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Ost und West · 1916-04-01 · Heft 4-5 (April-Mai 1916) · p. Seite 203 - 204

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 4-5 (April-Mai 1916)
Article
Das rollende Rad der Geschichte
Date
1916-04-01
Page
Seite 203 - 204 (sequence 3)
Language
German
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203 Das rollende Rad der Geschichte. 204 werden, Gelehrte, die verbrannt werden, Frauen, die geschändet werden, und Jungfrauen, die im Bassin der Mikwah freiwillig den Tod suchen, um der Schande zu entgehen. In der Republik Venedig, als dort die Kaiserlichen siegten und Mantua eroberten, „kamen sie an das Ghetto heran, erbrachen die Tore, fielen über die Judenhäuser |her und plünderten nach Herzenslust. Auch nach den Synagogen kamen die Räuber, plünderten allen silbernen und goldenen Schmuck der Thorarollen." Aber die Sieger geboten alsbald den Truppen Ruhe und ließen bekanntmachen, daß weder ein Deutscher noch ein Jtaliener es wagen dürfe, sich an jüdischem Besitz zu vergreifen. Der Sieger hatte nämlich beschlossen, diesen ganzen Besitz für sich selbst aufzubewahren. Zehn Tage nach der Eroberung der Stadt wurde ein Gesetz erlassen, welches allen Juden befahl, die Stadt binnen drei Tagen zu verlassen und ihren ganzen Besitz zurückzulassen, mit Ausnahme von „3 Dukaten auf die Person und den Kleidern, die jeder auf dem Leibe trug". Zuwiderhandelnden wurde Todesstrafe angedroht. Drei Tage darauf war in dieser ganzen Stadt, in welcher die Juden seit Jahrhunderten wohnten und für deren Verteidigung sie eben noch ihr Leben gewagt hatten, kein Jude mehr übrig. Aber wenn alles das den Juden von Seiten der Kaiserlichen oder der Schweden angetan wurde, weil sie treu zu ihrem Vaterland hielten, erging es ihnen von Seiten ihrer Mitbürger in denselben Ländern nicht besser, obgleich sie treu zu ihrem Vaterland hielten. Freilich, in Brandenburg und Nürnberg, in Augsburg und Regensburg, in diesen Städten, welche uralte jüdische Gemeinden beherbergt hatten und jetzt von Wallensteins Armeen verwüstet wurden, wrar den Juden ein großes Wunder geschehen: aus diesen Städten waren sie noch hundert oder mehr Jahre vor Ausbruch des Krieges vertrieben worden; es konnte ihnen also hier kein Leid mehr geschehen. Aber in den wenigen Städten Deutschlands, wo eine gewisse Zahl von Juden zurückgeblieben war, fanden sie in diesen traurigen Jahren keine Ruhe. Was der Steuereinnehmer zurückließ, verzehrte das Heer und was den Plünderern entging, fiel den Mitbürgern in die Hand. Eins muß man nämlich vor allen Dingen im Auge behalten, wenn man von der Lage der Juden in Deutschland während des 30jährigen Krieges spricht: der Krieg spielte sich eben in einer Atmosphäre von tiefem Judenhaß ab, einem Haß, welcher seine Wurzel in den wirtschaftlichen Zuständen hatte und von Vorurteilen religiöser und nationaler Natur genährt wurde. Auch hierin gleicht die Lage der Juden in jenen Ländern, welche heute den Schauplatz des Krieges bilden, ihrer Lage in Deutschland zu jener Zeit. Fünf Jahre vor Beginn dieses Krieges, nämlich im Sommer 1614, war in Frankfurt a. M, der Fettmilchsche Aufstand ausgebrochen, in dem sich der Konkurrenzneid der christlichen Handwerksmeister und Gesellen gegen die Juden austobte. Aufständische erstürmten das Ghetto, plünderten und mordeten nach Herzenslust und vertrieben den Rest der Juden aus der Stadt. Im Winter desselben Jahres wiederholte sich dieser Vorgang auch in Worms. Unter Anführung des Dr. Chemnitz entstand ein regelrechter, wohl organisierter Boykott. Das Verbot, Juden Lebensmittel zu verkaufen, ihr Vieh auf die Weide zu lassen, ihnen für ihre Kinder Milch zu liefern, ferner die Androhung, jeden Juden, der die Tore des Ghettos verließ, niederzumachen, sollte die Juden ausrotten. Das Ende war, daß Verheerungen im Ghetto stattfanden und die Juden vertrieben wurden. Dabei waren Frankfurt a. M. und Worms, außer Prag und Wien, damals die angesehensten unter den wenigen jüdischen Gemeinden in ganz Deutschland. Allerdings wurden die Juden damals in beiden Fällen nicht auf lange Zeit aus der Stadt vertrieben. Die kaiserliche Regierung führte sie, selbstverständlich nicht aus lauter uneigennützigen Gründen, unter militärischem Schutz im Jahre 1616 in ihre alten Wohnsitze wieder zurück. Natürlich wurde dadurch der Haß keineswegs ausgerottet. Im Gegenteil; er schwoll nur noch mehr an. Was in einem offenen Kampfe nicht zu erreichen gewesen war, sollten die Judenfeinde jetzt in den Wirrnissen des Krieges auf anderem Wege bewerkstelligen. Da wird es nicht wundernehmen, daß von Zeit zu Zeit die Beschuldigung ausgestreut wurde, daß die Juden die Not des Landes zu ihrem Vorteil ausnützen, geplünderte Sachen von den Soldaten „für ein lüderlich Geld" aufkauften. Verschiedentlich wurden sogar Gerüchte ausgesprengt, daß die Juden das Land an die Schweden verrieten. (Vgl. „Annalen der Juden in den preußischen Städten", 1790, Seite 84.) All das mutet uns an, nicht wie wenn es vor dreihundert Jahren stattgefunden hätte, sondern wie wenn wir es heute in den Berichten vom östlichen Kriegsschauplatz lesen würden. Natürlich konnten diese Gerüchte nicht wirkungslos verhallen, obgleich die Heerführer von der Ergebenheit der Juden oft und oft Gelegenheit hatten, sich zu überzeugen. Es scheint, daß dieser Umstand die Leiden des Rabbi Jomtow Lippmann Heller zum Teil verursacht habe. Es kam dahin, daß selbst Wallenstein, der sonst frei von jedem Vorurteil gegen die Juden war und sich ihrer stets zu seinem Vorteil zu be-

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