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Ost und West · 1916-04-01 · Heft 4-5 (April-Mai 1916) · p. Seite 209 - 210

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 4-5 (April-Mai 1916)
Article
Das rollende Rad der Geschichte
Date
1916-04-01
Page
Seite 209 - 210 (sequence 6)
Language
German
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209 Kriegsliteratur. 210 schlössen sich ganze Gemeinden zusammen, endlich schrieb die Synode allen einzelnen Gemeinden yor, besondere Stellen für Geldsammlungen zu palästinensischen Zwecken einzurichten. („Pinax •der litauischen Synode", § 814, gedruckt als Beilage zu „Jewrejskaja Starina".) Polen blieb auch die wichtigste Zufluchtsstätte 1ür die Juden Mittel-Europas während der Schreckensjahre des 30jährigen Krieges. Schon im Jahre 1619, als über Böhmen sich der erste Sturm entlud, richteten die Juden ihre Augen auf Polen. In den „jüdischen Privatbriefen" aus dem Jahre 1619, welche von Dr. A. Landau und Dr. B. Wachstein im Jahre 1911 veröffentlicht worden sind, schreibt eine jüdische Frau aus Prag an ihre Schwägerin in Wien und berichtet ihr über die mißlichen Zustände in Böhmen und warnt sie davor, nach Prag zu kommen: „Ich habe nur im sinn, mit mein Schwager in Polen zihen, nit ich alein, andere leit men (mehr), die nor kenen abkumen." Dieser Auswanderungsstrom von Deutschland und Böhmen nach Polen verstärkte sich immer mehr und hielt auch im Verlauf des ganzen Krieges an. Auch der erwähnte Prager Oberrabbiner Heller wandte sich nach Polen, als er gezwungen war, seinen Sitz zu verlassen. In einem der Gesuche, welches zwanzig Jahre später die Frankfurter Juden an die Regierung richteten, finden wir folgendes: „Diejenigen Juden, welche fremden Personen auf Handschriften getraut, sind zugleich mit ihren zugrunde gegangenen Debitores zu Boden gesegelt und an den Bettelstab gesetzt worden, daß sie durch den schwarzen Hunger welchen sie mit Weib und Kind länger nicht erdulden können, haufenweise aus hiesiger Stadt nach Polen und anderen fremden Orten verzogen und vertrieben worden sind." (Cracauer, ibid. S. 150.) So sah es unter den Juden Deutschlands und Oesterreichs während jenes endlosen Krieges aus: Plünderungen durch den Feind, Feindseligkeiten von Seiten der Mitbürger, Opferwilligkeit der Juden, und als Lohn dafür Gehässigkeit und Verfolgung, Armut unter den einzelnen und in den Gemeinden, wirtschaftlicher Niedergang und völlige Hilflosigkeit. Von außen mußte die Hilfe kommen, und reichlich flössen die Geldsummen von verschiedenen Teilen der Judenheit im neutralen Auslande und im Feindesland. Und trotz der Treue und Ergebenheit, die die Juden während des Krieges der Stadt und dem Land, denen sie angehörten, vielfach erwiesen hatten, mußten sie schließlich zum Wanderstab greifen und sich eine neue Heimat in fremden Ländern, hauptsächlich in Polen, suchen. Allein, auch dieser grauenhafte Krieg, der den damaligen Menschen gewiß eine Ewigkeit zu dauern schien, nahm ein Ende, und die Sonne leuchtete wieder den deutschen Juden. Das verwüstete und verarmte Land bedurfte neuer Kräfte, um sich wieder aufzurichten, und im Drange des neu erwachenden Lebens vergaß man teilweise auch den alten Haß gegen die Juden. Leider aber brachte das Jahr 1648, welches den 30jährigen Krieg abschloß, über Polen den Anfang der Kosakenaufstände und Schwedenkriege, welche Polen noch schrecklicher heimsuchten, als dies der 30jährige Krieg mit Mittel-Europa getan. Für die polnischen Juden aber bildete dieses unglückliche Jahr einen Wendepunkt in ihrer Geschichte; viele von ihren Gemeinden wurden gänzlich vernichtet. In den folgenden Jahren sollen hunderttausende jüdische Seelen in Polen ausgerottet worden sein. Wirtschaftlich gingen die Juden ganz zugrunde; deswegen hörte auch die Einwanderung von Deutschland auf und Flüchtlinge aus Polen suchten Rettung und Zuflucht in Mittel- und West-Europa. Das Rad hatte sich gedreht. KRIEGSLITERATUR. „Der Weltkrieg im Lichte des Judentums" von Dr. J. Wohlgemuth1) ist ein Versuch, das überwältigende Erlebnis mit den geistigen Mitteln, welche Lehre und Tradition des Judentums bieten, mit einer durch dieses geformten Seele zu erfassen und seiner Herr zu werden. Unter der großen Menge von Kriegsbüchern, zu der ja die ersten Geister Deutschlands beigetragen haben, nimmt dieses eine sehr hervorragende Stelle ein. i) Dritte Auflage, BciTn N 24. Verlag des Jeschurim, 1915. In zehn Kapiteln werden die wichtigsten Probleme, die das erschütternde Weltereignis aufgeworfen hat, beleuchtet. Und da ist es lehrreich, zu sehen, wie weitumspannend die geistigen Interessen des Judentums sind, zu welchen scheinbar fernliegenden Fragen es seine Bekenner Stellung zu nehmen zwingt. Der Standpunkt Wohlgem'uths, der der strengsten Orthodoxie, wird überall mit eiserner Konsequenz festgehalten, kommt aber nirgends störend zur Geltung, nicht nur wegen der alles überragenden Größe des Gegenstandes, sondern zuvörderst dank der hohen

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