineswegs das höchste Opfer, weil er nicht das schwerste ist, was der Mensch auf seinem Erdenweg erleiden kann. Der Tod dauert eine kurze Weile und kann oft eine Erlösung sein, die der Mensch in seinen heißesten Gebeten herbeifleht. Der Tod legt fast immer nur den Ueberlebenden schmerzliche Opfer und bittere Qualen auf, dem Sterbenden aber eröffnet er, je nach seinem persönlichen Glauben, die Pforten zu einem Reich ewiger, unerschöpflicher Wonnen oder wünsch-

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