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Ost und West · 1916-04-01 · Heft 4-5 (April-Mai 1916) · p. Seite 207 - 208

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 4-5 (April-Mai 1916)
Article
Das rollende Rad der Geschichte
Date
1916-04-01
Page
Seite 207 - 208 (sequence 5)
Language
German
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207 Das rollende Rad der Geschichte. 20S teten sich doch die Nachrichten über das große Unglück, welches die mitteleuropäischen Juden heimgesucht hatte, durch alle Judengemeinden, die von diesem Schicksal verschont geblieben waren, und sofort wurde eine Aktion angeregt, den Betroffenen, ohne Unterschied ihrer staatlichen Zugehörigkeit und ohne Rücksicht darauf, von welcher Seite sie heimgesucht worden waren, Hilfe zu bringen. Wir besitzen zwei Briefe von dem italienischen Rabbiner Samuel Aboab an die Häupter der jüdischen Gemeinde in Wien (von S. Ch. Halberstamm in Bielitz veröffentlicht), die aus dem Jahre 1643 stammen, und über die Geldsammlungen zugunsten der Unglücklichen berichten. Um das Schicksal der Juden in Mähren, insbesondere der angesehenen Gemeinde Kremsier, zu erleichtern, wurde ein Zentralkomitee in Venedig gegründet, welches den Sammelpunkt für alle Gelder, die auch die Sephardim in Amsterdam und Verona schickten, bildete. Obgleich soeben der Krieg zwischen der venezianischen Republik und der habsburgischen Monarchie beendet worden war und die Juden auf beiden Seiten gegeneinander gekämpft, obgleich die Schweden Oesterreich eine Provinz entrissen hatten, traten doch die Anführer der italienischen Juden in Verbindung mit den Häuptern der Gemeinde in Wien und regten sie an, sich mit dem Los der mährischen Juden zu befassen und unter ihnen Geldgaben zu verteilen. Rabbi S. Aboab schreibt: „und welchem Gottesfürchtigen, der sich Jude nennt, wird nicht das Herz erbeben über dieses unsägliche Unglück, und welcher Jude wird nicht Barmherzigkeit zeigen." Während aber die holländischen und italienischen Juden sich mit dem Spenden von Geld begnügen mußten, verstanden die Juden Polens eine viel werktätigere und dauerndere Hilfe zu gewähren. Die jüdischen Gemeinden in Polen, die bereits eine längere Entwicklung hinter sich hatten, waren seither für die deutschen Juden eine Zufluchtsstätte, wo sie vor ihren vielfachen Verfolgungen Rettung fanden. In der äußersten Not griffen auch damals schon die deutschen Juden zum Wanderstab. Was heute für die russischen Juden Amerika ist, war damals für die deutschen Juden Polen. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Judenverfolgungen in Deutschland, als nach und nach Köln, Augsburg, Sachsen, Bayern, Brandenburg, Speyer, Mainz, Breslau, Ulm, Nürnberg, Regensburg „judenrein" gemacht wurden — im Verlauf dieses Jahrhunderts wuchs die Anzahl der Juden in Polen immer mehr an. Obgleich in gewissen Gemeinden Polens die Anzahl der aufenthaltsberechtigten Personen beschränkt wurde, hörte der Strom der Einwanderung aus Deutschland auch im nächsten Jahrhundert nicht auf. Das jüdische Solidaritätsgefühl, das Pflichtbewußtsein, der jüdischen Gemeinschaft überall, wo sie Not leidet, Hilfe zu bringen, erstarkte unter den polnischen Juden immer mehr; und in demselben Maße, als die grausamen Bedrückungen und Beschränkungen es den Judengemeinden in Deutschland unmöglich machten, diese nationalen Verpflichtungen zu erfüllen, traten die Judengemeinden in Polen an ihre Stelle. So war es z. B. der Versammlung der deutschen Rabbinen in Frankfurt a. M. im Jahre 1603 infolge der Zeitumstände nicht möglich, sich mit anderen als lokalen Fragen zu befassen und über Maßregeln zu beraten, die kein höheres Ziel kannten, als feindliche Angriffe und Verleumdungen abzuwehren. Dagegen hatte die damals auf der Höhe ihres Ansehens stehende „Vier-Länder-Synode" in Polen die wichtigsten allgemein jüdischen Fragen in den Bereich ihrer Verhandlungen gezogen, und obgleich ihre juristische Kompetenz auf Polen beschränkt war, so reichte doch ihr moralischer Einfluß weit hinaus über die ganze Judenheit, und es kam öfters vor, daß von den fernsten jüdischen Gemeinden Fragen in religiösen Angelegenheiten an sie gerichtet wurden, oder in Zeiten der Not und Bedrückung ihre Hilfe erbeten wurde. Einige wenige Beispiele von vielen mögen genügen, um das zu illustrieren. Ueber die Gemeinden Zülz und Hotzenplotz in Schlesien wurde die Ausweisung verhängt. Um dieses Verhängnis abzuwenden, war es nötig, eine bedeutende Summe an die Regierung zu zahlen. Das geschah einige Jahre vor Beginn des 30jährigen Krieges. Die deutschen Juden befanden sich damals schon in einer so bedrängten Lage, daß sie weder Kraft noch Mittel hatten, diese Sache in die Hand zu nehmen, auch nicht sich an dem Werk zu beteiligen. Das vollbrachte die „Vier-Länder-Synode", die selbst eine bedeutende Summe spendete und den anderen Gemeinden auch in Mähren und Böhmen Tribut auferlegte. (Vgl. Responsen des Maharam Lublin, Nr. 40.) Um dieselbe Zeit verschlimmerte sich die ökonomische Lage der Juden Palästinas, welche vorwiegend von den Gaben ihrer Brüder in Europa lebten. Den Juden in West-Europa war es während des langen Krieges nicht möglich, sich ihrer palästinensischen Brüder anzunehmen, überdies hatten sie vollauf zu tun, um den Juden der näher gelegenen Gemeinden Hilfe zu bringen. Das ganze palästinensische Hilfswerk lag damals den Juden in Polen und Litauen ob. Den Anfang machten einige private Spender, dann

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