Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Das rollende Rad der Geschichte
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 205 - 206 (sequence 4)
- Language
- German
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205 Das rollende Rad der Geschichte. 206 dienen wußte, seine Gesinnung änderte und, als die Ologauer Juden sich an ihn mit dem Ansuchen wandten, ihnen für eine kürzere Zeit den Aufenthalt im Weichbild der Stadt zu erlauben, ihnen unzweideutig erwiderte: „Ich will ihnen jetzt nicht einmal den Aufenthalt in der Stadt selbst erlauben." (Schreiben an den Landesverweser zu Glogau vom 31. Oktober 1636.) Aber die städtischen Bürger ließen sich von ihrem Konkurrenzneid nicht nur zu solchen lügnerischen Ausstreuungen hinreißen, das diente bloß dazu5 die gewünschte Atmosphäre vorzubereiten. Sobald diese geschaffen war, machten sie sich an die Ernte. In Frankfurt a. M. zum Beispiel, mitten im Kriegsgetümmel (1635), treten alle Krämer, Goldschmiede und Schneider Frankfurts mit einem Gesuch an den Stadtrat heran, den Juden den Handel zu verbieten, da sie den Christen Konkurrenz machen. Als nämlich den christlichen Schneidern in der Kriegszeit die Arbeit ausgegangen war, warfen sie sich auf den Handel mit alten Kleidern, der seit jeher in jüdischen Händen ruhte. Dabei flogen von allen Seiten an den Stadtrat Denunziationen gegen einzelne Juden, daß sie die „Stättigkeitsvorschriften" überträten, Detailhandel trieben, sich der Elle beim Messen bedienten und andere ähnliche „Verbrechen" begingen, weshalb sie ausgewiesen werden müßten. Man lese die Verteidigung der Juden gegen diese Anwürfe. Sie lautet folgendermaßen: „Wovon sollen die Juden denn überhaupt leben, bei den jetzigen Kriegszeitläuften, wo aller Handel und Wandel gesperrt ist, unsere Schuldner draußen auf dem Land gehemmt sind, da wir weder Acker noch Wiesen besitzen dürfen, auch kein Handwerk treiben können, die wenigsten aber mit Geld und Wechselausleihen ihre tägliche Nahrung suchen, wo wir außerdem noch die vielen Armen unter uns zu ernähren haben und hoch besteuert sind? Da wissen wir nicht, wenn uns noch dieser einzige noch übriggebliebene Unterhalt weggenommen werden sollte, womit wir unser Brot verdienen können." (Cracauer, „Beiträge zur Geschichte der Frankfurter Juden usw." in „Zeitschrift für Geschichte der Juden in Deutschland", III, S. 149.) Der wirtschaftliche Zustand der Juden verschlimmerte sich immer mehr und mehr, die Bankrotte häuften sich, draußen tobte der Krieg; die Stadt zu verlassen, um in der Umgegend Handel zu treiben, war unmöglich, innerhalb der Stadt schwoll der Haß immer mehr an. Dabei suchten alle Kriegsopfer aus der Umgegend dort Hilfe und Rettung, die Zahl der Witwen und Waisen, welche die Gemeinde zu unterhalten hatte, belief sich auf Hunderte. Was Wunder also, wenn die Einkünfte der Gemeinde sich verminderten und die Schulden immer anwuchsen und die Armut in ihrer häßlichsten Form die Juden des Frankfurter Ghettos immer mehr umklammerte? Immerhin waren diese die glücklichsten unter den deutschen Juden; ihre Häuser wurden nicht zerstört, die Truppen waren durch ihre Gassen nicht marschiert; außerdem waren sie im Besitz von Privilegien, die ihnen den Aufenthalt in Frankfurt a. M. gestatteten. Viel schlimmer waren die anderen Juden daran, die Bewohner der kleineren Gemeinden, die von den Kriegführenden oft und oft heimgesucht wurden, deren Wohnstätten verwüstet dalagen und denen der Aufenthalt in Frankfurt a. M. nicht erlaubt war. Die Archive in Frankfurt a. M. bewahren eine große Anzahl von Gesuchen auf, in welchen Juden die Stadtgewaltigen baten, ihnen doch wenigstens eine Weile, bis der Krieg vorüber sein würde, den Aufenthalt in Frankfurt zu gestatten, da ihre Heimatstädtchen von den Truppen zerstört worden waren. Aber alle diese Gesuche wurden abgewiesen. Doch damit nicht genug: Im Jahre 1626, in derselben Zeit, während in verschiedenen deutschen Städten die Juden an der Seite ihrer Mitbürger für die Heimat ihr Leben wagten, stürzten sich die Stadtpolizisten auf das Ghetto in Frankfurt, um eine Razzia auf Juden zu machen, die dort keine „Stättigkeit" (heute würde man sagen, kein „Wohnrecht") besaßen, d. h. sie waren aus den vom Feind besetzten und verwüsteten Städten nach Frankfurt geflüchtet. Man fand in dem Frankfurter Ghetto tatsächlich fünfundneunzig solche „fremde" Juden, die ausgewiesen und ihrem Schicksal überlassen wurden. Die Frage drängt sich auf, was taten diese Unglücklichen, um ihr Schicksal zu erleichtern, wer reichte den Juden in Deutschland und Oesterreich hilfreiche Hand in ihrer trostlosen Lage. Hier zeigte sich die Lichtseite im Leben der Juden in den vorigen Jahrhunderten mit aller tröstlichen Kraft. Wie gesagt, nicht alle Gegenden in Europa, wo Juden wohnten, waren in ein Schlachtfeld verwandelt. Vom Kriege unberührt blieben einerseits die holländischen und ein Teil der italienischen Juden und andererseits die zahlreiche Judenheit im damaligen Polen. Und obgleich damals die Verkehrsmittel noch nicht so entwickelt waren, um eine gemeinsame europäische Aktion zu ermöglichen, obwohl infolge der Kriegslage auch die damaligen primitiven Verkehrsmittel häufig versagen mußten, verbrei-