Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Politik und Moral
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 287 - 288 (sequence 2)
- Language
- German
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287 Politik und Moral. 288 günstigen Umständen entging das kleine Land diesem Schicksal. (Jetzt ist es von Rußland in Acht und Bann getan, und aus der „slawischen Völkerfamilie" gestoßen worden.) So lange das unglückliche Serbien sich seiner Haut gegen den Befreier zu erwehren wußte und eine unabhängige Politik trieb, ruhte auf ihm der Zorn des Befreiers wegen seiner Undankbarkeit. Für sich selbst aber nimmt der starke Staat das Vorrecht in Anspruch, sich über die Pflicht der Dankbarkeit, gleichwie über alle anderen moralischen Verpflichtungen, hinwegzusetzen. Im eigenen „höheren" Interesse kann es sogar seine „Pflicht" sein, die größte Undankbarkeit zu üben. Ohne die Hilfe Rumäniens wären die Russen im Türkenkriege 1877 von einer schweren Niederlage ereilt worden. Zum Dank dafür nahmen, sie ihm beim Friedensschluß Beßarabien weg. In Wirklichkeit wiederholt sich hier eine Beziehung, die auch zwischen Einzelmenschen als Spendern und Empfängern von Wohltaten vorkommt. Wenn Rußland sich " über die schwarze Undankbarkeit des von ihm „befreiten" kleinen Volkes beklagt, so handelt es, um ein Wort Rousseaus zu gebrauchen, wie jener Angler, der dem Fisch Vorwürfe macht, daß er den Köder gefressen habe, ohne den Haken verschlucken zu wollen. Es wurde gesagt: „Befreite Völker sind nicht dankbar, sondern anspruchsvoll." Allein, das sollen sie ja sein, wenn anders die Befreiung einen Sinn und einen Zweck haben soll. Jeder in der Entwicklung begriffene gesunde Organismus ist anspruchsvoll; wenn der Befreier es gut mit ihm meint, muß er sich darüber freuen, nur wenn er selbstsüchtige Zwecke verfolgt, wird er mit der Dankesforderung stets hinter ihm her sein. Ein Volk, das aus mehrhundertjähriger Knechtschaft befreit wurde, will sich regen, seine Kräfte entfalten, das Versäumte nachholen, sich auf eigene Füße stellen, sich ein Plätzchen an der Sonne erobern. Wenn nun der „Befreier" kommt und das befreite Volk hindern will, seine Kräfte für seine eigenen Zwecke zu gebrauchen, und es vor den Wagen seiner eigenen Macht spannen möchte, so darf er sich nicht wundern, wenn er etwa folgende Antwort zu hören bekommt: „Hast du mich von meinem bisherigen Peiniger nur befreit, um mich aufs neue in die Sklaverei zu nehmen? Soll ich nur den Herrn gewechselt haben? Wenn deine Befreiertätigkeit keinen anderen Zweck hatte, hast du dich schon bezahlt gemacht, wir sind quitt." Die Dankbarkeit ist nämlich ein Schuldschein, der sofort seine Gültigkeit verliert, wenn er präsentiert wird. Allein das gilt nicht nur zwischen Völkern, sondern auch zwischen Individuen. Die Wohltat nämlich, die ich einem erweise, enthält, welcher Art sie auch immer sein mag, zwei Elemente: das eine ist quantitativ und qualitativ genau bestimmbar und läßt sich haarklein ausrechnen; das andere ist das imponderable, das unfaßbare, das unsichtbare, rein seelische, das wie ein feiner zarter Ton die gute Handlung umschwebt. Es ist das Element der Uneigennützigkeit, der vollkommen uninteressierten Hingabe, die die gute Tat vollbracht hat, ohne auf RückVergeltung oder gar Lohn zu rechnen, und dadurch die Wohltat aus der Sphäre des rein Geschäftlichen in eine ideale Höhe erhoben hat. Dieses andere Element bildet das Band der Dankbarkeit, welches Spender und Empfänger umschlingt. Es bleibt bestehen, auch wenn die Rückvergeltung des Materiellen auf Heller und Pfennig erfolgt ist, es bleibt von dieser an sich gleichgültigen Tatsache unberührt. Hat aber der Empfänger die Dankbarkeit als Forderung geltend gemacht, so hat er dadurch seine Handlung aus der Sphäre des Idealen in das rein Geschäftliche hinabgezogen und aut das arithmetisch Ausrechenbare reduziert. So und so viel schuldest du mir, mit Zins und Zinseszinsen; wann zahlst du? Er hat den Titel der Uneigennützigkeit und somit das Recht auf die Dankbarkeit verwirkt — indem er sie beanspruchte. Darum gehen wahrhaft gütige Menschen den Danksagungen ängstlich aus dem Wege, verbitten sie sich, bisweilen sogar in etwas rauher Form, üben ihre Wohltaten ungekannt, im Verborgenen (matthan besether). Die einzige Rückvergeltung und Dankesbekundung, die sie bewußt oder unbewußt erhoffen, ist, daß der Empfänger seinerseits, seinen Kräften und seiner Lage angemessen, die Wohltat weiter geben werde. Dann wird sie einem in gesegnete Scholle geborgenen Samenkorn vergleichbar, das reiche Früchte trägt, einem in den Wald hineingesungenen Lied, das in verstärktem Widerhall erklingt. Der Wohltäter wird zum Mehrer des Guten in der Welt. Das ist wohl der schönste Lohn und der herrlichste Dank, der ihm blühen kann. Am klarsten und schlichtesten tritt das in dem Verhältnis zwischen Eltern und Kindern zutage. Der Vater, der sich für den Sohn die größten Entbehrungen auferlegt und Gefahren auf sich nimmt, tut dies aus Instinkt, ohne erst zu reflektieren, aber wenn er über sein Tun nachdenkt, wird er sich bewußt, daß er von seinem Sohn als Rückvergeltung nicht nur Gefühle der Liebe und der Ehrfurcht — die ihm in normalen Verhältnissen ohnehin sicher sind —, sondern auch noch etwas Realeres, Greifbares wünscht und erwartet, eine wirkliche Entschädigung, sogar mit Zins und Zinseszinsen. Doch wünscht kein Vater, selber der Empfänger dieser Entschädigung zu sein, im Gegenteil, nichts kann er weniger wünschen, als einmal, etwa in der Not oder auf die alten Tage, vom Sohn die an diesen verwendeten Mühen vergolten zu bekommen. Was er wünscht und hofft, ist, daß der Sohn dermaleinst, wenn an ihn die Reihe kommt, Vater zu sein, seinen Kindern die Wohltaten heimzähle, die er von ihm empfangen hat, und darüber hinaus sich auch Fremden gegenüber als guter Mensch bewähre. Durch diese Gesinnung gewinnt die Tat des schlichtesten Einzelnen eine ungeheure, überpersönliche Be-